Gesellschaft

Kirche klagt: Fast niemand kommt mehr zur Beichte

Essen.   Zu Besuch bei Pater Georg in der Anbetungskirche auf der Kettwiger Straße. Dass Katholiken regelmäßig zur Beichte kommen, werde seltener.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Wenn Pater Georg Beichtstunde hat, muss er geduldig sein. Gegenüber von ihm bleibt der Platz immer öfter leer. Und das, obwohl in der Anbetungskirche St. Johann, direkt beim Essener Dom, die Beichtstühle nichts mehr mit dem engen, dunklen Holzkasten gemein haben, der den Menschen traditionell dabei in den Sinn kommt. In helles Licht getaucht, wartet auf der rechten Seite ein gewobener Sichtschutz und eine Bank zum Niederknien auf die Sünder - auf der linken Seite ein kleiner Stuhl für diejenigen, die dem Geistlichen in einem normalen Gespräch begegnen wollen.

Vier bis fünf Katholiken kämen innerhalb seiner etwa zweistündigen Schicht immer, erzählt Pater Georg. Seit sechs Jahren hört er hier mit anderen Geistlichen die Beichte. Bei zwei Schichten täglich sind es zehn bis zwölf Besucher. „Zwei- bis dreimal habe ich es erlebt, dass wirklich niemand gekommen ist“, erinnert sich der 54-Jährige.

"Beichte ist aus der Mode gekommen"

Genaue Zahlen, wie viele Beichtbesuche es heutzutage gibt, existieren nicht. „Die Tendenz ist aber schon, dass immer weniger Menschen beichten gehen. Die Beichte ist aus der Mode gekommen“, bestätigt Michael Dörnemann, Leiter des Dezernats Seelsorge des Bistums Essen. Noch in den 1970er Jahren, gab es jeden Samstag, vor Feiertagen, vor Weihnachten und Ostern eine Schlange vor den Beichtstühlen. „Damals hat jeder zwölfmal im Jahr gebeichtet“, sagt er.

Schlangen gibt es keine mehr, nur an den Feiertagen herrscht noch etwas Andrang. Dabei unterscheidet sich das Bistum Essen nicht von anderen Bistümern: „Die Beichte hat überall in Westeuropa nachgelassen. In Polen sind die Besuche noch verhältnismäßig hoch, aber auch da bricht es ein“, sagt Dörnemann.

Die Besucher seien hauptsächlich zwischen 70 und 90 Jahre alt. Hin und wieder kämen auch mal Jüngere. Vor allem bei den regelmäßig stattfindenden Nightfever-Gottesdiensten im Essener Dom, die speziell Jugendliche ansprechen und auch die Möglichkeit zur Beichte bieten, gehen viele junge Leute auch beichten. „Da habe ich innerhalb von zwei Stunden keine Pause gehabt“, erzählt Dörnemann.

Früher: alltäglicher Grundcheck

„Gerade Jüngere kommen zur Beichte, wenn sie über große, existenzielle Probleme sprechen wollen.“ Und auch bei älteren Menschen habe sich das Beichtverhalten in diese Richtung verändert: Viele blieben Jahrzehnte weg und kämen, wenn sie eine große Belastung spürten. Früher sei das Beichten hingegen eher ein alltäglicher „Grundcheck“, ein regelmäßiges Vergeben von oft nur kleinen Sünden gewesen, das zum Leben einfach dazugehörte, so Dörnemann. Gerade diese „Standardbeichte“, bei der unter anderem die zehn Gebote als Richtschnur genommen wird, werde weniger.

Dass viele statt zur Beichte heute zum Psychotherapeuten gehen, hält er für durchaus möglich. Jedoch sieht er darin zwei verschiedene Herangehensweisen an ein Problem: „In der Beichte geht es eher um Schuld und die Vergebung durch Gott.“ Der Psychotherapeut helfe dagegen eher, Erfahrungen und Verhaltensmuster aufzuarbeiten. Die Beichte und die Psychotherapie schlössen sich dennoch nicht gegenseitig aus, versichert Dörnemann: „Die Beichte ist jedoch nur relevant, wenn jemand an Gott glaubt.“ So manchen Sünder habe er schon weiter zum Psychotherapeuten geschickt, weil nicht er, sondern ein Fachmann gefragt war.

Zeit um Predigten gedanklich vorzubereiten

Obwohl es also nicht mehr so viel zu tun gebe wie früher, wird Dörnemann während der Beichtzeiten nicht langweilig. Ein wenig Leerlauf sei ganz hilfreich: „Wenn jemand mit einem schwer existenziellen Problem zu Ihnen kommt, nimmt das einen auch persönlich mit. Da tut es gut, das zehn, zwanzig Minuten sacken zu lassen.“ Auch Pater Georg kennt keine Langeweile im Beichtstuhl: „So kann man auch mal in Ruhe nachdenken oder die Predigten gedanklich vorbereiten.“

In der Essener Innenstadt trifft man auf ein sehr eindeutiges Bild: Wer sich auf der Kettwiger Straße umhört, tut sich schwer, Katholiken zu treffen, die noch zur Beichte gehen. „Die katholische Kirche ist zu streng, überhaupt nicht modern oder offen“, meint eine junge Frau in den Zwanzigern. „Die Pfarrer können einem ja auch nicht helfen“, meint eine ältere Dame schulterzuckend. Zwei Polinnen immerhin sind der Überzeugung, dass sie auf die Beichte nicht verzichten können: „Ich brauche das, ich gehe seit meiner Kindheit regelmäßig“, meint eine. „Fast alle aus unserem polnischen Freundeskreis tun das.“

Michael Dörnemann glaubt, dass der Niedergang der Beichte anhält: Spontan zu beichten, sei künftig wohl nur noch im Dom, an Wallfahrtsorten oder in Kirchen in Stadtzentren möglich. Schon jetzt bedürfe es in kleinen Kirchen eines konkreten Termins: Beichte nur noch nach Vereinbarung. Alles andere lohne sich nicht. Wenn selbst in die Innenstadt-Kirche St. Johann mal niemand kommt, nimmt es Pater Georg mit Humor: „Dann sitz’ ich zwar vergebens hier, aber wenigsten sitz’ ich vergebend hier.“

Stipendiaten der Adenauer-Stiftung schreiben über Essen

Dieser Artikel ist Teil der Reihe „Essen im Wandel – ein Blick von außen“. Sie wird von Stipendiaten der Konrad-Adenauer-Stiftung gemeinsam mit der Essener Lokalredaktion gestaltet. Elf junge Journalisten, die aus ganz Deutschland kommen und bereits erste Berufserfahrungen gesammelt haben, verfassen in den nächsten Tagen und Wochen Berichte und Reportagen über Themen aus unserer Stadt. Die Redaktion wünscht viel Spaß beim Lesen!

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (17) Kommentar schreiben