Manager, die im Glaskasten sitzen

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Wer sind wir und wenn ja - wie lange sind wir das noch ? In den Arbeiten von Julia Charlotte Richter wird die Identitätsfrage zur Kunstaufgabe. Die 30-jährige Stipendiatin des Kunsthauses Essen interessiert sich für die Zeit der Übergänge, für den Moment, in dem aus Zukunft Gegenwart wird und aus Träumen Realität. Diesen Lackmustext für Lebensversprechen verarbeitet sie in ihren psychologisch-einfühlsamen, sinnlich-subtilen Videoarbeiten, die das Kunsthaus Essen nun als teils mehrteilige Rauminstallationen präsentiert.

„Promised Land“ heißt Richters Abschlussausstellung im Rahmen ihres von hochrangigen Museumsleuten wie Jean-Christophe Ammann kuratierten Stipendiums „Junge Kunst in Essen“. Das „gelobte Land“ liegt dabei wahlweise im Kinderzimmer spielender Drillingsschwestern aus Rellinghausen, im Bochumer Aquarium oder im gläsernen Konferenzraum des Folkwang-Museums, das Richter eine „Drehgenehmigung“ erteilte.

Die Schauspieler, darunter auch heute aus Bochum, früher aus Essen bekannte Theater-Profis wie Nicola Mastroberardino, sind dabei gleich in zwei Videosequenzen zu sehen, die einen spannenden Gegenentwurf zum Bild des immer entscheidungsfreudigen und tatkräftigen Managers entwerfen. Die lärmende Stille der Sprachlosigkeit, die die Kamera in der ersten Sequenz noch abtastet wie ein Stethoskop die Herztöne seines Patienten, schlägt in der zweiten Szenerie in offene Verzweiflung um. Weinende Geschäftsmänner, ertappt vielleicht irgendwo zwischen Selbst- und Börsenbetrug, hat Richter beim großen Konzert der stillen Gesten glänzend dirigiert. Denn sie macht das sonst Ungesehene sichtbar, wie sie das Ungesagte in beredtes Schweigen übersetzt.

Sinnlich, spielerisch und hochpoetisch erscheint daneben die Arbeit „Fish Tank“ mit jungen Waldorfschülerinnen, die vor den Fischbecken des Bochumer Aquariums herumlümmeln. Richters künstlerisch-soziologisches Interesse am Verhalten bestimmter Alters- und Geschlechtergruppen verdichtet sich in dieser Arbeit zum Dreiklang aus langen Kameraeinstellungen, bewegten Blicke-Balletten zwischen Mensch und Fisch und atmosphärischer Klangkunst. Während sich die mysteriösen Unterwasser-Welten hinter der Glasscheibe auftun, wird das akustische Erleben wie im Inneren einer Taucherglocke verstärkt.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben