Literaturfest

Lesefest Akazienallee: viel Programm trotz Wetterkapriolen

Besuch von Ritter-Rost-Autor Jörg Hilbert in der Buchhandlung Proust.

Besuch von Ritter-Rost-Autor Jörg Hilbert in der Buchhandlung Proust.

Foto: Socrates Tassos

Essen.   Literaturviertel feiert das erste Straßenfest auf der Akazienallee. Der Mix aus Belletristik, Sachbuch, Debatte und Musik kommt beim Publikum an.

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Wenn man eine ins Wasser gefallene Generalprobe als gutes Omen nimmt, dann muss das nächste Fest im Literaturviertel Akazienallee einfach traumhaft werden.

Denn obwohl die Premiere am Samstag mit heftigem Regen, Wind und Kälte zu kämpfen hatte, stand für die Veranstalter am Abend fest: „Im nächsten Jahr gibt es eine Neuauflage.“ Dann mit noch mehr Aktionen, Teilnehmern „und besserem Wetter“, gab sich Beate Scherzer von der Buchhandlung Proust zuversichtlich.

Seit dem frühen Samstagmorgen hatten die Anrainer der Akazienallee und viele Mitstreiter der Literarischen Gesellschaft Ruhr, von Literatürk, Literaturbüro Ruhr, Schreibheft und dem Buchladen Correctiv dabei eine Büchermeile mit Open-Air-Bühne und Lese-Stationen aufgebaut. Auf der sonst von Asphaltgrau statt Grün dominierten Akazienallee waren im Nu Bücherbäume gewachsen mit Literatur zum Abpflücken.

Lese-Insel mit Liegestühlen und Grünpflanzen

Der Parkstreifen hinterm Handelshof hatte sich in eine Lese-Insel mit Liegestühlen und Grünpflanzen verwandelt. Und auf der vermutlich kleinsten, aber originellsten Open-Air-Lesebühne der Welt, der Ape von K.West, hätte es bis in den Abend Lesungen gegen sollen. Doch selbst so wetterfeste Akteure wie die „Ruhrpoeten“ mochten am Ende nicht unterm Regenschirm ausharren.

„Mit reichlich Wasser von unten hatten wir schon zu tun, aber mit so viel von oben noch nicht“, lachte Ulrike Brockerhoff, nachdem ein heftiger April-Schauer sie und ihre Mitleserin Tina Häntzschel buchstäblich von der Bühne gefegt hatte .

So musste das Bücher-Fest schließlich ganz in die Räume verlegt werden, wo auf die Besucher trotzdem das komplette Angebot wartete. Gäste der Studio-Bühne und der Schreibwerkstatt Katernberg waren ebenso dabei wie die gebürtige Essenerin Anna Basener, deren gefeiertes Roman-Debüt „Als die Omma den Huren noch Taubensuppe kochte“ derzeit im Schauspielhaus Dortmund als Theaterstück und bald auch im Kino zu sehen sein wird.

„Wurde auch langsam Zeit für die erste Lesung im Ruhrgebiet“, freute sich die inzwischen in Berlin lebende Autorin, die nach ihrer ersten Karriere als „erfolgreichste deutsche Groschenromanautorin“ mit dem zweiten Roman „Schund und Sühne“ derzeit thematisch noch einmal an Lieblingsthemen wie Herz, Schmerz und europäischen Hochadel anknüpft.

Ein Stück weiter in der Galerie Schlag verzauberte die syrische Lyrikerin Lina Atfah das Publikum mit Kostproben ihres ersten Gedichtbandes „Das Buch von der fehlenden Ankunft“ , die von Schauspielerin Sabine Osthoff auf Deutsch gelesen wurden. Wie Poesie in zwei Sprachen einen völlig unterschiedlichen Sound entwickeln kann, begeisterte nicht nur Besucherin Christiane Goldmann: „Die Idee des Literaturfestes ist einfach gut.“

Von Clan-Kriminalität bis „Ritter Rost“

Vor allem die Mischung aus Belletristik, Sachbuch, Debatte und Musik kam bei den Besuchern an: Hier eine Diskussion über Clan-Kriminalität im Ruhrgebiet, dort eine Begegnung mit Essens prominentestem Kinderbuch-Autor, dem berühmten „Ritter Rost“-Schöpfer Jörg Hilbert. Nach dem kurzweiligen „Speed-Dating mit Sachbüchern, die Correctiv-Geschäftsführer David Schraven und Markus Bensmann in 60-Skunden-Tipps vorstellten, ging es ans Argumentesammeln für die Zukunft Europas mit „Pulse of Europe“-Aktivistin Annette Loske.

Und wie süffig Texte dargeboten werden können, selbst wenn sie aus Friedhofs-Verordnungen und Gewürzgurkenglas-Aufschriften besteht, das präsentierten die Schauspieler-Geschwister Maja und Till Beckmann beim „Lesen für Bier“, bei dem das Publikum per Applaus entscheiden durfte, wer nach jeder Leserunde Prost sagen durfte: Vortragender oder Text-Einreicher.

Pils und Poesie, Kunst und Kuriositäten, harte Fakten und beglückende Fiktion: Das Literaturviertel rund um die Akazienallee will die Vielfalt auch in Zukunft stärker nach außen tragen: 2020 soll das nächste Literaturfest steigen, terminlich wieder angelehnt an den Welttag des Buches am 23. April. Umsonst und draußen und auf alle Kapriolen des Bücherfrühlings vorbereitet.

>>>MEHR AUFMERKSAMKEIT FÜR DAS QUARTIER

  • Eröffnet wurde das Literaturfest rund um die Akazienallee literarisch und musikalisch: In der Galerie Schlag sorgten Kulturdezernent Muchtar Al Ghusain und Vor-Vorgänger Oliver Scheytt mit ihrem vierhändigen Spiel für einen besonderen Auftakt.
  • Finanziert wurde die Premiere des Literaturfestes allerdings nicht mit städtischen Geldern, sondern mit Mitteln der Literarischen Gesellschaft Ruhr. Mit dem in Eigenregie organisierten Lesefest wollen die Anrainer der Akazienallee mehr Aufmerksamkeit auf das Viertel lenken.

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