Bergbau-Historie

Als Bergleute aus ganz Deutschland nach Heisingen strömten

Heute engagiert sich Dr. Heinz Schräer, um die Bergbau-Historie zu erhalten – einst arbeitete er selbst in der Heisinger Bergbauleitstelle an der Nottekampsbank. Im Hintergrund ist der Förderturm der Heisinger Zeche Carl Funke, auf der er viele Grubenfahrten begleitete.

Heute engagiert sich Dr. Heinz Schräer, um die Bergbau-Historie zu erhalten – einst arbeitete er selbst in der Heisinger Bergbauleitstelle an der Nottekampsbank. Im Hintergrund ist der Förderturm der Heisinger Zeche Carl Funke, auf der er viele Grubenfahrten begleitete.

Foto: Gesa Kortekamp

Essen-Heisingen.   Erinnerungen an die Heisinger Bergbauleitstelle und das Barackenlager: In den 1950er Jahren wurden täglich bis zu 250 Bewerber untersucht.

Als Heinz Schräer sein Abitur mit Auszeichnung bestanden hatte, wollte er Mathe und Physik studieren. Doch dann sei er ein wenig beeinflusst worden: „Mein Onkel sagte, damit würde ich Studienrat werden und sah stattdessen eine Karriere im Bergbau für mich vor“, erinnert sich der Neffe lächelnd. Es folgten Studium und Promotion in Aachen und 1950 der berufliche Einstieg in Heisingen: „Mein Arbeitsplatz war die Bergbauleitstelle an der Nottekampsbank“, sagt Heinz Schräer nun, da das Sterben des Bergbaus viele Erinnerungen in ihm geweckt habe.

Im Heisinger Durchgangslager wurden in den 1950er Jahren zunächst Männer aus ganz Deutschland, später auch aus der Türkei auf ihre Bergbautauglichkeit untersucht und dann auf die Zechen verteilt. „Das ist ein bisher zu wenig beachtetes Kapitel unserer Dorfgeschichte, bei dem wir einiges nachholen müssen“, sagt Henner Höcker (63). Der pensionierte Geschichtslehrer befasst sich seit etwa drei Jahren mit der Stadtteilhistorie und gehört wie auch Heinz Schräer zum Heisinger Museumskreis.

Faire Zusammenarbeit mit der Gewerkschaft

Zu seinem 90. Geburtstag blickt Heinz Schräer nun zurück auf die Zeit, als beinahe täglich bis zu 250 junge Männer mit dem Zug in Heisingen ankamen, um sich zur Untersuchung im Bergbau-Durchgangslager anzustellen. „Barackenlager“ hieß das und wurde 1950 in Heisingen an der Nottekampsbank eingerichtet, wohin es aus Bochum wechselte. Während Heinz Schräer dort in seinem Büro Tarifverträge für die Arbeitgeberseite vorbereitete und bis heute die faire Zusammenarbeit mit der Gewerkschaft lobt, befasste sich damals ein ganzes Ärzteteam mit den Bewerbern für die Arbeit unter Tage.

„Junge Nachwuchskräfte aus leistungsfähigen Altersklassen von 18 bis 35 sollten die reduzierten Bestände auffüllen und den Leistungsstand heben“, so ist es in den Büchern der Bergbauleitstelle nachzulesen. Gleich nach Ankunft in Heisingen ging es für die Bewerber mit Koffer und Gepäck zur Wohnbaracke 12, nach dem Frühstück warteten die Männer auf den Abruf: Bei der Untersuchung ging es dann etwa um Sinnesorgane, Blutdruck und Geschlechtskrankheiten.

Kräftiger Knochenbau sowie frei bewegliche Gelenke

Im weiteren Verlauf schätzten die Zuständigen zudem ein, ob der Bewerber als zuverlässig oder eher Wandervogel galt, ob er möglicherweise überaltert oder seine Arbeitswilligkeit als vorübergehend erschien. Wer dank seiner Eigenschaften und eines kräftigen Knochenbaus sowie frei beweglicher Gelenke eine Zusage erhielt, kam mitunter noch vor dem Mittagsessen per Autotransport zu seinem neuen Arbeitsplatz – „persönliche Wünsche in der Wahl der Zechen werden dabei erfüllt“, auch das steht in den Büchern, die sich heute im Besitz des Museumkreises befinden.

„Damals herrschte hier schon reges Treiben“, sagt Heinz Schräer zu dem Arbeitsalltag auf dem Gelände der Baracken, auf dem ab 2000 an der Nottekampsbank Einfamilienhäuser entstanden sind. Bevor aber die Wohnsiedlung gebaut wurde, diente das Durchgangslager zunächst viele Jahre lang als Ausbildungsstätte für Ausbilder im Bergbau. Sie kamen aus Berlin, dem ehemaligen Jugoslawien oder England. Bis 1993 haben sich zahlreiche Teilnehmer der Lehrgänge für Steiger, der Seminare über aktuelle Fragen des Bergbaus oder der Rhetorikkurse in den späten 1950er Jahren in den Gästebüchern verewigt – darunter auch Heinz Schräer.

Gesellige Abende in der früheren Gaststätte Vatter

Der Heisinger hat in seiner beruflichen Laufbahn in der Leitstelle auch zahlreiche Lehrer und manchen Regierungsrat betreut, hat in der früheren Gaststätte Vatter mit ihnen auf den Bergbau angestoßen. Er hat Grubenfahrten begleitet, war auf vielen Zechen unter Tage, ist besonders häufig auf Carl Funke in Heisingen eingefahren und führt weiterhin Schülergruppen oder Interessierte durchs Heisinger Bergbaumuseum. Heute aber, feiert Heinz Schräer Geburtstag: Glück auf!

>>DER TAG DES BERGMANNS IN HEISINGEN

  • Das Bergbau- und Heimatmuseum des Museumskreises befindet sich im ev. Seniorenheim Paulushof, Stemmering 18. Besucher melden sich an der Pforte. Es stehen auch Audio-Guides zur Verfügung.
  • Am Sonntag, 19. Mai beteiligt sich das Heisinger Museum am weltweiten Internationalen Museumstag: Im Untergeschoss des Paulushofs öffnet der Museumskreis von 11 bis 17 Uhr sein Museum mit zahlreichen Exponaten aus dem Bergbau. Der Eintritt ist frei. Besucher können Publikationen zur Heisinger Heimat- und Bergbaugeschichte kaufen.
  • Hobbyforscher können den Stadtteil bei der „Heisinger Dorf-Rallye“ auf eigene Faust erkunden. Es warten versteckte Geheimnisse und Gewinne.
  • Am Museum beginnt um 14 Uhr ein ca. 75minütiger Rundgang durch den historischen Dorfkern: „Unser Heisingen - ein uraltes Bauerndorf“.
  • Der Heisinger Bergbau steht im Mittelpunkt von fachkundigen Führungen durchs Museum mit Jürgen Döhler vom Museumskreis. Die Heisinger Heimatforscherin Ilse Cram wird Besucher durch die wechselhafte Dorfgeschichte begleiten.

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