Krankheitsgeschichte

Essener Julius Wyrwa kämpft seit Jahren ums Überleben

Trauriger Alltag: Wie oft Julius Wyrwa bislang im Krankenhaus war, weiß niemand so ganz genau.Foto:Julia Wyrwa

Trauriger Alltag: Wie oft Julius Wyrwa bislang im Krankenhaus war, weiß niemand so ganz genau.Foto:Julia Wyrwa

Essen-Steele.   Mysteriöse Erkrankung des 13-Jährigen stellt die Ärzte seit Jahren vor unlösbare Rätsel. Der junge Mann aber lässt sich nicht unterkriegen.

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Julius Wyrwa ist 13 Jahre. Jung, nicht alt. Er lebt in Steele, hat Eltern, drei Geschwister, viele Freunde. Er geht aufs Carl-Humann-Gymnasium, ist glühender Fan des FC Bayern. Soweit, so normal. Ansonsten jedoch ist fast alles andere total anders, führt Julius ein Leben, das vor einigen Jahren komplett aus den Fugen geriet. 2013 war’s, als ihn diese mysteriöse Krankheit in die Zange nahm.

Julius Wyrwa leidet an einer lebensbedrohlichen Kehlkopfveränderung und einem Tumor, die den Ärzten echte Rätsel aufgeben. Ohne medizinisches Gerät kann er nur selten eigenständig atmen, meist bestimmen starke Schmerzen sein Leben. Weite Teile der vergangenen Jahre verbrachte er im Krankenhaus. An dieser Stelle wurde schon darüber berichtet.

Operationen und Chemotherapien

Mediziner aus vier deutschen Uni-Kliniken haben den Teenager bislang auf den Kopf gestellt, allein: Eine verlässliche Diagnose über die Erkrankung konnte bislang niemand abgeben, so dass auch eine erfolgversprechende Behandlung nicht in Sicht ist. Zahlreiche Operationen, zwei Chemotherapien, verschiedenste Medikamente: Nachhaltig geholfen hat aktuell nichts.

Im vergangenen Jahr dann gab’s zwischenzeitlich neue Hoffnung. Nach einer weltweiten Suche hatte sich in Lausanne in der Schweiz endlich ein Spezialist gefunden, der Laser-Operationen an Kehlköpfen durchführt und sich zutraute, Julius zu behandeln. Die ersten Eindrücke danach waren gut, einige Monate später indes gab’s die nächsten Rückschläge. Der ersehnte Erfolg war ausgeblieben.

Zahlreiche Rückschläge

Auch eine Operation an der Speiseröhre verlief zunächst vielversprechend, die anschließende autoimmune Chemotherapie sorgte zunächst dafür, den Tumor zu verkleinern. Große Erleichterung, noch größere Hoffnung. Plötzlich winkte die Möglichkeit auf ein Leben ohne die operativ angelegte Öffnung der Luftröhre nach außen, mit deren Hilfe Julius seit einem Jahr überhaupt erst atmen kann.

Aber es folgte die nächste richtig schlechte Nachricht, denn als die unterstützenden Gerätschaften entfernt werden sollten, stellten die Ärzte eine enorme Verschlechterung fest. Der Tumor war wieder gewachsen. „Als Julius aufwachte und das Ergebnis hörte, da flossen die Tränen“, erinnert sich Mutter Julia Wyrwa natürlich ganz genau.

Geburtstagsgrüße von Karl-Heinz Rummenigge

Kurz schien es, als wäre der Mut des jungen Mannes gebrochen, doch er lässt sich nicht unterkriegen. Ist die Stimmung im Keller, richten ihn seine Klassenkameraden auf, schauen vorbei, wann immer die Situation es zulässt. Ohnehin sind es die kleinen Glücksmomente, die Julius’ Hoffnung hochhalten. Dieser Brief etwa. Bayern-Boss Rummenigge gratulierte zum 13. Geburtstag und schloss mit den Worten: „Gib nie auf, denn mit deinem Willen und Kampfgeist kannst du Berge versetzen.“

Auch das reißt die Familie mit. Bruder Louis, wie Julius begeisterter Handballer in Horst, lässt langsam die Folgen einer Hirnhautentzündung hinter sich. Julia Wyrwa: „Wir alle haben diesen Funken Hoffnung auf ein Wunder. Irgendwann gibt es eine Diagnose und Julius wird endlich geheilt.“


„Hausunterricht“ ohne Noten

Als Julius Wyrwa im Sommer 2013 von der Antonius-Grundschule in Freisenbruch aufs Carl-Humann-Gymnasium nach Steele wechselte, da war seine Welt noch irgendwie in Ordnung. In der 5a fand er gleich viele Freunde, und auch der Unterricht bei Klassenlehrerin Nele Ahnenpol und allen anderen gefiel ihm bestens. Dann jedoch kam die Krankheit, die natürlich auch sein schulisches Leben komplett auf den Kopf stellte. An regelmäßigen Unterricht ist seitdem nicht mehr zu denken, gab es doch so manches Jahr, in dem Julius nur wenige Tage die Schule besuchen konnte, wenn überhaupt.

Auch für Schulleiter Stefan Uhlmann und sein Kollegium nicht einfach, eine solche Situation hatten auch sie noch nicht. „Grundsätzlich haben Kinder einen Anspruch auf Unterricht von sechs Stunden pro Woche“, so Uhlmann, der für Julius Wyrwa sehr schnell „Hausunterricht“ bei der Schulaufsichtsbehörde beantragte.

Anspruch auf sechs Unterrichtsstunden pro Woche

Seitdem gibt es mehrere Lehrer, die den Jungen außer der Reihe zuhause unterrichten – wenn sein Gesundheitszustand das zulässt. Kaum planbar, denn nicht selten muss Julia Wyrwa, die Mutter, morgens absagen, nachdem sie am Abend zuvor noch zugesagt hatte.

Wenn es Julius aber einigermaßen gut geht, dann gibt’s auch Unterricht. Deutsch, Mathematik, Englisch und Französisch. Uhlmann: „Ohne Versetzung und Noten, es geht zuallererst darum, seinem Leben etwas Struktur zu geben.“ Einige Male besuchte er sogar die Regelschule. Stets in seiner ursprünglichen Klasse, der heutigen 8a. Dort fühlt er sich am wohlsten, er kennt alle, alle kennen ihn.

Keine Versetzung, neue Struktur

Dann reden sie auch über Dinge, über die 13-Jährige halt so reden. Und das ist vor allem gut für die Seele – und zwar aller Beteiligten. Stefan Uhlmann und seine Kollegen sind schwer beeindruckt: „Es ist schon sehr erstaunlich, wie stark Julius sein Schicksal trägt.“ Die Note, die er dafür bekommen würde, die gibt es gar nicht.

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