Geschichte

Kohle war der Alleskönner der Industriegesellschaft

Kohle machte die Welt bunt: rund 3000 historische Glasfläschchen mit Teerfarbstoffen in der Ausstellung „Das Zeitalter der Kohle" in der Kokerei Zollverein.

Kohle machte die Welt bunt: rund 3000 historische Glasfläschchen mit Teerfarbstoffen in der Ausstellung „Das Zeitalter der Kohle" in der Kokerei Zollverein.

Foto: Roland Weihrauch

Essen.   „Das Zeitalter der Kohle“: Die große Ausstellung zum Abschied vom Bergbau im Revier beginnt morgen auf der Kokerei der Essener Zeche Zollverein.

Mit Kohle wurde die Welt hell, auch nachts, weil sich vor 200 Jahren in ganz Europa das aus der Kohle gewonnene Gaslicht verbreitete. Mit der Kohle verdunkelte sich aber auch das Tageslicht in den Förderrevieren. Mit der Kohle wurde die Welt gesund, weil die moderne Pharmazie bis hin zum Aspirin nicht zuletzt aus ihren Grundstoffen hervorging, mit der Kohle wurde die Welt aber auch krank, an den Steinstaub-Lungen der Bergleute, aber auch an den Phenolen und Giften der Weiterverarbeitung bis zum Smog.

Mit der Kohle wurde die Welt bunt, weil aus dem Kohlen-Stoff Teer ganz neue Farben gewonnen werden konnten, weit mehr, als die Natur zu bieten hatte. Mit der Kohle wurde die Welt aber auch asphaltschwarz und menschenblutrot. Jenseits aller Grubenunglücke führte man den Ersten Weltkrieg „nicht nur mit, sondern auch um Kohle“, sagt Theodor Grütter, Chef des Essener Ruhr-Museums. Das hat zusammen mit dem Deutschen Bergbaumuseum in Bochum die große historische Ausstellung zur Schließung der letzten deutschen Steinkohlezechen auf die Beine gestellt: „Das Zeitalter der Kohle“, zu sehen ab morgen auf der Kokerei Zollverein.

Die Besucher nehmen zunächst den Weg der Kohle aus der einst weltgrößten Zeche in die Kokerei: Per Standseilbahn geht es vom einstigen Wiegeturm hoch auf die oberste Ebene der Kohle-Mischanlage. Das laute „Drrrring“ klingt, als versehe da noch ein Anschläger seinen Dienst, und Stoppok singt dazu das „Steigerlied“. Durch die Erdzeitalter hindurch geht es hier zurück ins Karbonzeitalter, das die Ausstellung mit einem Wald aus lebenden Farnpalmen und Schachtelhalmbäumen nachempfindet – ein Professor im Botanischen Garten der Ruhr-Universität Bochum züchtet solche Nachfolger prähistorischer Pflanzen. Mittendrin: der größte Steinkohlebrocken, der je im Ruhrgebiet zutage gefördert wurde, zwei Kubikmeter groß und über sieben Tonnen schwer.

Aber eigentlich dreht sich die Ausstellung um jene zwei Jahrhunderte, in denen die Kohle in Europa einen Umbruch auslöste, wie er vielleicht nur noch mit der Elektrifizierung und der Kombination aus Computer und Internet zu vergleichen ist. „Vorher hat man sich für Kohle nicht interessiert, weil Holz als Brennstoff leichter zu gewinnen war und handlicher“, sagt Franz-Josef Brüggemeier, Freiburger Geschichtsprofessor und (Theodor Grütter zufolge) „d e r“ Historiker für den Ruhrbergbau; in wenigen Tagen erscheint Brüggemeiers Sachbuch „Grubengold“ über „das Zeitalter der Kohle von 1750 bis heute“.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts aber wird Kohle zum „Fundament der Moderne“. Zum Rohstoff der Stahlerzeugung. Eisenbahnen und Dampfschiffe, die beides kombinieren, beschleunigen Handel und Wandel ungemein. Die neue Oberschicht der Industriellen entsteht ebenso wie das Lumpenproletariat – „dass Bergleute geschätzt und gut bezahlt wurden“, stellt Theodor Grütter klar, „war erst nach dem Zweiten Weltkrieg so.“ Die Entfesselung der in Kohle gespeicherten Sonnenenergie aus dem Karbonzeitalter beschreibt die Ausstellung mit geborstenen Stempeln, Helmen aller Art und der Dahlbuschbombe, mit uralten Keilhauen und Pannschüppen sowie einer Leiter, an der sich die Mineralien des Grubenwassers abgelagert haben. Anrührend der Schuh eines verschütteten Bergmanns, dem man 1930 mit Druckluft Wasser und Brei zukommen ließ – er fing alles mit dem Schuh auf und aß und trank daraus.

Die rund 1200 Ausstellungsstücke wurden aus Dutzenden Museen in ganz Europa zusammengetragen, denn: „Bergbau ist überall gleich“, sagt Museums-Chef Grütter, „auf Fotos von unter Tage kann man nicht erkennen, ob das nun in Polen, England oder Frankreich ist.“

Abbau unter Zollverein

Die Kohle ist es allerdings auch, die nach dem Zweiten Weltkrieg für das Zusammenwachsen Europas sorgt. Davon legt in der Ausstellung der Gründungsvertrag der „Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl“ Zeugnis ab, der 1951 besiegelt wurde. Aus der EGKS sollte später die EWG und dann die EU hervorgehen: „Der Wiederaufbau Europas brauchte die Energie der Kohle. Weil man aber Sorge hatte, dass aus der neuen Montanindustrie ein neues Machtmonopol werden könnte, hat man diesen Wirtschaftszweig per Vertrag unter die Kontrolle der Politik gebracht“, so Grütter. Die gleichzeitig eingeführte Mitbestimmung in der Montanindustrie befriedete zudem die alten Klassengegensätze. Und jetzt, da die Kohleförderung endet, bröckelt auch Europa...

Genau unter dem Museumsgelände, in über 1000 Metern Tiefe, bauen übrigens Bergleute der Zeche Prosper Haniel II in Bottrop Kohle ab – den Flöz „Zollverein“. Bis zum 21. Dezember tragen sie noch dazu bei, dass vom Ende des Kohlezeitalters keine Rede sein kann – weltweit wurde nämlich noch nie so viel Kohle gefördert wie in unseren Tagen.

>> Infos zur Ausstellung

Das Zeitalter der Kohle. Eine europäische Geschichte“. 27. April bis 11. November. Kokerei Zollverein, Mischanlage (C 70), Arendahls Wiese, 45141 Essen. Geöffnet: Mo-So 10-18 Uhr, Eintritt: 10 Euro, erm. 7 Euro; Kinder u. Studierende frei. Online-Tickets: www.kohle-tickets.de

Das umfassende, hochinformative Katalogbuch zur Ausstellung erschien im Klartext Verlag, hat 287 Seiten und kostet 24,95 € (ISBN 978-3-83751953-2).

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