Streit

Mehrgenerationenhaus: Die Kirche hat uns vor die Tür gesetzt

Mehrgenerationenhaus Essen: Der Geschäftsführer des Hauses, Arndt Sauer, im Garten am neuen Standort an der Kerckhoffstraße in Frohnhausen.

Mehrgenerationenhaus Essen: Der Geschäftsführer des Hauses, Arndt Sauer, im Garten am neuen Standort an der Kerckhoffstraße in Frohnhausen.

Foto: Carsten Klein / FUNKE Foto Services

Essen.  Das Essener Mehrgenerationenhaus fühlt sich von der Kirche vor die Tür gesetzt. 2017 zog das Projekt um, der Streit mit St. Antonius dauert an.

Von Misstönen begleitet endete jetzt die Zusammenarbeit der Pfarrei St. Antonius mit dem Essener Mehrgenerationenhaus (MGH). Zehn Jahre lang nutzte das Projekt kirchliche Gebäude an der Sälzerstraße in Altendorf. „Wir wollten die Räume sogar kaufen, ein Vertrag war aufgesetzt“, sagt MGH-Geschäftsführer Arndt Sauer.

Dann habe man eine überraschende Kehrtwende erlebt – das Mehrgenerationenhaus musste umziehen. Der Umzug liegt drei Jahre zurück, der Streit dauert an.

Mehrgenerationenhaus Essen und Kirche: Zusammenarbeit beginnt verheißungsvoll

Die gemeinsame Geschichte hatte 2007 verheißungsvoll begonnen: Das Mehrgenerationenhaus wurde von der katholischen Gemeinde St. Mariä Himmelfahrt gegründet und in die Gemeinde eingebettet. Im Juli 2014 mailt der Verwaltungsleiter der zuständigen Großpfarrei St. Antonius ans MGH: „Der Bauausschuss des Kirchenvorstandes hat in seiner letzten Sitzung dem Verkauf des Hauses zugestimmt.“ Nun seien nur noch Detailfragen zu klären.

Bald wird ein Nutzungsübertragungsvertrag aufgesetzt, in dem es heißt: „Das Mehrgenerationenhaus ist [...] Teil der Pastorale in der Kirchengemeinde St. Antonius [...]. Um den Verein und dessen Ziele zu unterstützen, ist die Kirchengemeinde bereit, Haus und Grundstück mietfrei zu überlassen.“ Neben einer fünfjährigen Mindestlaufzeit bestätigt die Gemeinde: „Dem Nutzer wird ein Vorkaufsrecht eingeräumt.“

Im Vertrauen auf einen späteren Kauf sanieren die Mieter das Haus aufwendig

Im Vertrauen auf den späteren Kauf habe man aufwendige Sanierungen gemacht, sagt Arndt Sauer. „Wir haben die Dachfenster ausgetauscht, das Dach und vier Badezimmer saniert, Elektroleitungen erneuert und Böden gefliest.“

Im Dezember 2015 bestätigt der Verwaltungsleiter, „dass eine Übertragung zum nächstmöglichen Zeitpunkt umgesetzt wird.“ Unter dem Dach des Hauses gibt es da bereits eine Kita, einen Tagespflegeverbund und Jugend-WGs. Während der Flüchtlingskrise werden auch junge Flüchtlinge aufgenommen. „Eine tolle Truppe“, sagt Sauer. Doch dem Gemeindepfarrer, der mit in dem Gebäude wohnt, sei diese Entwicklung wohl nicht genehm gewesen. Regelmäßig habe er sich beschwert.

Statt des Kaufvertrages kommt eines Tages die Kündigung

Tatsache ist jedenfalls, dass der Nutzungsübertragungsvertrag, der 2016 wirksam werden sollte, von der Kirche nie unterzeichnet wird. Im Gegenteil: Im November 2016 bekommt das Mehrgenerationenhaus die Kündigung. Der Ton ist nun kühl: „Da zwischen Ihnen und uns auch keine Verbindungen mehr bestehen [...], besteht auch keine Veranlassung mehr, die Nutzung der überlassenen Gebäude und Räumlichkeiten fortzusetzen.“ Bis Ende Februar 2017 solle das MGH die Räume ordnungsgemäß zurückgeben.

Enttäuscht zieht das Mehrgenerationenhauses 2017 an die Kerckhoffstraße in Frohnhausen, will aber einige Angebote an der Sälzerstraße halten. Freilich beansprucht die Kirche den Platz dort inzwischen für eine eigene Kita.

Der Pfarrer widerspricht den Vorwürfen

Seither verhandeln beide Parteien zäh über eine Entschädigung für die erbrachten Sanierungen. Das MGH macht allein Materialkosten von 37.000 Euro geltend. Irgendwann habe man sich geeinigt, dass ein Gutachten die Gesamtkosten ermitteln soll, sagt Sauer. Doch dann habe die Gemeinde das Gutachten ignoriert; ihre Anwältin teilt mit: „Von Interesse ist für meine Mandantin lediglich der Einbau der jeweiligen Dachflächenfenster“: Man könne 9500 Euro berücksichtigen. Weil noch Mietforderungen von fast 4300 Euro bestünden, sei man nur bereit 5243 Euro zu zahlen. Sofern das MGH bis zum 15. Mai 2020 vollständig ausziehe.

„Das Angebot ist nicht annähernd angemessen“, sagt Sauer. So fordere die Kirche längst beglichene Nebenkosten ein. Und statt die ordnungsgemäße Übergabe von Räumen und Schlüsseln abzuwarten, habe sich die Gemeinde schon vor dem 15. Mai Zutritt zu den MGH-Räumen verschafft und neuwertige Gebrauchsgegenstände sowie Wertgegenstände wie Fernseher und Waschmaschine entfernt.

Dem widerspricht Pfarrer Ludger Blasius von der zuständigen Pfarrei St. Antonius. „Wenn man eine Kündigung ausspricht, hat der Mieter eine angemessene Frist, die Dinge aus dem Objekt zu holen.“ Die habe das MGH verstreichen lassen, den Auszug hinausgezögert. „Dabei wollen wir die Räume für eine weitere Gruppe der Kita St. Anna nutzen.“

Die Kirchengemeinde sagt, sie habe dem Haus eine großzügige Starthilfe gegeben

Blasius sagt, das Mehrgenerationenhaus habe von der Gemeinde mit der Überlassung des Hauses doch eine „großzügige Starthilfe“ bekommen. Im Laufe der Zeit hätten sich die Nutzungsmöglichkeiten geändert, so dass man die Immobilie nun eben nicht mehr verkaufen, sondern selbst nutzen wolle. Das MGH habe seinen Schwerpunkt längst an die Kerckhoffstraße und die Räume an der Sälzerstraße zuletzt kaum genutzt.

Er habe mitbekommen, dass zwischen den Beteiligten vor Ort etwas schwele, „aber nach meinem Kenntnisstand ist das abgeschlossen“. Arndt Sauer sieht das anders: Weder sei man sich über das Finanzielle einig, noch könne er den ruppigen Rausschmiss akzeptieren. Er habe das Bistum gebeten, zu vermitteln.

Da bestätigt man den Eingang einer Mail an Bischof Franz-Josef Overbeck, bedauert aber: „Angesichts der weiteren Entwicklung des Konflikts zwischen der Pfarrei St. Antonius und Herrn Sauer hat sich für die Fachabteilung im Bischöflichen Generalvikariat kein Ansatzpunkt für eine Vermittlung zwischen den beiden Parteien mit dem Ziel einer Kompromissfindung ergeben.“

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