Prozess

Nach Streit um Hundekot ist 22-Jähriger auf einem Auge blind

Das Amtsgericht Essen, hier ein Justizibild aus der Fassade, verhandelt über einen banalen Streit mit schrecklichen Folgen.

Das Amtsgericht Essen, hier ein Justizibild aus der Fassade, verhandelt über einen banalen Streit mit schrecklichen Folgen.

Foto: Kerstin Kokoska / FUNKE Foto Services

Essen  Streit um Hundekot, zum Schluss ein Schuss, durch den ein 22-Jähriger ein Auge verlor. Jetzt klärt ein Essener Gericht, wie es zum Schuss kam.

Es ging um Hundekot. Der Streit schaukelte sich hoch, Schüsse fielen, und zum Schluss fehlt einem 24-Jährigen ein Auge. Mit diesen Wildwestszenen im Essener Stadtteil Bedingrade muss sich aktuell das Schöffengericht am Amtsgericht Essen beschäftigen.

Am 8. März 2017 hatte sich abends um 21.30 Uhr an der Grundschule Bedingrade-Schönebeck der Hausmeister über die Hinterlassenschaft eines Hundes auf dem Lehrerparkplatz geärgert. Er machte dafür die 78 Jahre alte Hundebesitzerin verantwortlich. Schnell mischten sich zwei Angehörige von ihr, darunter ihr damals 23-jähriger Enkel, ein. Es kam zum Handgemenge, der Hausmeister wurde leicht verletzt, die Polizei gerufen.

Angeklagt ist der Enkel der Hundebesitzerin

Gleichzeitig rief die Ehefrau des Hausmeisters ihren Sohn, damals 22 Jahre alt, an. Er ist das eigentliche Opfer und nimmt als Nebenkläger am Prozess teil. Angeklagt ist wegen schwerer Körperverletzung der Enkel der Hundebesitzerin, wegen Beteiligung an einer Schlägerei sein Stiefvater (55) sowie von der Gegenseite der Hausmeister, 53 Jahre alt.

Sein Sohn, von Beruf Rettungssanitäter, schildert vor Gericht, was die Mutter ihm am Telefon sagte: „Komm schnell, die schlagen auf Papa ein.“ Er sei dann zügig mit seiner Freundin zur Grundschule gefahren. Zeugen behaupten, er sei gerast „wie Rambo“. Sein Kommentar: „Wenn man hört, dass auf den Vater eingeschlagen wird, fährt man nicht wie sonntags zur Kirche.“ Richterin Eva Proske fragt nach: „Was für ein Auto?“ „Opel Astra.“ „Tiefer gelegt?“ „Ja.“

Schreckschusswaffe fällt auf die Straße

Als er den Wagen auf dem Parkplatz stoppte, seien die Kontrahenten schon getrennt gewesen, sagt er. Zügig habe er die Fahrertür aufgerissen, dabei sei leider die Schreckschusswaffe aus der Seitentasche auf die Straße gefallen. Er habe sich gebückt, um sie aufzuheben. Da habe jemand gerufen: „Vorsicht, der hat eine Waffe.“ Dann habe er einen Knall gehört „und das Augenlicht verloren“.

Trotz vieler Versuche war es den Ärzten nicht gelungen, die Sehkraft wiederherzustellen. Jetzt trägt er auf einer Seite ein Glasauge. „Ich wollte Höhenretter werden“, sagt er, „aber das geht nicht mehr“.

Angeklagter will sich bedroht gefühlt haben

Der Angeklagte schildert den Vorfall komplett anders. Der 23-Jährige berichtet, er habe sich bedroht gefühlt, denn der Sohn des Hausmeisters habe mit ausgestrecktem Arm mit der Waffe auf ihn gezielt.

Das Gericht hat die Schreckschusspistole in Augenschein genommen. Sie ist der Nachbau einer Walther P22. „Täuschend echt“, sagt Richterin Proske. Der 23-Jährige will sie auch für echt gehalten haben, zog nach eigenen Worten deshalb sein Tierabwehrspray und feuerte eine Ladung auf den Sohn des Hausmeisters ab.

Waffe griffbereit im Fahrzeug

Banaler Anlass, schreckliche Folge. Dass er den Angeklagten bedroht habe, bestreitet der Rettungssanitäter: „Das stimmt nicht.“ Warum der 22-jährige überhaupt eine Waffe griffbereit im Auto hatte? Er habe sich „durch Mitbürger“ bedroht gefühlt. Den vorgeschriebenen kleinen Waffenschein besitze er. Überflüssig zu sagen, dass bei der Auseinandersetzung kein einziger „Mitbürger“, sondern nur Deutsche beteiligt waren.

Für die beiden älteren Angeklagten endet das Verfahren bereits am ersten Tag. Ihr Verfahren wird auf Kosten der Landeskasse eingestellt, weil die Schlägerei längst beendet war, als der Schuss mit seinen verheerenden Folgen fiel. Am Donnerstag wird es nur noch um die Frage gehen, ob der heute 25 Jahre alte Angeklagte sich in Notwehr wähnte, als er schoss.

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