Kulturhauptstadt

Kulturhauptstadt-Jubiläum: Bürgerfest steigt auf Zollverein

Unvergessliche Szenerie: Bei heftigem Schneegestöber wurde am 9. Januar 2010 die Eröffnung der Kulturhauptstadt Ruhr.2010 auf dem Welterbe Zollverein gefeiert.

Unvergessliche Szenerie: Bei heftigem Schneegestöber wurde am 9. Januar 2010 die Eröffnung der Kulturhauptstadt Ruhr.2010 auf dem Welterbe Zollverein gefeiert.

Foto: MATTHIAS GRABEN / WAZ

Essen.  Zehn Jahre Kulturhauptstadt: Jubiläum wird im Januar auf Zeche Zollverein gefeiert. Ruhr.2020 will auch für Ausblick auf Zukunftsthemen sorgen.

Befürchtet wurde damals ein „Jahrhundert-Schneesturm“, sogar eine Verschiebung der Feierlichkeiten schien nicht ausgeschlossen. Doch es kamen Tausende, die die spektakuläre Eröffnung des Kulturhauptstadt-Jahres Ruhr.2010 auf der Welterbezeche Zollverein trotz Wetterwarnung und Eiseskälte zu einem denkwürdigen Ereignis machten. Was kann also noch Schlimmeres kommen als Blizzard-Alarm und Schneegestöber, mögen sich die Organisatoren der Jubiläumsfeierlichkeiten gedacht haben. Und deshalb wird auch das zehnjährige Jubiläum der Kulturhauptstadt im Januar wieder Open-Air auf Zollverein gefeiert.

Am 10. und 11. Januar, fast auf den Tag genau zehn Jahre nach der großen Eröffnungssause mit Herbert Grönemeyers Ruhrpott-Hymne, zahllosen Musikern, Künstlern und Festrednern soll das Welterbe Zollverein wieder zur Festmeile werden. Nicht ausgeschlossen, dass auch der damalige Bundespräsident Horst Köhler noch mal vorbeischaut und seinen Hut mitnimmt, der seit 2010 im Ruhr Museum aufbewahrt wird, das 2020 ebenfalls seinen 10. Geburtstag feiert.

Was die Besucher zum Start ins Jubiläumsjahr erwartet, wollen die Stadt Essen als ehemaliger Bannerträger „Essen für das Ruhrgebiet“ und der Regionalverband Ruhrgebiet am 27. November im Detail vorstellen. Ausstellungen, Lichtkunst und Konferenzen stehen im Laufe des Jahres auf der Agenda. Organisiert wird das Programm von Ralph Kindel, 2017 Projektleiter der Grünen Hauptstadt Europa, und Melanie Kemner unter dem Dach der Stiftung Zollverein. Ihr Vertrag ist vorerst allerdings zeitlich begrenzt. Ob das Jubiläums-Programm 2020 wie vorgesehen ganzjährig über die Bühne geht oder am Ende doch abgespeckt werden muss, ist derzeit noch eine Frage der Finanzen. Ohnehin soll die Kulturhauptstadt nur in den ersten vier Monaten Thema sein, gefolgt von Feierlichkeiten zum 100-jährigen Geburtstag des Regionalverbandes Ruhr (RVR) und einem Ausblick auf die kommenden geplanten und erhofften Großereignisse: die Internationale Gartenschau 2027 und vielleicht sogar 2032 Olympia an der Ruhr.

Mehr Vorschau statt nostalgischer Rückschau haben sich die Organisatoren jedenfalls vorgenommen. An einer Bilanz der Kulturhauptstadt wird man freilich nicht vorbeikommen. Wie es um die nachhaltige Förderung der örtlichen Kulturszene, bessere Vernetzung, Stärkung der Strukturen bestellt ist? Für Oliver Scheytt, Essens ehemaligen Kulturdezernenten und Geschäftsführer der Ruhr.2010, haben sich immerhin einige Erwartungen eingelöst. Für ihn gehört eine neue Wahrnehmung des eigenen Umfelds ebenso dazu wie eine stärkere touristische Nachfrage mit spürbar angestiegenen Übernachtungszahlen. Langfrist-Projekte wie die Ruhrkunstmuseen, der Zusammenschluss der Ruhrbühnen, der „Day of Song“ oder auch die Lange Nacht der Jugendkultur gehören für Scheytt zudem zu den nachhaltigen Errungenschaften, deren Ursprung mancher inzwischen vergessen habe. Und auch die 2018 eingeführte Ruhrkultur-Card sei als später Erfolg einer stärker vernetzten Kulturszene dazugekommen.

Auf die so genannten Nachhaltigkeits-Akteure wie Urbane Künste Ruhr und Ecce dürften denn auch einige Erwartungen ruhen, die erkaltete Kulturhauptstadt-Glut unter einem neuen Jubiläums-Label noch mal anzufachen. Eine Stärkung des 2010 beschworenen „Wir-Gefühls“ erhofft man sich schließlich auch beim RVR, wo man angesichts der heftigen Debatte um den Zeitverzug beim Regionalplan Ruhr nicht allzu ausufernd feiern will. Das 100-jährige Jubiläum will man dort vor allem nutzen, um die Bürger auf die erste Direktwahl des Regionalparlaments am 13. September 2020 einzustimmen und ihnen klar zu machen, „wofür der RVR steht“, sagt Thorsten Kröger, Leiter des Büros der Regionaldirektorin. Den eigentlichen Geburtstag am 5. Mai will man mit einem Festakt und hochrangigen Gästen aus Bundes- und Landespolitik feiern. Danach soll das Ruhrgebiet nicht nur als Kulturmetropole, sondern als Wirtschafts- und Wissenschaftsregion, als Erprobungsraum für drängende Umwelt- und Mobilitätsfragen im Focus stehen.

Mehr Partizipation statt Event-Kultur dürfte ohnehin das Motto für alle 2020-Feierlichkeiten sein. Für ein Mitmach-Projekt, das aus dem Kulturhauptstadtjahr besonders nachhaltig in Erinnerung geblieben ist, dürfte der Zug allerdings abgefahren sein. Die Neuauflage des „Still-Leben“ mit einer gesperrten Autobahn als Kunst- und Feiermeile ist angesichts der gestiegenen Sicherheitsanforderungen für 2020 vom Tisch. Ganz begraben will man die Pläne trotzdem nicht. Der Abschluss des Emscherumbaus könnte noch mal ein Anlass sein, über eine autofreie Aktion auf der A 42 nachzudenken. Noch ist bei der Planung einiges im Fluss.

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