Zeitgeschichte

Im fast vergessenen Bunker unter der Borbecker Kirche

Eine Gruppe Besucher besichtigte den ehemaligen Luftschutzraum unter der St. Dionysiuskirche in Essen-Borbeck.

Eine Gruppe Besucher besichtigte den ehemaligen Luftschutzraum unter der St. Dionysiuskirche in Essen-Borbeck.

Foto: FUNKE Foto Services

Essen-Borbeck.   Der Archivar der St. Dionysius-Gemeinde in Essen-Borbeck lud zur Führung durch den fast vergessenen Luftschutzraum unter der Kirche ein. Das Gewölbe hätte keinen Schutz geboten.

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Die beiden Schwestern hatten den ganzen Freitag über mit sich gerungen: Sollten sie der Einladung von Heinz Werner Kreul, dem Archivar der St. Dionysius-Gemeinde, folgen und an diesem 8. Mai, dem 70. Jahrestags des Kriegsendes, den Luftschutzraum der Pfarrkirche besichtigen? Hier hatten Hildegard Kohl (80) und Ursula Ardelmann (76), die als Mädchen noch Küper hießen, mit ihrer Mutter Schutz vor den Bombenangriffen gesucht. „,Lassen wir es noch einmal über uns ergehen?’ haben wir uns gefragt“, erzählt Ursula Ardelmann nachher. Die beiden rüstigen alten Damen nahmen jedoch ihren ganzen Mut zusammen und kehrten zurück in den hässlichen, moderigen Raum unter dem Kirchplatz.

Heinz Werner Kreul (70) beschäftigt sich intensiv mit der Borbecker Heimatgeschichte. Fast 40 Borbecker waren der Einladung zur Bunkerbesichtigung gefolgt. „Ich habe das absichtlich so angekündigt, denn wenn ich nur von einem ,Luftschutzraum’ gesprochen hätte, wäre keiner gekommen“, entschuldigte er sich zu Beginn der Führung.

Doch enttäuscht war niemand. Im Gegenteil. Die Chronik Luftschutzraums in unmittelbarer Nähe der mächtigen Kirche hat Karl Werner Kreul vom 7. September 1939 an aufgelistet. Damals wies der Polizeipräsident von Essen, Karl Gutenberger, Pastor Brokamp an, vorhandene Kellergewölbe als behelfsmäßige Luftschutzräume für die Kirchenbesucher zu erklären. Am Pfarrgarten wählte der Pastor einen einstöckigen Bau mit Betondecke aus. In ihm stellte die Gemeinde bisher die Gegenstände für ihre Prozessionen ab – jetzt sollte er die Menschen vor Bomben und Gasangriffen schützen.

Heinz Werner Kreul wundert sich über den Zeitpunkt der Anweisung. „1939/40 gab es noch gar keine Luftangriffe. Aber wahrscheinlich hatten die Nazis Köttel in der Hose“, feixte er.

Über 400 Personen hätten in den hintereinander liegenden Räumen Platz finden können. Von Schutz hätte aber nicht die Rede sein können: „Auf dem Dach lag nur eine 50 Zentimeter dicke Erdschicht. Wäre da eine Bombe drauf gefallen – es wäre keiner wiedergekommen.“ So war es wohl unglaubliches Glück, dass eine Luftmine und eine Bombe wohl die Kirche zerstörte, aber niemanden nebenan im Schutzraum tötete.