Justiz

Prozessbegleiter unterstützen Verbrechensopfer vor Gericht

Ortstermin vor dem Landgericht Essen: Diplom-Pädagogin Katrin Hotze begleitet Opfer schwerer Straftaten vor und im Prozess.

Foto: Stefan Arend

Ortstermin vor dem Landgericht Essen: Diplom-Pädagogin Katrin Hotze begleitet Opfer schwerer Straftaten vor und im Prozess. Foto: Stefan Arend

Essen.   Sie kann die Arbeit des Gerichts erklären und steht Verbrechensopfern mit Trost und Traubenzucker zur Seite: Eine Prozessbegleiterin erzählt.

Sie hoffen auf Gerechtigkeit und fürchten sich doch vor dem Gang ins Gericht: Opfer schwerer Straftaten, die wissen, dass sie dort ihrem Peiniger ins Gesicht sehen werden, dass sie vor fremden Menschen über Angst, Schmerz und Scham aussagen sollen. Seit diesem Jahr haben sie Anspruch auf einen professionellen Helfer, der ihnen in dieser belastenden Zeit zur Seite steht.

Ein spannender Einblick in das Rechtssystem

Katrin Hotze (38) zählt zu den ersten, die die Fortbildung „Psychosoziale Prozessbegleitung“ abgeschlossen haben. Ihre Vorgesetzten beim Diakoniewerk hatten sie angesprochen, wohl auch, weil sie zuvor in der Konfliktberatung und ehrenamtlich im Opferschutz gearbeitet hatte – solche Vorkenntnisse werden für die Aufgabe vorausgesetzt. Ein Jahr lang hat die Diplom-Pädagogin berufsbegleitend die Uni Düsseldorf besucht. „Wir haben uns mit den Rechten der Opfer befasst, Anwälte, Richter, Kriminologen und Psychologen gehört: super spannend! So intensiv befasst man sich sonst nicht mit dem Rechtssystem.“

Auch Besuche von Gerichtsterminen gehörten zur Fortbildung, und so kann Katrin Hotze ihre Schützlinge nun behutsam durch einen Prozess leiten. Sie beantwortet, wozu die Sicherheitsschleuse nötig ist, warum es neben den Richtern auch Schöffen gibt oder wo welche Prozessbeteiligte sitzen. Sie beruhigt, dass der richterliche Hinweis, man könne sich durch eine Falschaussage des Meineids schuldig machen, an jeden geht: „Eine Frau fragte entsetzt: ,Denkt der etwa, ich lüge?!’“

Das Opfer zeigte: „Ich lass’ mich nicht kleinkriegen“

So etwas könnte auch ein Anwalt erklären, bestätigt Hotze. Und bei ihrer ersten Prozessbegleitung erlebte sie auch einen „tollen Anwalt, dem Opferschutz wichtig war“. Andererseits müsse er sich im Prozess auf jedes Detail konzentrieren, um seine Mandantin gut zu vertreten. „Ich dagegen kann mit ihr an die frische Luft gehen, wenn ich merke, dass die Belastung zu groß ist.“Lebensgefährlich verletzt hatte die betroffene Frau einen Angriff überlebt, und es sei ihr wichtig gewesen, dem Angeklagten zu zeigen: „Ich lass’ mich nicht kleinkriegen.“ Sie sei stolz gewesen, dass sie ihm bei ihrer Aussage in die Augen sehen konnte. Hotze hilft, ihre Klienten für solche Momente zu wappnen: „Traubenzucker, Taschentücher, Wasser und Schokolade habe ich immer dabei.“

Anders als der Name „Psychosoziale Prozessbegleitung“ nahelegt, hat sie keine therapeutische Funktion, vermittelt in solchen Fällen an andere Stellen. Umgekehrt verweisen Frauenberatung oder der Opferhilfeverein Weißer Ring an sie. Auch die Polizei mache Opfer von Straftaten auf das Angebot aufmerksam, das die Teilnahme am Prozess erleichtern soll. Dazu kann gehören, eine Kinderbetreuung zu besorgen, bei Sprachproblemen zu helfen oder die Fahrt zum Gericht zu organisieren. Vermeintliche Kleinigkeiten, die sehr hilfreich sein können.

Begleiter könnten im Loveparade-Prozess hilfreich sein

„Aktuell wäre das etwas für den Loveparade-Prozess“, glaubt Hotze. Für die Mütter und Väter, die nach Duisburg reisen, um nach sieben Jahren endlich Antwort auf die Frage zu bekommen, wer den Tod ihrer Kinder zu verantworten hat. Auch darauf, dass ein Strafverfahren solche Antworten mitunter nicht geben kann, bereiten Katrin Hotze und ihre Kollegen die Opfer vor.

Dass sie selbst zwischen Suchtberatung, Wohnungslosenhilfe und Prozessbegleitung pendelt, macht der 38-Jährigen übrigens nichts, im Gegenteil. Im Moment bereite sie zwei Prozesse vor und hoffe, dass die Betroffenen spüren: „Da ist jemand, der meinen Bammel versteht und mir meine Sorgen nimmt.“

>>>Begleitung von der Strafanzeige bis zum Urteil

Opfer einer schweren Straftat (sowie ihre Angehörigen) können während des Strafverfahrens die Psychosoziale Prozessbegleitung des Diakoniewerks in Anspruch nehmen. Katrin Hotze und ihr Kollege Lars Goeres begleiten Kinder, Jugendliche und Erwachsene von der Erstattung der Strafanzeige bis zum Prozessende.

Bereits im Ermittlungsverfahren kann die kostenlose Prozessbegleitung im Amtsgericht beantragt werden. Die Betroffenen werden zu Vernehmungen begleitet und auf alle Stadien des Strafverfahrens vorbereitet. Auf Wunsch wird ihre Familie eingebunden. Zudem werden weitergehende Hilfs- und Beratungsangebote vermittelt.


Psychosoziale Prozessbegleitung des Diakoniewerks: Katrin Hotze, Zu den Karmelitern 15, 45145 Essen, 0176-11 26 64 02

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