Aktzeichnen

Die Kunst, über Kunst zu schreiben

Foto: Uli von Born

Foto: WAZ FotoPool

Foto: Uli von Born Foto: WAZ FotoPool

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Kupferdreh.  Über Kunst schreiben und Kunst „machen“ sind zwei Paar Schuhe. Diese profunde Erfahrung machte unser Mitarbeiter Tim Walther in der Freien Akademie der bildenden Künste (fadbk). Von Nackedeis in der Kunst und den Tücken der Proportionslehre.

„Figürliches Zeichnen/Akt I“ stand für Mitarbeiter Tim Walther auf dem Programm. Die Erfahrungen seines Selbstversuchs rund um Nackedeis in der Kunst und Proportionslehre hat er dokumentiert:

Zeichnen im Kunstunterricht? Das war nie mein Ding. Was mich in der fadbk erwartet, kann ich nicht einschätzen. Mein „Talent“ kann ich getrost zu Hause lassen, es handelt sich um einen Anfängerkurs. Im Schreibwarengeschäft ergattere ich noch auf dem Weg einen Block mit A2-Papier und vier Bleistifte in verschiedenen Härtegraden – rund zehn Euro bin ich bereit der Kunst wegen zu opfern.

Im Malsaal angekommen, sind die anderen „Leidensgenossen“, fünf Frauen und ein Mann, bereits dabei, Staffeleien für sich aufzustellen. Ich tue es ihnen nach und lande in einem Fettnäpfchen. Trotz ausgewählter Lücke mit ausreichender Distanz zur Nachbarin, rückt die Dame weg.

Erste Annäherungsversuche

Überhaupt ist die Atmosphäre erstmal komisch. Man starrt sich an, ich versuche mein größtes Lächeln aufzusetzen. Ich beobachte das Geschehen, den Altersdurchschnitt senke ich mit meiner Anwesenheit deutlich. Locker und lässig kommt Dozent Jan Erik Parlow daher. Sonnenbräune, ein wenig zugeknöpftes Hemd und hochgekrempelte Hosenbeine werden noch von blauen Espandrilles getoppt.

„Jeder kann Zeichnen lernen. Das ist nichts anderes als Sehen lernen“, beginnt er seine Einführung. Ich denke mir, dass meine Übertragung vom Auge zur rechten Zeichnerhand eher das Problem sein wird. Die Marschrichtung im Kurs lautet ein wenig Theorie und umso mehr Praxis. „Der Körper kann grundsätzlich in acht Kopflängen eingeteilt werden“, erklärt Parlow.

Nach 20 Minuten erhalten alle die gezeigten Folien als Arbeitsgrundlage. Dann wird es ernst. Mein Puls schlägt schneller. Das Aktmodell samt ihres Schoßhundes ist bereits da. Wenigstens taucht hier nicht die im Schulunterricht übliche Gliederpuppe aus Holz auf. Als Einführung und Vorbereitung für die Muskeln zeigt Parlow, wie er einen Punkt auf einem Blatt markiert, sich auf diesen konzentriert und frei mit einem Bleistift Kreise und Ellipsen zieht. Diese Lockerungsübung machen alle Akteure. Der Dozent rät uns mit einem Auge den Punkt anzupeilen.

Die Konzentration lässt nach

In einem Nebenraum lässt das Aktmodell sämtliche Hüllen fallen und watschelt anschließend mit einer Zeitung und einem Apfel – Eva lässt grüßen – zum Podest. In 10-Minuten-Takten macht die Rubens-Dame verschiedene Posen. Die Zeichner setzen sie vorerst nur in Negativformen um. Luft wird schattiert, der Körper nur im Umriss oder als Silhouette gezeichnet.

In den kleinen Pausen zwischen den Posen merke ich die Anstrengung. Stehvermögen ist an der Staffelei unerlässlich. Bei der achten Negativzeichnung habe ich einen Durchhänger. Meine Konzentration lässt nach. Anstatt einer weiblichen Stützfigur zeigt meine Darstellung eher den Glöckner von Notre-Dame. Noch eine Zeichnung erstelle ich, aber die Luft ist raus. Die Mittagspause kommt für mich gelegen.

Zu Tisch geht es im benachbarten Bistro „KU 28“. Obwohl ich nach der Mittagspause die Segel streiche, setze ich mich zur Gruppe. Meine Mitstreiter erzählen von ihren künstlerischen Wehwehchen. Durch meine unkonventionelle Herangehensweise kann ich ihre Klagen kaum nachvollziehen. Wer sich zu sehr Gedanken macht, kann meiner Meinung nach nur scheitern.

Mit meinen Ergebnissen bin ich zufrieden. Im Nachhinein ist keine Zeichnung im Papierkorb gelandet. Ein Aspekt hat mir besonders gut getan: das Zeichnen hat trotz aller Anstrengungen eine therapeutische, entspannende Wirkung. Man nimmt sich Zeit für sich und das tut sehr gut.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Auch interessant
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik