Einkaufsstadt Essen

Mit der Limbecker Straße begann die Zeit der „Einkaufsstadt“

Die Limbecker Straße im Mai 1966.

Die Limbecker Straße im Mai 1966.

Foto: Fotoarchiv Ruhrmuseum

Essen.  Vollsperrung für Autos – doch kaum jemanden interessierte es: Vor 90 Jahren wurde die Limbecker Straße zu Deutschlands erster Fußgängerzone.

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Die Limbecker Straße ist die Keimzelle des Essener Einzelhandels. Doch man findet in den Archiven wenig Historisches über sie. In diesem Jahr wird Deutschlands älteste Fußgängerzone 90 Jahre alt – im Oktober 1927 wurde beschlossen, die Limbecker Straße für Autos und Fuhrwerke dauerhaft zu sperren.

Wahrscheinlich war Verkehr damals einfach noch kein Thema, und so reicht damals eine einzige amtliche, maschinengeschriebene Akten-Notiz, die heute in den Regalen des Stadtarchivs schlummert: Es verfügt die „Tiefbauabteilung Süd“ am 14. Oktober 1927, dass die Limbecker Straße, damals noch mit Kopfsteinpflaster und Bürgersteigen, „dauerhaft gesperrt“ wird – für „Fahrzeuge jeglicher Art“, und die „Essener Allgemeine Zeitung“ widmet dieser Nachricht, so weit wir das nach Durchsicht vieler alter Zeitungen beurteilen können, keine einzige Meldung.

Althoff gehörte zu den Pionieren an der Limbecker Straße

Nein, die Leute diskutieren damals lieber ausführlich über die neuen Straßenbahn-Tarife und feiern ausgiebig den 80. Geburtstag des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg. In Essen steht außerdem die Neugründung der Folkwang-Universität an, und ganze Anzeigen-Seiten beschäftigen sich mit der Neueröffnung der Lebensmittel-Abteilung des Kaufhauses Althoff, die „aus technischen Gründen“, wie es heißt, um drei Tage verschoben werden muss.

Links: 2017, die Zeit der neuen Solidität: Große Leerstände sind Vergangenheit. Unten glänzt silbern der „Limbecker Platz“, dahinter der Cinemaxx-Turm. Rechts: 1966, die Zeit der Leuchtreklamen: Blick abwärts, die weiße Fassade unten gehört der „Kruppschen Konsumanstalt“ (später Sinn/Quelle, heute Einkaufszentrum).

Althoff gehörte zu den Pionieren, die sich Anfang des 20. Jahrhunderts an der Limbecker Straße niederließen – erst 1903 auf mittlerer Höhe, und später, 1912, ließ der Dülmener Kaufmann Theodor Althoff durch den bekannten Architekten Wilhelm Kreis eines der damals größten Warenhäuser Deutschlands bauen. 1920 übernahm Karstadt das Haus, das am unteren Ende der Fußgängerzone stand und ab 2007 dem Einkaufszentrum Limbecker Platz wich, das 2008 eröffnete.

Verkaufsstelle der Kruppsche Konsumanstalt floppte

Viele Essener hielten diesen Abriss für den nächsten großen Sündenfall, Stichwort „Altes Rathaus“, doch Karstadt war nicht zu retten – allein, weil es durch Bergsenkungen ausgesprochen schief stand. Einige wenige Teile der Fassade wurden ins Einkaufszentrum integriert. Wer heute an der Friedrich-Ebert-Straße, Höhe Unperfekthaus, genau hinschaut, kann die alten Sandsteine noch sehen.

Direkt neben Althoff beziehungsweise Karstadt hatte übrigens die Kruppsche Konsumanstalt ab 1962 die zentrale Verkaufsstelle hingesetzt – ein Flop, denn die Bedeutung von „Krupp Konsum“ ging in den nächsten Jahren erheblich zurück. Das Objekt übernahm Sinn, ebenfalls ein Pionier auf der Limbecker.

„Backfisch-Mäntel in aparten Phantasiestoffen“

Bereits 1927 warb Sinn mit großformatigen Anzeigen in der „Essener Allgemeinen Zeitung“: „Backfisch-Mäntel in aparten Phantasiestoffen“, 14 Mark 50. Als „Backfische“ wurden damals heranwachsende Mädchen bezeichnet. Was jedoch „aparte Phantasiestoffe sind“, muss an dieser Stelle ein Rätsel bleiben. Konkurrent „Arens GmbH“ in der Limbecker Straße 11 warb übrigens zeitgleich mit „Bettjäckchen, sehr beliebt“, ab 5 Mark 50 das Stück.

Die Limbecker Straße früher und heute. Das linke Bild ist im Januar 2017 aufgenommen worden, das rechte Foto im Jahr 1935.

Die damals aufwändig illustrierten Anzeigen in der Zeitung dokumentieren, dass die Weimarer Jahre nicht nur Blütezeit der Kultur, sondern auch Aufbruchsjahre des örtlichen Einzelhandels waren. Allein der Althoff-Neubau brach seinerzeit alle Rekorde: 53 Abteilungen befanden sich unter einem Dach.

Wiederholt harte Jahre für die Limbecker Straße

Doch die Limbecker Straße hat wiederholt harte Jahre durchstehen müssen. Die in den 1970er Jahren entstandene Monostruktur der Schuhgeschäfte war nicht der ideale Weg, Ende der 1990er Jahre wurde es dann kritisch. In Oberhausen hatte das „Centro“ schon eröffnet, doch das Einkaufszentrum „Limbecker Platz“ als Magneten gab es noch nicht. Es mehrte sich der Leerstand, das Niveau fiel in nie für möglich gehaltene Tiefen, Mieter kamen – und gingen vor allem.

Erst das Einkaufszentrum brachte die Wende. Zwar ist auf der Limbecker immer noch viel Fluktuation, doch strahlt sie heute eine gewisse Solidität aus, auch wenn sich die meisten Läden mehrheitlich erkennbar an ein junges Publikum richtet. Also an Backfische, wie man vor 90 Jahren sagte.

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