Fall Luis

Fall Luis: Stadt Essen weist Vorwürfe von Verdi zurück

In diesem Haus am Ellernplatz in Altenessen verdurstete Ende Juli der zweijährige Luis. Draußen waren es 38 Grad, der Junge war über viele Stunden in einem Zimmer eingesperrt.

In diesem Haus am Ellernplatz in Altenessen verdurstete Ende Juli der zweijährige Luis. Draußen waren es 38 Grad, der Junge war über viele Stunden in einem Zimmer eingesperrt.

Foto: Socrates Tassos / FUNKE Foto Services

Essen.  Die Stadt Essen hat Vorwürfe von Verdi zurückgewiesen, Arbeitsüberlastung im Jugendamt könne mitverantwortlich für den Tod des kleinen Luis sein.

Rund einen Monat nach dem qualvollen Tod des zweijährigen Luis, der an einem heißen Tag Ende Juli in einer Dachgeschosswohnung in Essen-Altenessen verdurstete, hat sich die Spitze des Jugendamtes am Dienstag den Fragen der Lokalpolitiker gestellt. Auf einer anschließenden Pressekonferenz wies Jugenddezernent Muchtar Al Ghusain den Vorwurf der Gewerkschaft Verdi zurück, die dünne Personaldecke im Jugendamt könne mitverantwortlich dafür sein, dass man in dem Fall zu spät eingegriffen habe.

Die Mitarbeiter des zuständigen Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD) in Altenessen, der Luis’ Familie betreut hatte, hätten nach den erst im vergangenen Jahr überarbeiteten Fachstandards gehandelt: „All das ist in diesem Fall dokumentiert und umgesetzt worden“, betonte Al Ghusain.

„Ein so krasser Fall wirft Fragen auf“

Verdi hatte nach dem Tod des Jungen darauf hingewiesen, dass der ASD in Essen völlig überlastet sei. Erst kurz zuvor hätten wieder Mitarbeiter sogenannte Entlastungsanzeigen geschrieben, weil sie die Verantwortung nicht mehr übernehmen könnten. Al Ghusain bestätigte am Dienstag, dass es solche Entlastungsanzeigen beim ASD gegeben habe, „aber das greift für die Dienststelle in Altenessen nicht“.

In der Sitzung des Jugendhilfeausschusses, der zuvor etwa anderthalb Stunden hinter verschlossenen Türen getagt hatte, dürfte es nicht nur um die – zuletzt auf 140 Mitarbeiter aufgestockte – Personalstärke des ASD gegangen sein. Die Politiker hakten auch nach, ob das Leben des Jungen durch ein früheres Eingreifen hätte gerettet werden können. Schließlich war die Familie dem Jugendamt bereits seit Ende 2018 bekannt und hatte Unterstützung erhalten. „Ein so krasser Fall wirft die Frage auf: Greift unser Kinderschutz?“, betonte der Vorsitzende des Jugendhilfeausschusses Karlheinz Endruschat.

Fall Luis: Familie sollte intensiver betreut werden

Am Ende sei das Gremium der „einhelligen Meinung“ gewesen, dass das System funktioniere und es sich hier um eine letztlich nicht vorhersehbare Entwicklung gehandelt habe, sagte Endruschat. Eine Entwicklung, die bis heute alle Mitarbeiter der Stadt betroffen mache, wie Al Ghusain betonte. „Es ist ein Fall, der keinen kalt lässt. Unser Mitgefühlt gilt Luis’ Geschwistern und Verwandten.“ Der Dezernent wies allerdings auch darauf hin, dass lediglich gegen den tatverdächtigen Vater (31) ermittelt werde – und nicht gegen das Jugendamt. „Wir haben aus unser Sicht keine Erkenntnisse gehabt, dass es zu diesem tragischen Ende hätte kommen können.“

Früh war allerdings bekannt geworden, dass für Luis’ Eltern eine intensivere Betreuung geplant war: Ab dem 1. August sollten sozialpädagogische Kräfte die Familie täglich aufsuchen. Nur sollte es dazu nicht mehr kommen: Vier Tage vorher verdurstete der Zweijährige, nachdem er etwa 18 Stunden lang ohne Getränke von seinem Vater in einem Dachgeschosszimmer eingesperrt worden war.

Es habe nichts auf eine solche Gefahr hingedeutet, betonte Jugendamtsleiter Ulrich Engelen am Dienstag. Die Hinweise, etwa aus der Kita, hätten demnach eher auf eine Entwicklungsverzögerung des Kindes und auf erzieherische Probleme gezielt. Es sei bei der verabredeten Hilfe nicht um ein „krisenhaftes Eingreifen“ gegangen.

Engelen bekräftigte noch einmal, dass es aus Sicht des Jugendamtes keine Anzeichen für eine Kindeswohlgefährdung oder Vernachlässigung gegeben habe, „die eine sofortige Inobhutnahme gerechtfertigt hätten“. Gerade bei der besonders schutzbedürftigen Risikogruppe der 0- bis Dreijährigen erstelle man routinemäßig eine sehr sorgfältige Gefahreneinschätzung. Jeder Kindeswohlgefährdung gehe man umgehend nach, rund um die Uhr und sieben Tage die Woche. Dieser Fall habe sich anders dargestellt; eine Lebensgefahr für den Jungen habe gar niemand voraussehen können.

Institut wird Arbeit des Jugendamtes untersuchen

Und doch wolle man nun noch einmal prüfen, ob es nicht noch irgendwelche „Stolpersteine oder Risikofaktoren gibt, bei denen wir noch genauer hinsehen müssten“. Darum werde sich das Deutsche Jugendinstitut den Fall Luis und die Arbeitsweise des Essener Jugendamtes genau ansehen und bis Ende des Jahres seine Ergebnisse vorlegen, erklärt Muchtar Al Ghusain. Gegebenenfalls werde man die Standards erneut überarbeiten.

Diese „Betrachtung von außen“ wolle auch der Jugendhilfeausschuss abwarten, betont der Vorsitzende Karlheinz Endruschat. Danach werde man sich ein abschließendes Bild machen können. „Und dann können wir auch schauen, ob das Jugendamt nicht doch noch mehr Personal braucht. Im Moment ist diese Frage nachrangig.“

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