Lesefest

Lit.Ruhr: Warum Campino so gerne Engländer und Ehemann ist

Zur musikalischen Lesung und Vorstellung seines ersten Buchs „Hope Street" - Wie ich einmal englischer Meister wurde“ hatte Tote Hosen-Sänger Campino auch Bandkollege Andreas „Kuddel" von Holst mitgebracht.

Zur musikalischen Lesung und Vorstellung seines ersten Buchs „Hope Street" - Wie ich einmal englischer Meister wurde“ hatte Tote Hosen-Sänger Campino auch Bandkollege Andreas „Kuddel" von Holst mitgebracht.

Foto: Lars Heidrich / FUNKE Foto Services

Essen.  Lebensbeichten und Literatur-Debüts: Lesefest Lit.Ruhr findet viel Zuspruch und wird zum Hoffnungszeichen für Kulturevents in Coronazeiten.

Lit.Ruhr ist, wenn eine international erfolgreiche Tennis-Spielerin, ein deutscher Punkrockstar und ein Ruhrgebiets-Kabarettist nach wochenlanger Zwangspause wieder gemeinsam Spielerlaubnis bekommen. So war das Internationale Lesefest in diesem Jahr nicht nur das beliebte Gruppenereignis aus Literatainment, Politik, Promifaktor und anspruchsvollem Buch, sondern vor allem ein vielstimmiges „Hurra, wir lesen noch.“

10.000 Besucher besuchten die insgesamt 69 Veranstaltungen. 7700 erlebten sie live vor allem auf der Essener Zeche Zollverein, die sich in puncto Hallengrößen und Weitläufigkeit als idealer Standort erwies. Für etwa 2300 Schüler kam die Literatur diesmal auch per Live-Stream ins Klassenzimmer.

Es hat in den vergangenen Jahren vielleicht schon Lesefeste mit originelleren Themen, berühmteren Gästen, amüsanteren Moderationen gegeben. Und doch hat die vierte Lit.Ruhr ein bedeutsames Zeichen gesetzt, wie man Großveranstaltungen trotz Corona-Pandemie mit Abstand und ausgefeilten Hygieneschutzkonzepten möglich macht. Publikum und Künstler waren jedenfalls wohl selten so gleichermaßen glücklich darüber, sich endlich wieder auf offener Bühne begegnen zu können.

Ein warmer Empfang also für Bernhard Schlink, der mit seinem aktuellen Erzählband „Abschiedsfarben“ nach Essen gekommen war, Zsuzsa Bánk, die in „Sterben im Sommer“ so berührend vom Krebstod ihres Vaters erzählt, Schauspieler Christian Berkel, der mit „Ada“ seine Familiengeschichte um ein weiteres Kapitel erweitert hat, und Philosoph Wolfram Eilenberger, der sein Buch „Feuer der Freiheit“ hellsichtigen Frauen wie Simone de Beauvoir und Hannah Arendt gewidmet hat.

Tennis-Star Andrea Petkovic liebt Literatur: „Die Bücher waren meine treuen Begleiter“

Dass Autoren wie Ernest Hemingway und Saul Bellow auch auf dem Tennisplatz einflussreiche Arbeit leisten, versichert Tennisspielerin Andrea Petkovic. Die 32-Jährige hat gerade ihr literarisches Debüt „Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht“ herausgebracht. Es geht um Tennis, aber auch um das Trauma der Eltern, die einst vor dem Jugoslawienkrieg geflohen sind. Um die Angst, alles wieder verlieren zu können und den festen Wunsch, auch als Kind aus einfachen Verhältnissen Teil der gesellschaftlichen Elite werden zu können.

„Ich wollte dazugehören und Tennis war die Abkürzung“, erzählt Petkovic im Gespräch mit Moderatorin Katrin Bauernfeind. Das Buch sei denn auch so eine Art Selbsterkundung, um dem Geheimnis von Ehrgeiz und unbedingtem Willen auf die Spur zu kommen. Um im Sport erstklassige Trainer zu bekommen, müsse man „ganz schön viel Geld raushauen“, erklärt Petkovic. Die besten literarischen Trainer habe sie sich seit dem 16. Lebensjahr einfach in die Sporttasche stecken können. „Die Bücher waren immer meine treuen Begleiter.“

Campinos Ehefrau schaut lieber Tennis als ein Spiel des Liverpool FC

Die Kindheit und Jugend, sie führt vielen die Feder. Auch „Tote Hosen“-Sänger Campino hat sein literarisches Debüt gerade abgeliefert. „Hope Street: Wie ich einmal englischer Meister wurde“ ist ein Fußballbuch, aber auch ein Familienbuch, das von der Kindheit in Mettmann, der britischen Mutter und Campinos „englischer Seele“ erzählt. „Ich verehrte alles: Schuluniformen. Linksverkehr, Full English Breakfast. Ich verherrlichte sogar das Wetter“, gesteht der 58-Jährige beim Lit.Ruhr-Auftritt, zu dem der Sänger nicht nur seinen Liverpool-Fanschal, sondern auch die beiden „Hosen“-Musiker Andreas „Kuddel“ von Holst und den in Essen geborenen Bassisten Andi mitgebracht hat.

Zwischen einem wunderbaren „Ferry Cross The Mersey“-Cover und „Hosen“-Songs wie „Draußen vor der Tür“ gibt es Erinnerungen an stibitzte Makronenkugeln, unaufgeräumte Kinderzimmer und nächtliche Fahrten zum Auswärtsspiel der Reds. Es sind die kleinen Geschichten, die den Rockstar so nahbar machen, der inzwischen nicht nur die englische Staatsbürgerschaft, sondern auch einen Ehering hat. Obwohl er sich den Pay-TV-Zugang nun ausgerechnet mit seiner Frau teilen muss, die lieber Alexander Zverev beim Tennisspielen zuguckt als dem FC Liverpool.

Zusammenbringen, was auf den ersten Blick nicht zusammen gehört, auch das ist eine Spezialität der Lit.Ruhr und ihrer beliebten Themenabende. Christoph Maria Herbst und Bjarne Mädel einfach mal Shakespeares Balkonszene als Romeo und Julia lesen zu lassen war da eine ebenso ungewöhnliche Idee wie Susanne Wolff und Bastian Pastewka auf die Fährte der literarischen Selbstdarsteller zu setzen – mit Geschichten und Anekdoten von Gabriele Henkel über Joachim Meyerhoff bis zu US-Präsident Donald Trump als Erfolgs-Ratgeber.

Lustige literarische Selfies hier - moralische Wertedebatten da. Und ein vergnüglicher Beitrag zum Neid-Verhalten von Cordula Stratmann, bei der sich vor allem Edin Hasanovic als fabelhafte Stimme für die aus menschlichem Größenwahn gegossenen Zeilen von Simon Strauß bis David Sedaris bewies.

Warum im Arbeitszimmer von Fritz Eckenga ganz Manhattan eingebrochen ist

Gigantomanie kennt auch einer, der sonst nur als Baumarktleiter hoch stapelt. Kabarettist Fritz Eckenga hat in seiner Heimat Dortmund „Manhattan“ aufgebaut. So jedenfalls bezeichnet seine Frau die seit Jahrzehnten aufgestauten Papierstapel im Arbeitszimmer. Die Türme sind inzwischen abgerissen. Corona hat für Ordnung gesorgt. Und Eckenga darf endlich wieder raus, um Rettungsreime auszuwerfen.

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