Wohnungslosigkeit

Obdachlose: Stadt Essen geht auf Wohnungsgesellschaften zu

Freuen sich über den Start des Projekts „Sta(d)tt-Brücke“ (v.l.): Hartmut Peltz,Leiter des Amtes für Soziales und Wohnen, Projektleiter Dirk Mesenbrock, Immoblienbetriebswirtin Doris Haehnel, Stadtdirektor Peter Renzel und Sozialpädagoge Tobias Welp.

Freuen sich über den Start des Projekts „Sta(d)tt-Brücke“ (v.l.): Hartmut Peltz,Leiter des Amtes für Soziales und Wohnen, Projektleiter Dirk Mesenbrock, Immoblienbetriebswirtin Doris Haehnel, Stadtdirektor Peter Renzel und Sozialpädagoge Tobias Welp.

Foto: Kerstin Kokoska / FUNKE Foto Services

Essen.  Die Stadt Essen und 13 Wohngesellschaften haben eine Kooperation vereinbart: So sollen mehr Wohnungslose ein neues Zuhause finden – und behalten.

Im Kampf gegen Obdachlosigkeit beschreitet die Stadt Essen neue Wege: Das Projekt „Sta(d)tt-Brücke“ kümmert sich gezielt um die Beschaffung von Wohnungen für Menschen, die auf der Straße oder in Notunterkünften leben. Im Dezember 2019 hat die Stadt mit 13 Wohnungsunternehmen eine Kooperation vereinbart. Sie verpflichten sich, mehr Wohnungen für die betroffene Klientel zur Verfügung zu stellen.

„Wir dürfen bei dem Thema nicht wegschauen“, betonte Stadtdirektor Peter Renzel jetzt bei der Vorstellung des Projekts, das im September 2019 angelaufen ist. Beim Amt für Soziales und Wohnen würden Jahr für Jahr rund 1800 Räumungsklagen und -termine bekannt. Oft gehe es um Mietrückstände, viele Fälle könnten abgewendet werden. So hätten im Jahr 2019 letztlich „nur“ 42 Haushalte mit 61 Personen in die Notunterkunft an der Liebrechtstraße ausweichen müssen, weitere 18 Menschen wurden in Wohnheimen untergebracht.

Die Konkurrenz um den günstigen Wohnraum verschärft sich auch in Essen

Wer schon länger ohne festen Wohnsitz ist, landet meist in der Notschlafstelle an der Lichtstraße, wo täglich rund 50 Betroffene übernachten. Nach Erkenntnissen von Streetworkern gebe es in Essen zudem etwa zehn bis 15 Personen, die tatsächlich auf der Straße schlafen. Außerdem gebe es eine Dunkelziffer, weil mancher als „Couch-Hopper“ bei Bekannten übernachtet oder Frauen mangels eigener Wohnung bei gewalttätigen Partnern bleiben.

„Allen Betroffenen ist gemein, dass sie unsere Hilfe benötigen“, betont Renzel. Wohnungslose seien oft vielfältig belastet, etwa durch Schulden, Sucht oder psychische Probleme. Sie gelten daher als schwer vermittelbar, zumal günstiger Wohnraum knapper werde und die Wohnungslosen hier in Konkurrenz zu Rentnern, Studenten und Flüchtlingen stehen.

Essen zählt zu den 20 am stärksten von Wohnungslosigkeit betroffenen Städten und Kreisen in Nordrhein-Westfalen. Für sie hat das Landesministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales die Initiative „Endlich ein Zuhause“ aufgelegt: Mit drei Millionen Euro sollen zunächst bis Ende 2020 lokale Projekte finanziert werden, die helfen Wohnungsverluste zu vermeiden, Wohnungslose dauerhaft in normalen Wohnraum zu integrieren und die Lage Wohnungsloser zu verbessern. Die Stadt Essen hat damit das CVJM-Sozialwerk beauftragt, das das Projekt „Sta(d)tt-Brücke“ trägt.

Schon 30 Wohnungslose stehen auf der Warteliste

Hier kümmert sich Sozialpädagoge Tobias Welp um die Wohnungslosen, die entweder in seine Sprechstunde kommen – oder aufgesucht werden: Die „Sta(d)tt-Brücke“ fährt mit ihrem Beratungsmobil auch Notschlafstellen an. Schon jetzt stehen 30 Betroffene auf Welps Warteliste. Der Sozialpädagoge arbeitet eng mit den bekannten Anlaufstellen für Wohnungslose zusammen, zumal die Betroffenen auch nach einem Umzug oft eng betreut werden müssen. „Wir haben schon den ersten Einzug begleitet, und nun müssen wir dafür sorgen, dass das Mietverhältnis auch dauerhaft gesichert wird.“

Welps Kollegin Doris Haehnel pflegt den Kontakt zu den Wohnungsgesellschaften. Die haben sich im Essener Standard für Unterstütztes Wohnen verpflichtet, 30 bis 40 zusätzliche Wohnungen bereitzustellen. Die Immobilienbetriebswirtin Haehnel ist für die konkrete Akquise zuständig und schaut sich dabei das Profil von Mieter und Vermieter an. Dabei kommt ihr zugute, dass sie auch ausgebildete Mediatorin ist: „Ich muss die richtigen Leute für eine Wohnung raussuchen und versuchen, dass mögliche Konfliktpotenzial zu minimieren.“

Die neuen Mieter müssen auch nach dem Einzug betreut werden

Für Samuel Serifi ist das ein Dreh- und Angelpunkt des Projekts: „Zwei, drei Wohnungen zur Verfügung zu stellen, ist grundsätzlich nicht so schwierig. Aber wir müssen ja auch unsere anderen Mieter im Blick haben“, betont der Prokurist der Allbau AG. Die städtische Wohnungsgesellschaft vermietet schon lange auch an belastete, mitunter problematische Mieter. Nicht immer gehe das gut: In den vergangenen drei, vier Jahren habe man sich in „zwei harten Fällen“ von den Leuten trennen müssen. Serifi betont daher: „Es steht und fällt mit der Betreuung.“

Hartmut Peltz, der das Amt für Soziales und Wohnen leitet, ist daher froh, dass die „Sta(d)tt-Brücke“ hier ansetzt: „Gerade weil es so schwer ist, Wohnungen für die Betroffenen zu finden, muss es darum gehen, dass sie dort auch bleiben können.“ Tobias Welp kümmert sich daher gemeinsam mit sozialen Trägern nach dem Einzug um die neuen Mieter. Seine Kollegin Doris Haehnel bleibt Ansprechpartnerin der Wohnungsunternehmen. Diese intensive Nachbetreuung soll auch Vermieter ermutigen: „Ich möchte auch private Vermieter und Makler mit ins Boot holen.“

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