Afrikanische Gemeinde

„Not hat viele Gesichter“: Afrikaner gehen neue Wege

Afrikaner der ersten muttersprachlichen Caritas-Konferenz wollen Bedürftigen aus Afrika die Scheu nehmen, zur Lebensmittelausgabe an St. Gertrud zu kommen.

Afrikaner der ersten muttersprachlichen Caritas-Konferenz wollen Bedürftigen aus Afrika die Scheu nehmen, zur Lebensmittelausgabe an St. Gertrud zu kommen.

Foto: Vladimir Wegener / FUNKE Foto Services

Essen-Nordviertel.  Die Afrikanische Gemeinde in Essen hat die erste muttersprachlichen Caritas-Konferenz Deutschlands gegründet. Großes Engagement in St. Gertrud.

Auf vielfältige Weise engagieren sich Ehren- und Hauptamtliche in katholischen Kirchengemeinden für soziale Belange. St. Gertrud im Nordviertel ist da keine Ausnahme. Dennoch gibt es dort etwas ganz Besonderes: die erste afrikanische Caritas-Konferenz in Deutschland mit 60 ehrenamtlichen Mitgliedern.

Besuchsdienste, Nachbarschaftshilfen, Sammlungen und Unterstützung bei Behördengängen, die Gruppe um Pfarrer Sylvester Ozioko hat sich viel vorgenommen. Gemeinsam wollen die Afrikaner Bedürftigen aus Afrika, die aus verschiedenen Winkeln des Kontinents in Essen gestrandet sind, tatkräftig unter die Arme greifen. Denn die Caritas ist nicht nur im Land und weltweit vertreten. Sie ist mehr als eine Organisation oder ein Anbieter für Pflegeleistungen. Auf Gemeindeebene versteht man unter dem Begriff eine Grundhaltung gegenüber Armen und Menschen in Not.

Kirchenabrisse hierzulande sind schmerzlich

„Afrikaner sind sehr stolz. Wer Hilfe braucht, trägt das nicht nach außen“, sagt Pater Sylvester. Seit 2016 lebt der Pfarrer der afrikanischen Gemeinde erst in Deutschland. Sonntags um 14 Uhr und freitags um 18 Uhr hält der 40-Jährige in St. Gertrud afrikanische Gottesdienste. Über leere Bänke muss er nicht klagen. „Bei uns werden noch Kirchen abgerissen, weil die alten zu klein sind“, fügt Gislin Douanla Djuinda aus dem neu gegründeten Caritas-Vorstand hinzu. Er ist IT-Manager, stammt aus Kamerun und wundert sich über die Schließungen. „Das ist schmerzlich für uns zu sehen“, pflichtet ihm Uchenna Tagbo bei. „Ihr Europäer habt uns doch einst den christlichen Glauben gebracht.“

Mit der eigenen Caritas-Gruppe wollen sich die Afrikaner nicht etwa abgrenzen. Sie bemühen sich um Integration. „Doch dabei ist die Sprache für viele ein großes Problem“, weiß Tagbo, gebürtig aus Nigeria. Seit 22 Jahren lebt der Kaufmann in Deutschland, zuerst in Mülheim, jetzt in Essen. „Wer kein Deutsch spricht, hat schlechte Chancen auf gute Arbeit.“ So will man Migranten helfen, passende Bildungsangebote zu finden. Auch Alten und Kranken möchte man sich zuwenden und Frauen unterstützen, die häusliche Gewalt erfahren. Ein großes Thema.

Not hat viele Gesichter, manche sind schwarz

Zur so genannten „Caritas-Konferenz“ (kurz CKD) gehört auch Barbara Breuer auf Gemeindeebene. Seit vielen Jahren engagiert sie sich mit anderen für Hilfsbedürftige, Kranke und alle, die Unterstützung benötigen. „Not hat viele Gesichter“, weiß sie. Da im Nordviertel rund um die Kirche St. Gertrud viele davon schwarz sind, war die Gründung der CKD eigentlich nur eine logische Konsequenz. Breuer lobt die Initiative und steht den Afrikanern zur Seite.

Zur Einführungsmesse kamen rund 250 Gäste in die Kirche. Zugewanderte aus Ghana, Kamerun, Kenia, Nigeria und Tansania. Was sie verbindet, ist ihr katholischer Glauben. Und der wird eindeutig lebendiger gelebt als hier. In den Messfeiern wird fröhlich gesungen und Tanzen gehört zur Liturgie. Mit bunten Luftballons im Kirchenschiff machten die Afrikaner auf ihre bisher einzigartige, muttersprachliche Bewegung aufmerksam.

Lebensmittel von der Essener Tafel

Ganz oben auf der Liste von Hilfeleistungen, die die Afrikaner für andere erbringen wollen, steht die Ausgabe von Lebensmitteln. Jeden Dienstag beliefern seit Jahren Transporter der Essener Tafel die Gemeinde mit Grundnahrung, Obst und Gemüse für Bedürftige. „Wenn auch wir wie die weißen Helfer die Spenden verteilen, trauen sich auch Afrikaner herzukommen.“ Eine erste afrikanische Caritas-Aktion startete man bereits diese Woche. „Viele wussten nicht, dass man sich zunächst bei der Tafel am Wasserturm anmelden muss.“ Aber daran soll es nicht scheitern. „Wir gehen mit“, erklärt Tagbo.

Überhaupt fehle es den Afrikanern oft an nötigen Informationen, sei es zur Schulpflicht der Kinder oder auch nur zur Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel. „Sie steigen einfach ein, ohne einen Fahrschein, weil man den bei uns im Bus kauft. Dann wundern sie sich, wenn sie beim Schwarzfahren erwischt werden und verstehen die Welt nicht mehr“, erzählt Djuinda. An Ideen mangelt es den Ehrenamtlichen jedenfalls nicht. Und was die Zukunft der katholischen Kirche angeht, sind sie wesentlich optimistischer als die weißen Gemeindemitglieder. „Ich glaube, dass es falsch ist, die Kirchen aufzugeben, weil wir sie noch brauchen werden“, betont Pfarrer Ozioko.

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