Atemspaziergänge

Manager wird Therapeut: Essener setzt auf Kraft der Atmung

Andreas Crüsemann demonstriert vor dem Schillerbrunnen in Essen-Stadtwald die Übungen, die er mit den Teilnehmern machen wird.

Andreas Crüsemann demonstriert vor dem Schillerbrunnen in Essen-Stadtwald die Übungen, die er mit den Teilnehmern machen wird.

Foto: Julia Tillmann / FUNKE Foto Services

Essen-Stadtwald.  Der frühere Manager Andreas Crüsemann wäre fast erblindet. Heute arbeitet er als Atemtherapeut. Sein Wissen gibt er bei Spaziergängen weiter.

Ein Kontrastprogramm zu Weihnachtsmarkt und adventlichem Einkaufstrubel bietet der Atemtherapeut Andreas Crüsemann in Essen-Stadtwald an. An den kommenden drei Adventssonntagen lädt er zu Atemspaziergängen durch den Wald an. Crüsemann betritt mit den winterlichen Spaziergängen Neuland. Er will dabei Wissen über die Atmung vermitteln – Wissen, das ihm selbst in den vergangenen Jahren geholfen hat, als er 2013 durch einen Unfall fast sein Augenlicht verlor.

Seit einiger Zeit arbeitet er als Atemtherapeut. „Mit den Winterspaziergängen will ich etwas Neues ausprobieren. Sonst unterrichte ich in der Regel Gruppen in geschlossenen Räumen. Die Bewegung im Freien bringt aber noch einmal einen ganz anderen Aspekt“, erklärt der 54-Jährige. Atemarbeit habe er bereits als Kind kennengelernt, als seine Mutter eine entsprechende Ausbildung machte und ihn an ihren Erkenntnissen teilhaben ließ.

Die Mutter brachte Andreas Crüsemann mit Atemarbeit in Kontakt

Damals sei er richtig sportlich gewesen, etwas Ruhiges wie Atmen sei da eher nicht sein Thema gewesen. Als es später im Beruf dann so richtig stressig geworden sei, habe er die von seiner Mutter erlernten Atemübungen zur Entspannung jedoch zu schätzen gewusst.

Vor seinem Unfall – er war in einer Fußgängerzone gestolpert und auf das Gesicht gefallen – war der gelernte Bankkaufmann und Betriebswirt erfolgreich als Marketing-Chef einer Kino-Kette tätig. Nach dem Unfall bangte Crüsemann lange Zeit um seine Sehkraft. „Ich musste mich fragen, was werden würde, wenn ich komplett erblinde“, blickt er zurück.

Der frühere Manager bangte um sein Augenlicht

Nach drei Operationen und diversen Komplikationen sei klar gewesen, dass Sehstörungen bleiben würden und er seinen alten Job nicht mehr ausüben könne. „Ich kann keine acht Stunden mehr am Computer sitzen“, erläutert er. Crüsemann musste sein Leben neu organisieren – und erinnerte sich an seine langjährigen positiven Erfahrungen mit der Atemarbeit.

http://funke-cms.abendblatt.de:8080/webservice/thumbnail/article/215269919Er habe eine dreijährige Ausbildung am Institut für Atemlehre in Berlin absolviert. Dabei machte er nicht nur Atemübungen, sondern lernte auch viel über die physiologischen und psychologischen Hintergründe dieser lebenswichtigen Funktion.

Seit anderthalb Jahren gibt Andreas Crüsemann Atemkurse an der Volkshochschule. „Da arbeite ich mit einer Gruppe von bis zu 14 Leuten im Liegen, Sitzen oder Stehen, aber natürlich im Inneraum“, sagt Crüsemann. Atemspaziergänge im Sommer, zum Beispiel im Grugapark, gebe es bereits in Essen. „Mit den Winterspaziergängen betrete ich jetzt Neuland“, sagt er. Optimal wäre eine Gruppe von zehn bis 20 Leuten. „Dann funktioniert das Tönen von Vokalen und Konsonanten besonders gut. Wir werden auf dem Weg durch den Stadtwald mehrere S-Bahn-Tunnel passieren, wo die Hall-Effekte dann schon beeindruckend sind“, sagt der Atemtherapeut.

Die Teilnehmer der Spaziergänge bleiben in Bewegung

Er arbeite körpergebunden, laufe mit den Teilnehmern im Verlauf der anderthalbstündigen Veranstaltung verschiedene Stationen ab. Er gehe dabei auf die unterschiedlichen Voraussetzungen ein. „Ein 17-jähriges zierliches Mädchen hat natürlich ein anderes Lungenvolumen als der 30-jährige Leistungssportler oder eine nicht trainierte, vielleicht kurzatmige Seniorin.“ Wichtig sei, dass die Teilnehmer der Jahreszeit entsprechend gekleidet seien, dass ihnen warm sei und sie sich wohlfühlten. „Kälte ist im Prinzip gut für das Wahrnehmen der Atmung, weil man den Atem ganz anders spürt und auch sieht“, so Crüsemann.

„Atemarbeit ist etwas ganz Handfestes, nichts Esoterisches, wie oft vermutet wird“, sagt der Therapeut aus Stadtwald, der auf die Kraft des bewussten Atmens und der Achtsamkeit setzt. Die Atmung sei ein „mächtiges Instrument“, das man für sich nutzen könne, das sich aber auch gegen einen wenden könne, wenn man sie vernachlässige. Ganz bewusst biete er die winterlichen Spaziergänge jetzt in der Adventszeit an, in der viele Menschen gestresst und gehetzt seien.

Neue Atemgruppe startet im Februar in Essen-Stadtwald

Ab Februar will Crüsemann eine Atemgruppe in Stadtwald aufbauen. Der Kurs läuft vom 3. Februar bis 30. März, montags, 18 bis 19.30 Uhr. Ein kostenloser Schnupperabend findet am Montag, 27. Januar, im Gebäude SWP 1, Stadtwaldplatz 1, statt. Für die Spaziergänge und den Schnupperkurs sind Anmeldungen erforderlich.

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