Dieselskandal

Diesel-Fahrverbote in Essen sorgen für Leid und Hoffnung

Reinhard Schmidt und Susanne Demmer sind täglich den vielen Autos auf der Gladbecker Straße ausgesetzt, die den Essener Norden und Süden verbindet.

Reinhard Schmidt und Susanne Demmer sind täglich den vielen Autos auf der Gladbecker Straße ausgesetzt, die den Essener Norden und Süden verbindet.

Foto: STEFAN AREND

essen.   Das drohende Fahrverbot für Diesel in Essen schlägt weiter Wellen. Während die einen unter den Abgasen leiden, brauchen andere das Auto dringend.

„Hier ist kein rechtsfreier Raum für Autos, die unsere Luft kaputt machen“, sagt Reinhard Schmidt. Er und Nachbarin Sabine Demmer sind Anwohner der Gladbecker Straße, wohnen direkt gegenüber der Stickoxid-Messstation. Die Straße ist eine der meist befahrenen Wege der Stadt und wäre vom Diesel-Fahrverbot betroffen. Beide Anwohner sind sich einig: „Wir wollen bessere Luft und weniger Lärm.“

Denn die Zustände sind besorgniserregend. Es ist laut, stinkt und die Fassaden sind von schwarzem Dreck überzogen. „Wir können die Schadstoffe förmlich riechen“, behauptet Nachbarin Demmer. Auch deshalb bleiben die Fenster zur Straße hin immer geschlossen. „Man überlegt sich genau, wann und wie man lüftet“, erklärt sie. „Wir sind auch anfälliger für Infekte, gerade im Lungen- und Nasenbereich. Generell atmen wir flacher.“ Schwere Laster erschütterten die Häuser – Schlafstörungen seien die Folge.

Gladbecker Straße in Essen ist täglich voll

„Natürlich wären wir auch vom Fahrverbot betroffen, ideal ist das sicherlich nicht“, bekräftigt Demmer. „Aber die städtische Politik hat versäumt, etwas gegen die Zustände zu tun. Ein Fahrverbot ist nur die logische Konsequenz.“ Sabine Demmer ist Fußgängerin, Reinhard Schmidt passionierter Fahrradfahrer. „Wir versuchen schon, jeden möglichen Weg mit alternativen Möglichkeiten zu meistern“, sagt Schmidt.

Doch auch bei ihm ist die Familienkutsche ein Diesel der Schadstoffklasse Euro 5. „Auch wenn wir selbst betroffen wären, wollen wir trotzdem eine Veränderung“, sagt er. Von einem Tempolimit über breitere Gehwege bis hin zu einer Busspur und einem ausgebauten ÖPNV gäbe es genug Ideen für eine sauberere Gladbecker Straße. „Es ist schlimm, dass uns Fahrverbote bevorstehen, doch das würde uns zumindest etwas entlasten. Wir können hier so nicht weiterleben.“

Auto ist überlebenswichtig

Auch wenn viele Leute sagen, dass ihr Auto für sie lebenswichtig ist, ist diese Floskel für André Leu harte Realität. Der 34-jährige Familienvater ist schwer nierenkrank und muss mehrmals pro Woche von Schonnebeck nach Rüttenscheid, um dort über Nacht seine Dialyse zu bekommen. Dazu ist der Bankkaufmann täglich auf seinen Diesel angewiesen, um nicht nur die Söhne Melwin (10) und Jason (15) zur Schule oder zu anderen Terminen zu bringen, sondern auch um seine Arbeitsstelle in Altendorf zu erreichen. „Mein Alltag ist so stressig, dass ich ohne Wagen niemals pünktlich von A nach B kommen würde.“

Denn neben Familienkutsche und Arbeitsgerät braucht er das Auto auch, um nach der Arbeit seine Ehrenämter ausüben zu können; nachmittags trainiert er Fußballmannschaften in Stoppenberg und in Wattenscheid. „Natürlich geht’s dann immer über die A40“, erklärt er. „Da stehe ich jetzt schon immer unter Druck, weil ich im Berufsverkehr stecke. Was soll erst passieren, wenn ich die Autobahn nicht mehr benutzen kann und jegliche Schleichwege ebenfalls komplett ausgelastet sind?“

Der Neuwagen ist gerade erst abbezahlt

Erst vor wenigen Monaten hat die Familie den Renault, ebenfalls Euro 5, abbezahlt, Geld für ein Neues hat sie nicht. „Wir haben dieses Auto damals im guten Glauben gekauft. Der Wertverlust ist jetzt natürlich riesig. Wer weiß, was in drei Jahren über die jetzigen, angeblich sauberen Euro-6-Autos gesagt wird. Und ganz ehrlich: Ich möchte diesen Verbrechern doch nicht noch mehr Geld in den Rachen werfen.“

Der eng getaktete Familienalltag lässt die Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln kaum zu, seine Ehrenämter müsste der Familienvater im Fall eines Fahrverbotes niederlegen. Auch der Familienurlaub stünde dann auf der Kippe: „Wir reisen gerne an die Ostsee, da ich mit meiner Krankheit nicht so weit wegfahren kann. Ohne Auto fällt auch das weg.“

„Politik muss durchgreifen“

Das Ehepaar hat schon viele Gespräche über alternative Fortbewegungsmittel geführt, eine Lösung haben sie allerdings noch nicht gefunden. „Ich bin einfach traurig. Wir sind doch nicht diejenigen, die betrogen haben. Die Politik sollte viel härter durchgreifen und nicht die kleinen Leute auf den Straßen leiden lassen, die hinter’s Licht geführt worden sind.“ Einen positiven Eindruck hat der Familienvater allerdings von OB Thomas Kufen. „Ich finde es gut, dass der Oberbürgermeister sich gegen das Fahrverbot ausspricht. So fühle ich mich zumindest nicht komplett alleine gelassen. Kufen sucht nach Lösungen und setzt sich für die Bürger ein – Hut ab.“

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