Christopher Street Day

Party und Protest: Zehntausend Besucher beim CSD in Essen

Glück-Auf-Parade beim Ruhr CSD. Aufgenommen am 10.08.2019 in Essen.

Glück-Auf-Parade beim Ruhr CSD. Aufgenommen am 10.08.2019 in Essen.

Foto: Vladimir Wegener / FUNKE Foto Services

Essen.  Homosexuelle aus ganz NRW kamen zum Christopher Street Day. Viele beklagen: Diskriminierung gehört noch zum Alltag. Feierlaune herrschte trotzdem

Whitney Houstons Hit gibt das Motto vor: „I wanna dance with somebody“. Und die Jugendlichen in der ersten Reihe flippen aus. Eingehüllt in Regenbogenfahnen der Homosexuellen-Bewegung LGBT singen sie den Hit mit, der aus den Boxen des Lautsprecherwagens wummert. Hinter ihnen ziehen Parteien, Gewerkschaften, Vereine oder Initiativen mit bunten Transparenten oder kreativen Kostümen.

Insgesamt besuchten nach Einschätzung der Organisatoren um die zehntausend Menschen den Christopher Street Day (CSD) am Samstag in der Innenstadt. Angefangen beim Marsch, der vom Willy- Brandt-Platz bis zum Kennedyplatz zog. Die Schwulen- und Lesben-Parade verwandelte die City in eine große Partymeile. Doch es ging den Teilnehmern vor allem um politische Anliegen. Denn das Motto der diesjährigen Demonstration lautete: „50 Jahre Stonewall – be proud, stay free“. Damit bezogen sich die Veranstalter auf den Widerstand von Trans- und Homosexuellen gegen eine Razzia im Stonewall In, einer Bar in New York. Ihr Aufstand im Sommer 1969 gilt als Geburtsstunde der LGBT-Bewegung. LGBT steht für Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender, also Lesbisch, Schwul, Bisexuell und Transgender. Auch ein halbes Jahrhundert später beklagen Homo- und Transsexuelle noch immer eine Diskriminierung und protestieren dagegen.

Latexmasken beim CSD in Essen als Protest

So zogen einige Demo-Teilnehmer diesmal ganz bewusst eine Latex-Hundemaske über, ein Fetisch in der Schwulenszene. Hintergrund ist ein Vorfall beim letztjährigen CSD, als die Polizei das Tragen der Accessoires mit Hinweis auf das Vermummungsverbot untersagte. Später räumte das Innenministerium ein rechtswidriges Vorgehen ein.

Dass man im Alltag auf Homophobie trifft, bestätigten viele der CSD-Teilnehmer. „Ein Rechtsruck ist zu spüren“, beklagt Christopher T. Seinen vollständigen Namen will er nicht veröffentlicht sehen. Der 19-Jährige trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift „FCK AfD“. Dass Alice Weidel, die AfD-Fraktionsvorsitzende, sich offen zu Homosexualität bekennt, sieht der Duisburger nicht unbedingt als breite Akzeptanz innerhalb ihrer Partei. „Da geht es nur um Karrierismus“, glaubt er.

„Vor allem in meinem Alter geht es wieder ins Negative“, meint auch die 19-jährige Sha’re Neuschäfer, die aus Krefeld anreiste. „Im Internet wird viel beleidigt.“ Michelle Caidies kennt diese Erfahrungen ebenfalls: Viele Jugendliche würden sich abwehrend äußern, sagt die 16-Jährige. „Die Älteren dagegen nehmen es eher hin, wie es ist.“ Die beiden Worte „Free Love“ (freie Liebe) hat sie auf ihre Wangen gemalt. Um ihre Identität auszuleben, ist sie an diesem Tag extra aus Schwelm angereist: „Ja, ich stehe auf Frauen“, sagt sie. „Jeder soll sein und lieben, wie er will.“ Zumindest an diesem CSD-Nachmittag ist das für alle möglich, wie Mika Dann erzählt: „Es ist ein geschützter Raum“, sagt die 17-Jährige. „Hier lernt man neue Leute kennen.“

Vereine und Initiativen präsentieren sich in der Innenstadt

Das Straßenfest auf dem Kennedyplatz nutzten ebenso viele Initiativen, um sich vorzustellen. Darunter „Together“, ein Jugendtreff für lesbische, schwule und bisexuelle Jugendliche und junge Erwachsene. „Wir wollten ein Angebot für diese Jugendlichen schaffen“, erzählt Sascha Roncevic von „Together“. Es geht um Gespräche und Austausch Gleichgesinnter. „Damit sie auch außerhalb des CSD irgendwo hin können“, so Roncevic. Einige nutzten das Angebot vor Ort und versammelten sich für Plaudereien unter dem Zelt von „Together“.

Beim Stand des Essener Viel-Respekt-Zentrums hieß es dagegen: Lächeln! Und zwar in die Kamera. Anschließen landeten die Fotos in einer Box, natürlich mit Einwilligung. Das Begegnungszentrum sammelt die Fotos für eine Porträt-Reihe vor einem großen Regenbogen in den eigenen vier Wänden. „Wir wollen damit ein Zeichen setzen“, sagt Karin, eine der Ehrenamtlichen.

Und dann wurde es noch kreativ auf der Bühne, als das Kulturprogramm losging: Erst zelebrierten „Sambakowski“ in grün-gelben T-Shirts mit Rasseln und Trommeln beste Brasilien-Folklore. Bevor Matthias Eike zum Mikrofon griff. Der aus Hamburg angereiste Schlagersänger versprühte mit Versen über Sehnsucht, Küssen und Liebe souveräne Schunkel-Stimmung. So ging der Protest allmählich über in ausgelassene Partystimmung.

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