Kirchenschließung

Schweren Herzens nimmt St. Marien Abschied von der Kirche

Trotz des Abschiedsgottesdienstes mit Bischof Franz-Josef Overbeck und der damit verbundenen Trauer wollen die Karnaper Katholiken zuversichtlich in die Zukunft blicken.

Trotz des Abschiedsgottesdienstes mit Bischof Franz-Josef Overbeck und der damit verbundenen Trauer wollen die Karnaper Katholiken zuversichtlich in die Zukunft blicken.

Foto: Socrates Tassos

Essen-Karnap.   In Karnap müssen Katholiken auf die Kirche verzichten. Bischof Overbeck zelebriert den Abschiedsgottesdienst. Gemeindezentrum als Hoffnungsträger.

„Eigentlich denkt man immer, so etwas gibt es nicht, dass eine Kirche geschlossen wird“, spricht eine Karnaperin vielen regelmäßigen Besuchern der Kirche St. Marien aus dem Herzen. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf – so sind die Empfindungen der Frau, die ihren Namen lieber nicht nennen mag. Weil am Sonntag der Abschied von der Kirche im Mittelpunkt stehe und nicht die Gefühle einzelner Gemeindemitglieder. Und doch geschieht das Unglaubliche genau hier und jetzt. Mit einer letzten großen Eucharistiefeier mit Bischof Franz-Josef Overbeck wird die Filialkirche der Gelsenkirchener Pfarrei St. Hippolytus außer Dienst gestellt.

„Ich bin selbst hier zur Kommunion gegangen, meine beiden Kinder wurden hier getauft“, erzählt Melanie Balzereit, wie lange sie persönlich schon mit St. Marien verbunden ist, wie schwer auch der Abschied fällt. „Man ist jahrelang her gekommen, hat hier Weihnachten gefeiert. Karnap wird ja immer als Dorf bezeichnet. Das war hier zu spüren. Man hat sich in der Kirche getroffen. Nach der Christmette haben die Menschen vor der Kirche zusammen Glühwein getrunken.“ Das aber sei schon Jahre her. Dennoch: „Es hängen für mich viele Erinnerungen an der Kirche und mir graust es vor dem endgültigen Ende.“

Gottesdienste finden weiterhin statt

Die Menschen vor Ort wollen zuversichtlich in die Zukunft schauen. Gemeinsam haben sie sich darauf eingeschworen – trotz aller Trauer des Augenblicks. „Wir schöpfen Hoffnung daraus, dass der Gemeindesaal erhalten bleibt“, sagt Claudia Gorgievski. Sie ist seit zehn Jahren in der Gemeinde aktiv, betreut die Proben und Aufführungen des Kinderchores. Die würden in jedem Fall weiter gehen. „Der Gemeindesaal ist gut geeignet für Veranstaltungen mit seiner großen Bühne und dem vielen Platz.“ Hier werde Gemeindeleben weiter einen Raum finden. Auch die Gottesdienste finden fortan hier statt – im 14-tägigen Wechsel mit St. Laurentius in Horst. „Für uns ist es wichtig, dass einige Stücke, wie das Kreuz über dem Altar und auch die Marienstatue, in den großen Saal gebracht werden. So können wir einen Teil der Heimat mitnehmen in die Zukunft.“

Ähnlich empfindet es Elisabeth Berghane. „Es ist sehr emotional. Aber das Gemeindeleben geht weiter – auch vor Ort.“ Dieser Abschluss müsse ein Aufbruch sein. So sehen es auch die Verantwortlichen für den Pfarrentwicklungsprozess. „Uns ist es wichtig, an jedem Kirchenstandort einen Erlebnisort realisieren zu können“, erklärt Berthold Hiegemann. Für St. Marien bedeutet das, das Gemeindehaus besteht weiter, ist auch künftig Raum für Gottesdienste wie für Gemeindeleben. Das soll in jedem Fall fortbestehen, lebendig gehalten werden. Einmal mehr betont der Projektleiter des Pfarrentwicklungsprozesses in St. Hippolytus: „Wir geben Steine auf, keine Menschen.“ Ein versöhnliches Symbol soll zudem Hoffnung geben: Aus den geschlossenen Kirchen wird ein ausgewähltes Teil des Inventars in die Pfarreikirche St. Hippolytus gebracht, wo es künftig ein Zeichen sein soll für Einheit und Zusammenhalt.

„Die Kirche war für Karnap ein Ankerpunkt“

Mit diesem Wochenende ändern sich die Zeiten in Karnap, findet die Dame, die eingangs zu Wort gekommen ist. „Die Kirche war für Karnap ein Ankerpunkt. Den gibt es nun nicht mehr.“ Auch wenn es weiter Gottesdienste am Ort gebe, müssten die Gläubigen nun vermehrt den Weg nach Horst suchen in die Kirche St. Hippolytus. Und wie bei einer Fernbeziehung sei man doch meist zunächst ganz motiviert und mache sicht später doch nicht so oft auf den Weg. Allerdings: „Wer wirklich in die Kirche gehen will, für den ist die Wegstrecke nicht entscheidend.“

St. Marien wurde vor 55 Jahren errichtet

Die Kirche St. Marien steht nun rund 55 Jahre an Ort und Stelle. Sie wurde erbaut an dem Ort, wo einst ihre Vorgängerin stand, die aber dem Krieg zum Opfer fiel. Für die Zukunft gibt es bisher noch keine konkreten Pläne. Diese werden nun entwickelt.

Während sich an anderen Stellen der Pfarrei Menschen stark machen für die Erinnerungskultur bezüglich geschlossener Kirchen oder Gemeindehäuser, fand sich in St. Marien keiner, der sich dem Geschichtserhalt widmen möchte. „Ich habe lange nach einem engagierten Gemeindemitglied gesucht, das diese Aufgabe übernehmen möchte“, sagt Martin Jahnel. Für St. Laurentius übernimmt er diese Aufgabe, schreibt derzeit an einer Chronik. „Da spielt St. Marien aber nur eine untergeordnete Rolle, weil die Gemeinde vor zehn Jahren mit unserer fusionierte.“

SONDERAUSGABE DER PFARRNACHRICHTEN

  • Die Schließung zweier Kirchen und eines Gemeindehauses binnen weniger Wochen bewegt die Menschen in der Pfarrei St. Hippolytus derart, dass man entschied, dem Prozess eine Sonderausgabe der Pfarrnachrichten zu widmen.
  • Zu Ostern wird diese erscheinen, mit Farbfotos aufwarten und die ersten Wochen des Jahres noch einmal Revue passieren lassen. Darin werden natürlich auch die letzten Tage der Kirche St. Marien dokumentiert sein.

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