Literaturfestival

Lit.Ruhr lockt 25.000 Gäste zum Lesefest mit großen Namen

Anika Decker, Drehbuchautorin (li.), Journalist und Moderator Jörg Thadeusz und Schauspielerin Katja Riemann präsentieren „Wir von der anderen Seite“.

Anika Decker, Drehbuchautorin (li.), Journalist und Moderator Jörg Thadeusz und Schauspielerin Katja Riemann präsentieren „Wir von der anderen Seite“.

Foto: Kerstin Kokoska / FUNKE Foto Services

Essen.  25.000 Besucher bei der Lit.Ruhr. Lesefest punktet mit prominenten Vorlesern von Katja Riemann bis Joachim Król. Stoppok stellt neuen Song vor.

Um nicht weniger als das Leben sollte es bei der Eröffnungs-Gala der dritten Lit.Ruhr gehen. Doch obwohl der breit gefasste und stark nach Lit.Cologne klingende Auftakt in der Essener Philharmonie mit Wolfgang Niedecken schon der kölschen Mundart wegen nicht jeden erreichte, fand das facettenreiche Programm zwischen klassischen Ruhrgebiets-Themen „Bang Boom Bang. Jenseits von Kohle und Stahl“, den allseits beliebten Themenabenden („Furchtlos trinken!“) und politisch hochaktuellen Auftritten wie der Lesung von Deniz Yücel und der frisch gekürten polnischen Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk am Ende doch viel Zuspruch. 25.000 Besucher markierten nach sechs Festivaltagen zwar keinen neuen Rekord, aber vielversprechende Kontinuität. Das Festival-Wochenende in Lesen-Splittern:

Probleme mit schnarchenden Männern und schlaffem Bindegewebe

Ladies Night bei der Lit.Ruhr. Wenn Bestsellerautorin und Brigitte-Kolumnistin Ildiko von Kürthy (Mondscheintarif) einlädt, dann füllt das vornehmlich weibliche Publikum die große Zollverein-Halle 5 fast komplett. Zur Belohnung gab es mehr als eine gewöhnliche Lesung. Die eigenwillig inszenierte Mischung aus Hör- und Musikspiel mit einem leichten Zug ins Ohnesorghafte hatte von Kürthy zusammen mit der Kabarettistin Cordula Stratmann arrangiert. Auf der Bühne erlebte man nicht nur eine singende Autorin, sondern eine Frau in den berühmten besten Jahren, die sich nicht mehr nur mit dem schnarchenden Ehemann und dem erschlaffenden Bindegewebe herumplagt. Ausgelöst vom Tod der Mutter geht es in von Kürthys neuem Buch „Es wird Zeit“ auch um ganz existenzielle Themen: Krankheit, Tod und die Frage, was ab 50 überhaupt noch kommt. Doch selbst die auf dem Bühnentisch platzierte Bio-Urne – „aus dem Internet, bestbewertet“ – tat der guten Laune keinen Abbruch. Das Publikum bewertete den Abend mit großem Gelächter: „Gefällt mir“.

Furchtlos trinken! Ein Prosit auf die Literatur

Es soll freilich auch Frauen geben, die Probleme lieber mit einem Prosecco runterspülen. Und so waren die fabelhafte Mechthild Großmann (Tatort), und Schauspielerin Anneke Kim Sarnau – sekundiert von Moderator Knut Elstermann und einem Fläschchen „Fürst Metternich“ – zu einem Abend über Frauen, Alkohol und die Literatur angetreten. Eine Lesung, die sich mit Marguerite Duras und Irmgard Keun, Mascha Kaléko und Joachim Meyerhoff durch die literarische Cocktailabteilung arbeitete – mal melancholisch-bitterherb, mal hochprozentig nachdenklich oder prickelnd pointiert. Trotz all der erlesen vorgetragenen Schnapsdrosseleien hält sich Großmann bei der Arbeit allerdings lieber an ihre eigene Wein-Agenda: „Vorher lieber nicht, nachher ganz viel.“

Halbseitig gelähmt, aber trotzdem voller Tatendrang: Gaby Köster, deren verfilmte Biografie „Ein Schnupfen hätte auch gereicht“ sogar mit einem Emmy für Hauptdarstellerin Anna Schudt ausgezeichnet wurde, hat mit Till Hoheneder ein zweites Buch über ihr Leben nach dem Schlaganfall geschrieben. „Das Leben ist großartig – von einfach war nie die Rede“. Gewohnt offen erzählt sie darin von den Reaktionen auf ihre zeitweiligen Auftritte im Rollstuhl, den Erfahrungen mit dem Dating-Portal „Tinder“ und von ihrem Sohn Donald, der zuletzt aus Liebe zum Tango für mehrere Monate in Argentinien gelebt hat. „Da musste ich schon schlucken.“ Ob sie denn eine Übermutter sei, will Moderatorin Sabine Heinrich wissen. „Näääh“, kommt es entschlossen von der Kölner Komödiantin. Und dass sie wie jeck m Internet nach einer Strickmaschine gesucht hat, um „dem Kind“ trotzt ihres „linken Arm im Off“ eine Mütze für die Arbeit zu stricken, das soll man jetzt bloß nicht überbewerten.

„Keinohrhasen“ hat Anika Decker für Schauspieler Til Schweiger kreiert. Als die erfolgreiche Drehbuchautorin und Regisseurin („Traumfrauen“) in der Reha dann irgendwann selber Jutemäuse basteln sollte, hatte die Mittdreißigerin nach einer lebensbedrohlichen Blutvergiftung mit tagelangem Koma einen wochenlangen Krankenhausmarathon hinter sich. Einen Teil der Geschichte hat Decker in ihrem Romandebüt „Wir von der anderen Seite“ verarbeitet. Mit Schauspielerin Katja Riemann als grandiose Vorleserin bekommt der Text auf der Lit.Ruhr eine eindringliche Stimme. Wie das Lesefest in diesem Jahr generell mehr starke Vorleser als namhafte Autoren zu bieten hat.

Literatur findet auf der Lit.Ruhr aber nicht nur zwischen zwei Buchdeckeln statt. Spätestens Bob Dylans Literaturnobelpreis hat ja auch die Barden zu wichtigen Stimmen des Literaturbetriebs erklärt. Und Stefan Stoppok, der längst aus Essen weggezogene, aber im Pott immer noch hochverehrte Poppoet, gilt als Musiker, der seine klug in Verse gefasste Kleinodien schon auf Deutsch geschrieben hat, als alles Heimatsprachliche im Radio noch als Quotenkiller galt.

Lieder, die tatsächlich im Rausch entstanden sind

„Viele Lieder entstehen am Küchentisch“, verrät Stoppok beim Lit.Ruhr-Gespräch mit Moderator Jochen Rausch. Trotz der immer störenden Stuhllehnen, die ihn aber auch im Salzlager der Kokerei Zollverein nicht davon abhalten, zur Gitarre zu greifen und Songs vorzustellen, die manchmal nicht wie, sondern tatsächlich im Rausch entstanden sind, wie „La Compostela“. Am Ende gibt es sogar eine echte Premiere. „Lass sie alle rein“ heißt der Titel seines neuen Albums „Jubel“, das Anfang 2020 herauskommen wird. „Kann man sowas heute überhaupt noch singen?“, fragt Stoppok in die Runde. Uneingeschränktes Ja vom Publikum.

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