Bildung

Migrantin beweist: Hauptschulabschluss ist etwas wert

Saime Gashi auf dem Burgplatz.

Foto: Christof Kšpsel

Saime Gashi auf dem Burgplatz. Foto: Christof Kšpsel

Essen.   Saime Gashi kam aus dem Kosovo, arbeitete als Putzfrau – und hat jetzt ihren Hauptschulabschluss nachgeholt.

Was ist ein Hauptschulabschluss heute noch wert? Eine ganze Menge - das zeigt die Geschichte von Saime Gashi (47), die jetzt ihr Zeugnis in den Händen hält und dafür hart gearbeitet hat. Die Einwanderin, die vor einem Jahr die deutsche Staatsbürgerschaft erhielt, erhofft sich davon – mit einigem Recht – eine Ausbildung und einen Beruf, der sie dauerhaft erfüllt.

Den Abschluss holte sie an der Volkshochschule (VHS) nach, in einem Intensivkurs, ein Jahr lang, mit täglichem Unterricht von mittags bis abends. Nicht eine Stunde hat sie gefehlt, obwohl sie nebenbei noch gearbeitet hat, und, ach ja: Drei Kinder hat Saime Gashi schließlich auch noch.

Die gelernte Schneiderin wuchs im Kosovo auf, dort brach vor 20 Jahren ein Krieg aus. Sie floh nach Essen, da war sie 28 Jahre alt, folgte ihrem Ehemann, der schon vorher nach Essen gekommen war. Fortan schlug sie sich hier als Reinigungskraft durch. „Eigentlich wollte ich immer Medizin studieren“, sagt sie, „aber daran war nicht zu denken.“ Ihre Kindheit, Jugend und Schulzeit im Kosovo beschreibt sie als hart und entbehrungsreich: „Im Winter lag so hoch Schnee, da kamen wir nicht zur Schule, es fuhr kein Bus.“ 18 Kilometer betrug ein Weg – es waren Verhältnisse, die hier undenkbar sind.

Verhältnisse, die hier undenkbar sind

Deutsch lernt sie hier an der VHS, bekam mit ihrer Familie bald eine Wohnung und geht Putzen in Büros und in einem Altenheim in Stadtwald – da erkennt sie: „Altenpflegerin wäre ein Beruf für mich. Doch überall sagte man mir, dass ein Hauptschulabschluss erforderlich ist.“ So sind die Vorschriften.

So schreibt sie sich an der VHS ein und lernt weiter Deutsch, auch Englisch, Mathe, Geschichte, Bio, Informatik, Wirtschaft. Ihre Tochter, mittlerweile 16, geht an die Gesamtschule Nord, der Sohn besucht das Leibniz-Gymnasium, steht vor dem Abitur.

Der große Sohn kümmert sich

Die kleine Tochter, sieben Jahre alt, besucht die Grundschule. „Vormittags habe ich die Wohnung in Ordnung gebracht und Essen vorgekocht, mein Sohn hat nach der Schule die Tochter von der Grundschule geholt und sich bis zum Abend um sie gekümmert.“ Nach der VHS fährt Saime Gashi weiter zu ihren Putzstellen; wenn sie ausfällt, springt der älteste Sohn ein.

So arbeitet die gesamte Familie mit, sodass die Mutter den Schulabschluss nachholen kann: „Ohne meine großen Kinder hätte das alles nicht funktioniert, ich bin sehr stolz auf sie“, sagt Saime Gashi. „Mein ältester Sohn ist wie meine rechte Hand.“

Heike Hurlin, stellvertretende VHS-Direktorin und Leiterin des Fachbereichs „Schulische Weiterbildung“, sagt über die 47-Jährige: „Leute wie Saime Gashi sind eine Wohltat für unsere Kurse. Sie strahlt eine natürliche Autorität aus, das verbessert das gesamte Lernklima.“ Zweimal im Jahr vergibt die VHS Abschlüsse; jetzt waren es wieder 91.

Was ist ein Hauptschulabschluss heute noch wert? „Ich schreibe jetzt Bewerbungen und bin sehr zuversichtlich“, sagt Saime Gashi. Der Abschluss kann immer noch sein, auch wenn landläufig das Gegenteil erzählt wird, der Eintritt in ein bürgerliches Leben.

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