Steigerhäuser

Heisinger Steigerhäuser sind Heimathistorie und Ruine

Brennnesseln und Brombeerhecken verdecken bereits einen Teil der Hausfassade an der Freiherr-vom-Stein-Straße: Henner Höcker vom Museumskreis erklärt, dass die rechte Haushälfte dazu diente, die im Bergbau Verunglückten zu versorgen.

Brennnesseln und Brombeerhecken verdecken bereits einen Teil der Hausfassade an der Freiherr-vom-Stein-Straße: Henner Höcker vom Museumskreis erklärt, dass die rechte Haushälfte dazu diente, die im Bergbau Verunglückten zu versorgen.

Foto: Socrates Tassos

Essen-Heisingen.  Von den Heisinger Steigerhäusern ist eines einsturzgefährdet, ein anderes noch bewohnt. Geplant sind Abriss und Grünfläche statt Neubauten.

Lange Risse in den Mauern, zugemauerte Fenster, ein verwildertes Grundstück, auf dem Brennnesseln und Brombeerhecken in die Höhe ragen: Das ist der heutige Anblick eines der ehemaligen Steigerhäuser, der sich den Spaziergängern und Radfahrern an der Freiherr-vom-Stein-Straße nahe des Baldeneysees bietet. Unweit steht ein ähnliches Doppelhaus. Bewohnt sei in diesem nur noch eine Haushälfte, erklärt die Stadt als heutige Eigentümerin. Nach dem Auszug der letzten Mieter würden die Häuser abgerissen und die Grundstücke zu Grünfläche, erklärt die Stadt und widerspricht damit Spekulationen, dort könnte in Seenähe ein neues Wohnbauprojekt entstehen.

Mit dem Abriss verschwindet im Stadtteil ein weiteres Stück Bergbaugeschichte. Das weiß auch Henner Höcker vom Heisinger Museumskreis, der sich mit der Historie der Häuser befasst hat und feststellen musste, dass allzu viel dazu nicht erhalten ist. Im Stadtteil seien diese Bauten bekannt als Steigerhäuser. „Der rechte Teil des Hauses (Nr. 657) diente während der Betriebszeit der Zeche als Pferdestall, und später zur Aufbahrung tödlich verunfallter Bergleute oder zur Erstversorgung der Verunglückten“, hat er herausgefunden. Ganz zuletzt seien dort dann die Abortkübel von Untertage gereinigt, deren Inhalt zuvor in einen Kanal entsorgt worden sei. Bei einer späteren Begehung dieses Gebäudeteils seien Werkzeuge gefunden worden, die sich nun im Ruhrmuseum befänden. Darunter sei zudem eine Kiste mit der Aufschrift „Carl-Funke“.

Der letzte Bewohner plauschte gern mit den Spaziergängern

Der Hobbyhistoriker hat sich dieses Gebäude und Gelände natürlich genauer angeschaut. Allein, ins Haus und auf das Grundstück kommt wohl niemand mehr. Die Fenster sind teilweise zugemauert, die Tür verriegelt. Für Henner Höcker ist das Heimatforschung live und gleichzeitig eine „vermüllte Ruine“. Auf dem verwahrlosten Grundstück wuchert das Gestrüpp, liegen neben alten Eimern und Gummistiefeln, alte Wahlplakate und morsche Bretter. Dabei habe hier noch bis vor wenigen Jahren ein ehemaliger Bergbaumitarbeiter gelebt: Im linken Teil des Hauses wohnte zuletzt ein ehemaliger Schreiner, der über Tage auf Carl-Funke gearbeitet hat und der dann 2018 im Heisinger Paulushof starb.“

An diesen erinnert sich manch Spaziergänger als ein „Unikum“: Er habe gern geplauscht, hatte stets eine Anekdote und ein nettes Wort parat, so hat es Henner Höcker von einer Hundehalterin erfahren.

Dieses Gebäude (Baujahr 1913) wurde aufgrund des maroden Zustandes bereits im Jahr 2016 leergezogen, es ist in Teilen einsturzgefährdet und für den Abriss vorgesehen“, ergänzt Michaela Lippek vom Stadtpresseamt zu der Immobilie. Das Doppelhaus (Hausnummern 647 und 649) biete Platz für zwei Familien und sei 1921 entstanden. Seit März 2018 sei nur noch eine Haushälfte bewohnt.

Bereits beim Kauf wurde eine Neuvermietung ausgeschlossen

Gekauft hat die Stadt die Häuser Ende 1988 von der Ruhrkohle AG. Bereits beim Kauf der Gebäude sei vertraglich vereinbart worden, dass die Stadt Essen nach Auszug der damaligen Mieter keine Neuvermietung mehr vornehme, sondern die Gebäude abbrechen lasse und die Grundstücke zu Grünflächen würden. Diese befänden sich im Landschaftsschutzgebiet Baldeneyer Ruhrhang, das sei geschützt als Raum für Erholung, Arten- und Biotopschutz sowie das Landschaftsbild. Diese landschaftsrechtliche Situation schließe also eine neue Bebauung aus, vielmehr würde das gesetzlich geschützte Biotop erhalten und rekultiviert. Einen genauen Zeitpunkt könne die Stadt noch nicht nennen.

Der drohende Abriss überrascht Henner Höcker wegen des desolaten Bauzustands nicht. Hätte man die Häuser retten wollen, wären wohl schon vor 20 Jahren Investitionen notwendig gewesen, sagt er. Aus historischer Sicht aber gebe es im Stadtteil erhaltenswertere Bauten wie das Alte Rathaus, die Carl-Funke-Siedlung und das Haus Heisingen. Gleichwohl, sagt Henner Höcker mit Blick auf die Steigerhäuser am See, „ist es natürlich schade um jedes alte Gemäuer“.

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