Zeitgeschichte

„Stolperstein“ im Nordviertel erinnert an Hedwig Levy

Zeitzeugen erinnern sich an Hedwig Levy als eine „gütige und gerechte Frau“. Dieses Bild entstand am 11. Oktober 1925 und zeigt die Erzieherin mit von ihr betreuten jüdischen Kindern. Im Hintergrund: die Beisingschule.Repro:PETER MARNITZ/AWO

Zeitzeugen erinnern sich an Hedwig Levy als eine „gütige und gerechte Frau“. Dieses Bild entstand am 11. Oktober 1925 und zeigt die Erzieherin mit von ihr betreuten jüdischen Kindern. Im Hintergrund: die Beisingschule.Repro:PETER MARNITZ/AWO

Essen-Nordviertel.   Hedwig Levy war Erzieherin im jüdischen Kinderheim Hirschlandhaus. 1941 verschleppten sie die Nazis nach Minsk, woran ein „Stolperstein“ erinnert.

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Hedwig Levy. Ein Name, eine Lebensgeschichte, die in Essen einen äußerst beeindruckenden Klang haben – und einen unendlich traurigen. Im November ‘41 wurde die engagierte Erzieherin mit 127 anderen jüdischen Essenern von den Nazis verschleppt, nach Minsk deportiert, wo sich ihre Spur schließlich verlor. Dass die damals 54-Jährige ermordet wurde, gilt heute als traurige Gewissheit. Wo, wie und wann man sie letztendlich umbrachte, ist allerdings nicht bekannt.

Seit einigen Tagen nun erinnert ein „Stolperstein“ an der Peterstraße vor dem Hedwig-Levy-Haus, dem heutigen Bildungsinstitut Altenpflege der Essener Arbeiterwohlfahrt (Awo), an diese bemerkenswerte Frau, die 1887 in Essen zur Welt kam. Nach der Schule wurde sie Erzieherin – und übernahm als Leiterin das 1924 an der Peterstraße im Nordviertel errichtete Hirschlandhaus, ein jüdisches Kinderheim. Viele Jahre galt Hedwig Levy als „Herz“ der Einrichtung, Zeitzeugen sprachen noch viele Jahrzehnte später voller Hochachtung von einer „gütigen und gerechten Frau, die sich unermüdlich für das Wohl der ihr anvertrauten Kinder einsetzte“.

Drei Jahre im Südostviertel

„Doch das Spielen, Lachen und Weinen der jüdischen Kinder wurde jäh beendet“, ist es heute überliefert. Denn wie zahllose andere jüdische Einrichtungen wurde auch das Hirschlandhaus in der Nacht auf den 9. November 1938 mit roher Gewalt geschlossen, kaum 24 Stunden vor der berüchtigten Reichspogromnacht und just in jenen Tagen, in denen die gelenkten Gewaltmaßnahmen der Nationalsozialisten gegen Juden im gesamten Deutschen Reich ihre ersten traurigen Höhepunkte erreichten.

Nur wenige der jüdischen Kinder überlebten den Terror, und auch Hedwig Levy bezahlte schließlich mit ihrem Leben. Drei Jahre lebte sie nach der Schließung „ihres“ Kinderheimes noch in der Michaelstraße im Essener Südostviertel, wo sie am 10. November ‘41 aber verschleppt und ins Minsker Ghetto deportiert wurde, einem von den deutschen Besatzungstruppen abgeriegelten Stadtbezirk im Nordwesten der heutigen weißrussischen Hauptstadt. Wer dort als „arbeitsfähig“ galt, wurde von Minsk aus zu Zwangsarbeiten abkommandiert. Ob Hedwig Levy dabei war, wird sich aber wohl niemals wirklich klären lassen.

„1941 nach Minsk deportiert – ermordet“ – so ist auf dem messing-glänzenden „Stolperstein“ im Pflaster an der Peterstraßezu lesen, den der in Köln lebende Künstler Gunter Demnig vor der Altenpflegeschule verlegte, um an Hedwig Levy zu erinnern. Ein Opfer des Nazi-Terrors, eine mutige Frau.

>>GRÖßTES DEZENTRALES MAHNMAL DER WELT

Das Motto von Gunter Demnig, der unzählige der etwa 69 000 in ganz Europa existierenden „Stolpersteine“ verlegte, stammt aus dem Talmud, eines der bedeutendsten Schriftwerke des Judentums: „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“ Das Bildungsinstitut an der Peterstraße, wo Demnig nun den Stolperstein für Hedwig Levy verlegte, wurde 1996 von der Awo gekauft und trägt seitdem den Namen „Hedwig-Levy-Haus“. „Stolpersteine“ sind das größte dezentrale Mahnmal der Welt und eine seit 2006 beim Deutschen Patent- und Markenamt durch Demnig geschützte Marke.

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