Supermarkt

Kündigungswelle bei Rewe in Frintrop: „Menschlich traurig“

Wurden von ihrer Kündigung überrascht und beklagen ein „Klima der Angst“: Susanne W. und Yvonne K., die beide mittlerweile neue Jobs gefunden haben.

Wurden von ihrer Kündigung überrascht und beklagen ein „Klima der Angst“: Susanne W. und Yvonne K., die beide mittlerweile neue Jobs gefunden haben.

Foto: Kerstin Kokoska

Essen-Frintrop.   Über 40 Mitarbeiter des Rewe in Frintrop sollen in einem Jahr entlassen worden sein, offiziell heißt es „viele“: Ehemalige belastet das.

Susanne W.* hat es eilig an diesem Samstag im Januar. Am Nachmittag möchte sie gemeinsam mit ihrer Tochter ein Brautkleid kaufen. Die Fleisch- und Wursttheke hat sie „wie immer aufgeräumt“ zurück gelassen, will gerade Feierabend machen. Dann wird sie ins Büro des Rewe-Filialleiters gebeten, soll dort ihre Kündigung unterschreiben.

Susanne W. ist eine von offenbar mehr als 40 Mitarbeitern im Rewe in Frintrop, die innerhalb von nur einem Jahr entlassen wurden. Diese Zahl ist es zumindest, die im Supermarkt kursiert und die Mitarbeiter kolportieren – ehemalige ebenso wie noch Beschäftigte. „Ich war völlig perplex und habe das im ersten Schock unterzeichnet. Bis heute habe ich aber nicht verstanden, warum ich entlassen wurde“, sagt Susanne W., die nach eigenen Angaben noch nie arbeitslos war.

Sie sei sogar noch aus dem Laden begleitet worden, „wie eine Verbrecherin“. Am Eingang, erinnert sich die 54-Jährige, hängt bereits das Stellengesuch, um ihre Position neu zu besetzen. „Das hat mich fassungslos gemacht“, sagt sie, „ich habe mich total wertlos gefühlt.“ Bis heute hat die vierfache, alleinerziehende Mutter das Geschehene nicht verarbeitet, ist mittlerweile in Therapie. Noch eine Woche vor der Kündigung sei sie als „beste Kraft“ gelobt worden, hätte zu vielen Kunden ein freundschaftliches Verhältnis gehabt.

42-Jährige berichtet von Mehrarbeit

Offiziell spricht Inhaber Ralph Stahmer lediglich von „vielen Mitarbeitern“, von denen man sich getrennt habe, möchte die genaue Zahl aus „Gründen der Vertraulichkeit von Personalangelegenheiten“ nicht nennen.

Vielen Betroffenen sei noch in der Probezeit gekündigt worden, berichten einige Ehemalige übereinstimmend. So wie Yvonne K.*: „Sobald man unbequem oder krank wird, fliegt man“, sagt die 42-Jährige, die von August bis Oktober an der Kasse arbeitete. Sollte sie ursprünglich als Teilzeitkraft an nur zwei Tagen in der Woche eingesetzt werden, habe ihr Name plötzlich für fünf aufeinanderfolgende Tage im Dienstplan gestanden.

„Ich wurde dann gebeten, ausnahmsweise einzuspringen – mit der festen Zusage, dass es einmalig sei und ich die Zeit gut geschrieben bekomme“, versichert Yvonne K. Sie hält den Dienstplan geistesgegenwärtig mit ihrem Handy im Bild fest, hat so später auch eine Handhabe. „Eigentlich durfte der Dienstplan nicht herumgeschickt oder abfotografiert werden – obwohl er manchmal von einen Tag auf den nächsten geändert wurde“, erinnert sich Yvonne K. Dem widerspricht ihr früherer Arbeitgeber: Dienstpläne würden 14 Tage im Voraus geplant, Änderungen den Mitarbeitern umgehend mitgeteilt. Die Pläne dürften aus Datenschutzgründen nicht abfotografiert werden, heißt es.

Nach Aussage von Yvonne K. bleibt es nicht bei der einmaligen Mehrarbeit. Sie sei mehrfach darum gebeten worden, habe aus Angst um ihren Job zunächst mitgemacht. Die Kassiererin bekommt Rückenschmerzen, die Bandscheiben machen ihr Probleme. Sie wird krank geschrieben für drei Wochen. In dieser Zeit habe ihr der Markleiter die Kündigung persönlich zu Hause vorbei gebracht: „Einfach so, ohne zu sagen, warum ich gehen soll“, sagt Yvonne K., die ihren Job gern gemacht habe. Ihr Rechtsanwalt mahnt drei Mal das noch ausstehende Gehalt an, was schließlich auch gezahlt wird.

14 Prozesse vor dem Arbeitsgericht

Nur wenige Ehemalige wagen den Gang vors Gericht. Petra F.* gehört zu ihnen, fordert noch ausstehende Zahlungen vor dem Essener Arbeitsgericht ein, um Urlaubstage abzugelten. Sie wirkt nervös und kampfbereit zugleich, an diesem Vormittag im Februar. Was die Arbeitsrichterin innerhalb weniger Minuten mit Taschenrechner und Aufnahmegerät mit einem Vergleich beendet, hat Petra F. wochenlang beschäftigt. 153,75 Euro werden ihr schließlich zugesprochen. Da sie die 21,5 Überstunden nicht nachweisen kann, geht sie diesbezüglich leer aus.

14 Mal trafen sich Ralph Stahmer und ehemalige Mitarbeiter seit 2003 vor dem Essener Arbeitsgericht, einige Prozesse stehen wohl noch aus. Ehemalige Mitarbeiter haben eine Erklärung, warum die Fälle nur selten vor Gericht landen: „Oft trifft es Alleinerziehende oder Teilzeitkräfte, die weder die Zeit noch das Geld haben. Nur wenige trauen sich einen Rechtsstreit zu“, vermutet Susanne W.

Händler sieht sich als Opfer

Ralph Stahmer sieht sich als Opfer ehemaliger, die „einen Groll hegen“ und ihn vorsätzlich „in Misskredit“ bringen wollten. Dass er sich von vielen Menschen habe trennen müssen, liege schlicht an der Schwierigkeit, eine komplett neue Mannschaft zu rekrutieren, wie es auf Anfrage in einer ausführlichen Stellungnahme heißt. Der neue Supermarkt war im vergangenen Jahr Ende Januar eröffnet worden. Schon wenig später geriet der Rewe das erste Mal in die Schlagzeilen, weil dort die Taschen von Kunden kontrolliert wurden. Auch die starke Fluktuation in dem Supermarkt ist seit Wochen Thema in Frintrop.

Ralph Stahmer beschwichtigt: „Der stärkere Personalwechsel ist dem Start unseres kleinen Unternehmens geschuldet und im Einzelhandel sicherlich nicht ganz unüblich.“

Weiter heißt es: „Angesichts des auch in unserer Branche vorherrschenden Fachkräftemangels und Dutzenden auf einen Schlag zu besetzenden Stellen war es kein einfaches Unterfangen, ein neues Team aufzubauen.“ Auch aus diesem Grund seien die Einstellungskriterien sehr flexibel gestaltet gewesen. So hätten auch Quereinsteiger und Menschen mit geringen Qualifikationen eine Chance bekommen, so Stahmer weiter. „Leider hat es in vielen Fällen nicht gepasst“, beteuert der Einzelhändler. Genau dazu sei eine Probezeit nun mal da.

Für Susanne W. klingt das wie Hohn. Die Fachkraft hat mittlerweile einen neuen Job gefunden, wenngleich sie mit dem Geschehenen noch nicht abgeschlossen hat. „Rechtlich mag es in Ordnung sein, so mit Menschen umzugehen“, sagt sie, „menschlich ist das für mich einfach nur traurig.“

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