Theater

„Kleinbürgerhochzeit“ in Kray: Liebe wird zum Trümmer-Spiel

Patrick Walther und Sabine Precz als Braut und Bräutigam in Brechts „Kleinbürgerhochzeit“. Foto:SBE

Patrick Walther und Sabine Precz als Braut und Bräutigam in Brechts „Kleinbürgerhochzeit“. Foto:SBE

Essen.   Studio-Bühne zeigt Bertolt Brechts Einakter „Die Kleinbürgerhochzeit“. Neben zwischenmenschlichen Beziehungen geht auch viel Mobiliar zu Bruch.

Der schönste Tag im Leben kann ein Desaster sein. Der Brautvater nervt mit den immergleichen Geschichten, die Festgäste sind trunken und streitsüchtig, und der Bräutigam macht nicht nur als Möbelbauer eine ziemlich fragwürdige Figur. „Die Kleinbürgerhochzeit“ hat Bertolt Brecht seinen Einakter genannt, der mit beißendem Spott das bürgerliche Ideal von Ehe und Familie hinterfragt. Als „Orgie der Hohlheit, der Langeweile, der Öde und der Vereinzelung“ hat Brecht sein frühes Stück über die spießigen Gepflogenheiten eines Milieus tituliert, dem der Antibürger Brecht damals um jeden Preis entfliehen wollte.

I

n der Studio-Bühne bringt es Thorsten Simon jetzt auf die Bühne. Der 44-jährige Theatermacher gehört seit 2005 zum Ensemble der Studio-Bühne und arbeitet ansonsten freiberuflich als Theaterpädagoge. „Die Kleinbürgerhochzeit“ ist bereits seine zehnte Regiearbeit, erklärt Kerstin-Plewa-Brodam von der Studio-Bühne, die damit den zweiten Beitrag zum Thema „Paradiese und Utopien“ präsentiert, dem diesjährigen, vom Kulturbüro ausgerufenen Themenschwerpunkt der Essener Kulturszene.

Die Familie als gar nicht so harmonische Lebensform und die Liebe als Inbegriff überhöhter Erwartungen und falscher Versprechen – beides wird in Brechts Kleinbürgerhochzeit regelrecht zertrümmert. Erst kommt es zum offenen Schlagabtausch mit Worten, bald bricht das gesamte Mobiliar zusammen. In der Studio-Bühne, wo man sich derzeit auf die anstehende Grundrenovierung vorbereitet, wäre das eigentlich ein passender Anlass gewesen, das alte Inventar am Ende zu Bruch gehen zu lassen. Doch so einfach funktioniert Theater nicht. Also hat Tischlermeister Hermann Wölki neu gebaut, was am Ende jeder Vorstellung lustvoll zertrümmert werden kann.

Thorsten Simon will das Stück dabei weder zu nah ans Boulevard noch in die Ecke der Ruhrgebiets-Komödie ziehen. Es gehe vielmehr um die Rückzug ins Private als Irrweg, den Einbruch des Chaos von Außen in die scheinbare Idylle, sagt Plewa-Brodam. Die Charaktere seien noch ganz nah am Original gehalten, das Stück überhaupt immer noch aktuell, findet Simon, der die Zusammenarbeit mit dem ambitionierten Krayer Amateurbühne seit Jahren pflegt. Als „unheimlich engagierte Gruppe von Menschen, die ganz viel für die Bühne opfern“, beschreibt der Regisseur das Team. Und das Ensemble durfte bei den Proben richtig „Vollgas geben, 200 Prozent“, sagt Thorsten Simon, „runter regulieren geht immer.“

So dürfte es hoch hergehen in dieser Farce, in der sich Brecht noch nicht mit den Mechanismen von Kapital und Faschismus auseinandersetzt, sondern mit der biederen Bürgerlichkeit. Die Braut in Weiß, die ihre Schwangerschaft längst nicht mehr verbergen kann, ist da nur ein Indiz familiärer Verlogenheit; in einem Stück, in dem am Ende nicht nur das Wohnzimmer in Trümmern liegt, sondern auch die Fassade kleinbürgerlicher Konventionen arg gelitten hat.

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