Prozess

Mann erblindet – Freispruch für Schützen im Hundekot-Streit

Unbestraft durfte der Angeklagte nach dem Urteil das Gebäude des Land- und Amtsgerichtes Essen verlassen.

Unbestraft durfte der Angeklagte nach dem Urteil das Gebäude des Land- und Amtsgerichtes Essen verlassen.

Foto: Kerstin Kokoska / FUNKE Foto Services

Essen  Ein Streit um Hundekot hat zu einer handfesten Auseinandersetzung geführt. Ein Mann ist seitdem blind. Der Angeklagte wurde freigesprochen.

Die Folgen des Streits über Hundekot sind schrecklich. Aber strafrechtlich bleibt der Schuss mit einem Tierabwehrspray, der einem 24-jährigen Essener das Augenlicht kostete, ungesühnt. Am Donnerstag sprach das Schöffengericht Essen den 25 Jahre alten Schützen vom Vorwurf der schweren Körperverletzung wegen Notwehr frei.

Denn es ist laut Urteil nicht auszuschließen, dass er in dem 24-Jährigen, der eine täuschend echt aussehende Schreckschusswaffe hatte, eine echte Gefahr sah und deshalb zur Abwehr schoss.

Streit um Hundekot auf Schulgelände eskalierte

Ein Streit aus banalem Anlass hatte zunächst zu einer Schlägerei geführt, die Richterin Eva Proske als „unwürdig“ bezeichnete. Am 8. März 2017 hatte der heute 53 Jahre alte Hausmeister der Grundschule Bedingrade-Schönebeck eine 78-Jährige aufgefordert, mit ihrem Hund „Charly“ vom Schulgelände zu verschwinden. Es ging um Hundekot.

Doch die Seniorin ließ sich das nicht bieten. Richterin Proske: „Sie zeigte Selbstherrlichkeit ohne Ende und Respektlosigkeit.“ Doch auch der Hausmeister habe unangemessen reagiert: „Schade, dass er sich auf das Niveau begab.“

Hausmeister mit Schlagstock

Angehörige beider Seiten mischten sich ein. Zum Schluss wälzten sich vier Erwachsene auf dem Boden, ein Finger wurde gebrochen. Irgendwann hatte der Hausmeister auch einen Schlagstock in der Hand.

Doch dann war Schluss, beide Gruppen standen getrennt auf dem Platz und warteten auf die Polizei. Plötzlich raste der damals 22 Jahre alte Sohn des Hausmeisters, alarmiert von seiner Mutter, in seinem Auto heran. Mit „Kamikaze“ oder „Rambo“ beschreiben Zeugen seine Fahrweise, er selbst räumt eine zügige Ankunft ein.

Ladung aus dem Tierabwehrspray traf sein Auge

Er riss die Fahrertür auf, griff nach seiner Schreckschusspistole und bekam eine Ladung vom Tierabwehrspray des 25-Jährigen ins Gesicht. Seitdem ist der Rettungssanitäter auf einem Auge blind.

Der Schütze ist der Enkel der Hundebesitzerin. Er sagt, der 22-Jährige habe sich mit ausgestrecktem Arm hingestellt und die Waffe in der Hand gehalten. Deshalb habe er aus Angst um seine Familie geschossen.

Rettungssanitäter will sich nach Waffe gebückt haben

Der Rettungssanitäter will sich dagegen gebückt haben, weil die Waffe aus dem Seitenfach der Fahrertür auf die Straße gefallen sei. In dieser Haltung habe ihn die Ladung erwischt. Er habe sie stets schussbereit "aus Angst vor Mitbürgern" in der Nähe, sagte er.

Staatsanwältin Hannah Wörmann sah diese Version als widerlegt an. Denn keiner der unbeteiligten und glaubhaften Zeugen habe dies bestätigt. Mehrere von ihnen hätten dagegen gesehen, dass der 22-Jährige den Arm ausgestreckt habe. Deshalb hatte schon die Anklägerin Freispruch wegen Notwehr gefordert. Lediglich Nebenklageanwalt Willi Vollenberg hatte am Donnerstag eine Verurteilung des angeklagten Schützen gefordert.

Das Schöffengericht wollte sich letztlich nicht festlegen. Aber eine Notwehr sei nicht auszuschließen, sagte Richterin Proske. Die Tendenz des Gerichtes sei sogar, dass der Arm ausgestreckt war und diese Haltung als bedrohlich eingestuft werden durfte. Die Notwehr sei also gerechtfertigt. Freispruch.

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