Bühnenlegende

Mario Adorf gibt die letzte „Zugabe“ in der Lichtburg

Kommt noch einmal für die letzte „Zugabe“ auf die Bühnen der Republik: Schauspieler Mario Adorf begeisterte sein Publikum in der Lichtburg. Foto:

Kommt noch einmal für die letzte „Zugabe“ auf die Bühnen der Republik: Schauspieler Mario Adorf begeisterte sein Publikum in der Lichtburg. Foto:

Foto: Socrates Tassos

Essen.  Mario Adorf erzählt auf seiner letzten Tour von Erfolgen und Niederlagen seiner Bühnenkarriere. Manche Mörderrolle lässt ihn bis heute nicht los.

Wenn das Leben eine letzte Zigarette wäre, die man sich immer wieder aufs Neue genehmigt, dann würden wir wohl noch einige dieser Abende erleben. Aber Mario Adorf hat beschlossen, dass sich die Schachtel nun allmählich leert und es Zeit ist für ein letztes Mal. Die begeisterten Zuschauer, die den letzten Bühnenauftritt dieser deutschen Schauspiel-Ikone in der ausverkauften Lichtburg nicht verpassen wollten, nahmen den Titel der Tour „Zugabe“ zumindest wörtlich und wollten den 88-Jährigen erst nach etlichen Songs gehen lassen.

Ein warmes Lächeln statt des „bösen Blicks“

Zum Abschied singt er – begleitet von Klavier und Kontrabass – ein leises „Servus“, aber Mario Adorf will keine Wehmut aufkommen lassen. Dazu ist der Schauspieler viel zu sehr Genussmensch, der die kostbarsten Momente seines langen Bühnenlebens nun noch einmal mit dem Publikum teilt. Dabei geht es ihm an diesem Abend gar nicht um die Aufzählung der größten Bühnenerfolge, die schillernden Begegnungen mit Stars von Brigitte Bardot bis Sean Connery oder die zahllosen Filmpreise. Der Abend ist vielmehr eine sehr intime Bilanz, ein ganz persönliches Erinnern und manchmal sogar eine Entschuldigung. Diesen Massenmörder Bruno Lüdke, seine erste große Filmrolle in „Nachts, wenn der Teufel kam“, den habe er damals falsch gespielt, sagt Adorf. Denn dieser Lüdke sei gar kein wahrer Teufel, sondern nur ein armer Teufel und eine Marionette im Nazi-Deutschland gewesen, wie sich erst später herausgestellt habe. „Ich habe ihm Schaden zugefügt“, bedauert der Mann mit dem warmen, charismatischen Lächeln, der anfangs doch wegen seines „bösen Blicks“ Karriere macht.

Mario Adorf: „Ich wurde Schauspieler, weil ich nichts anderes konnte“

Da ist der junge Mann aus der Eifel, der seinen kalabresischen Vater nur einmal im Leben trifft und zeitweise in einem Waisenhaus in Mayen groß wird, noch ein unerfahrener Schlaks, der durch Zufall an der Münchener Otto-Falckenbergschule vorbeikommt – und einfach mal vorspricht. „Ich wurde Schauspieler, weil ich nichts anderes konnte“, erklärt der vielfache Filmpreisträger und es klingt tatsächlich eher nach nüchterner Feststellung als nach falscher Bescheidenheit. So gehört ein Teil des Abends denn auch der Verehrung seiner großen Lehrer und Vorbilder: der Theaterlegende Fritz Kortner oder auch Hans Albers, den er noch in Berlin auf der Bühne erlebt.

Wie sehr der Grandseigneur das Theater liebt, wird an diesem Abend immer wieder deutlich, wenn Adorf mit immer noch immenser Körperspannung und feuriger Sprache an die Rampe prescht, aus „Wallensteins Tod“ zitiert, den „Hamlet“ spricht oder „Wilhelm Tell“ launig Hören und Sehen vergehen lässt.

Die heiteren Hänger und Versprecher des Theatergewerbes sind genauso sein Thema wie der Alkohol, „ohne den das Theater um manche Anekdote ärmer wäre“. Er liest Gedichte von Brecht und singt Chansons von Kreisler. Er plädiert für Europa und gegen populistische Führer und mahnt, „begangene Fehler nicht noch einmal zu begehen“. Und weiß doch auch, dass im Publikum Menschen sitzen, die bei Mario Adorf vor allem an den Banditen Santer in „Winnetou I“, an den „Schattenmann“, den „großen Bellheim“ oder den unvergesslichen Baby-Schimmerlos-Gegenspieler Heinrich Haffenloher und seinen legendären Satz „Ich scheiß dich zu mit meinem Geld“ denken.

Kleine Leinwand-Einspielungen erinnern an diese Glanzmomente, an die Baulöwen, Geldbarone und Bösewichte, die Adorf in über 200 Rollen verkörpert hat. Und dem Tod dabei zumindest vor der Kamera schon unzählige Male begegnet ist. Zig Mal erschossen, zwei Mal erhängt, überfahren, erstochen und in den Abgrund gestürzt: Als Schauspieler hat Mario Adorf reichlich Erfahrung mit den letzten Malen. Doch die „Zugabe“ seines Lebens darf ruhig noch lange dauern.

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