Theater

Großes Redetheater auf kleiner Grillo-Bühne

Eineinhalb Stunden drischt Sven Seeburg auf sein Publikum auf sein Publikum ein und zeigt großes Redetheater auf der kleinen Grillo-Bühne.

Eineinhalb Stunden drischt Sven Seeburg auf sein Publikum auf sein Publikum ein und zeigt großes Redetheater auf der kleinen Grillo-Bühne.

Essen.  Am Auftaktwochenende der neuen Saison im Grillo erweckt Schauspieler Sven Seeburg „Das Fieber“ von Wallace Shawn zum Leben. Bruno Klimek inszeniert dies als stille Zumutung.

Sein Gesicht ist noch gar nicht zu erkennen bei den ersten Worten, die er ins Publikum spricht. Es wird sich langsam erhellen, die Gesichtszüge ebenso freilegen wie die verhängnisvolle Wahrheit über unsere Welt. Der Schauspieler Sven Seeburg drischt anderthalb Stunden mit Worten auf ein Publikum ein, das es sich als Teil des privilegierten Bürgertums - wie er selbst - bequem gemacht hat im Leben. Aber die Wucht ist unterschwellig, äußerlich bleibt Seeburg gelassen.

Es ist ein Kontrastprogramm am Auftaktwochenende der neuen Saison im Grillo. Nach Krupas Inszenierung von Shakespeares politischer Tragödie „Coriolanus“ auf der großen Bühne jetzt ein Monolog in der Box. Der US-amerikanische Autor, Regisseur und Schauspieler Wallace Shawn hat „Das Fieber“ Anfang der 1990er Jahre geschrieben. Das Stück skizziert den Zusammenhang zwischen den globalen ökonomischen Strukturen und den Lebensbedingungen auf der reichen und der armen Seite der Welt. Bruno Klimek inszeniert es als stille Zumutung. Es ist großes Redetheater auf kleinster Bühne.

Fieberwahn und Weltelend

Sven Seeburg hat nur einen Sessel, ein Glas Wasser und seine tief-sanfte Stimme, die immer auch etwas Verruchtes an sich hat – zwischen liebevoller Geschichtenerzählung und rauer Pöbelei. Shawns Monolog verleiht sie die nötige Spannung zwischen Nettigkeit und Egoismus, zwischen Beiläufigkeit und Dringlichkeit. Zynisch ist sie nicht, aber sie quält in ihrer verständnisvollen Sanftheit. „Es ist schön, reich zu sein in armen Ländern (…) Im Taxi durch schauerliche Slums zu fahren.“ Wenn Seeburg das erzählt, möchte man zustimmend nicken, bis man merkt, was genau er gerade erzählt hat.

Der Mann kauert auf dem Boden eines Hotelbadezimmers, im Fieberwahn schießen ihm Gedanken über sein Leben und das Weltelend durch den Kopf. Da wechseln die Sätze von der Geburtstagsparty zu Folter und Hinrichtung, von der Theatervorstellung zur finanziellen Lage eines Zimmermädchens. Er verteidigt seine – und unsere – Lebensart. Stellt sie in Frage. Bei Seeburg ist die Selbstgeißelung nichts Spektakuläres. Vielleicht hört man deshalb so genau und gern zu, obwohl es weh tut. Die Lichtwand in seinem Rücken ist vergleichbar effektvoll. Sie leuchtet grell, aber sie blendet nicht. Das Auge kann sich nicht entziehen. Wie Seeburg erzwingt sie unaufdringlich Aufmerksamkeit.

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