Gotteshäuser

Kirche in Essen schwankt zwischen Aufbruch und Abriss

Mit den Kirchen stirbt auch eine Tradition. Wie hier in St. Winfried in Stoppenberg war 2006 der Protest in den Gemeinden groß, man fühlte sich überfahren. Anno 2017 dürfen die Laien mitreden – und mitentscheiden.

Foto: Ulrich von Born

Mit den Kirchen stirbt auch eine Tradition. Wie hier in St. Winfried in Stoppenberg war 2006 der Protest in den Gemeinden groß, man fühlte sich überfahren. Anno 2017 dürfen die Laien mitreden – und mitentscheiden. Foto: Ulrich von Born

Essen.   Ein ernster Diskussionsabend „Essen kontrovers“ zeigt: Noch scheint bei Christen die Angst vor der Zukunft größer als die Lust auf Veränderung.

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Bald ist Weihnachten, in den Gottesdiensten singen sie „Christ der Retter ist nah“, und doch: Wenn es darum geht, die eine oder andere Essener Kirche vor dem Aus zu bewahren, rufen die Gläubigen lieber Petra Beckers an.

Die Leiterin des städtischen Instituts für Denkmalschutz und Denkmalpflege ist für all jene die letzte Rettung, deren Gotteshaus aus Spargründen geopfert werden soll: „Bitte retten Sie unsere gewohnte Lebenssituation“, so beschreibt Beckers den sehnlichsten Wunsch der Menschen – und die sind enttäuscht, wenn sie achselzuckend sagt: nein, kein Denkmal.

Dutzende Kirchen stehen auf der Kippe

„Wie viel Kirche bleibt noch im Dorf?“, so fragte deshalb „Essen kontrovers“, das Diskussionsforum von Volkshochschule und NRZ – und offenbarte am Dienstagabend in der VHS Ungewohntes: Laien, die bei ihrem Oberhirten das Prinzip Hoffnung vermissen, während Kirchenvertreter den radikalen Wandel predigen.

Nein, niemand kennt die Antwort, so viel ist klar. Und zumindest der katholischen Seite schwant, dass man in zehn Jahren trotz manches untergegangenen Kirchenschiffs die gleiche Frage wieder wird stellen müssen. Im Bistum ist der Schrumpf-Prozess mitten im Gange: Dutzende Kirchen stehen im so genannten Pfarreientwicklungsprozess auf dem Prüfstand, die Entscheidung fällt Anfang 2018 und für die Kirche, so sagt Markus Potthoff, Leiter der Abteilung Pastoral und Bildung im Bischöflichen Generalvikariat, geht’s, wenn nicht um alles, so doch um vieles: „Wir haben als Kirche eine Zukunft, aber die wird anders aussehen, als das, was wir bisher kennen.“

Nicht Aufgabe der Denkmalschützer, Kirchen zu retten

Es wird ein Spagat: Hier die traditionelle Gläubigenschar, die man „nicht zurücklassen“ will, wie Oliver Conzelmann, Architekt und Bauberater der evangelischen Kirche im Rheinland, sagt. Und dort jene, die zu radikalen Schnitten bereit sind: „Ist denn die Kirche der einzige Ort, an dem man Gottesdienste feiern kann?“ Er setzt auf die Lust auf Veränderung, darauf, einfach mal Neuland zu betreten, weil ansonsten hochgerechnete Excel-Listen ausspucken, wann in einer Gemeinde das Licht ausgeht. Es sei jedenfalls, betont Conzelmann, „nicht Aufgabe der Denkmalschützer, Kirchen zu retten“.

Was laut Beckers schon deshalb richtig ist, weil der Kirchen-Bauboom der 1960er Jahre „neben einer Menge an sehr interessanten Kirchenbauten auch eine Menge an weniger interessanten Kirchenbauten mit sich gebracht hat“. Will sagen: Die Kirche mag fehlen, hier und da, „aber es bleiben noch unendlich viele Kirchen erhalten, in ihrer vollen Schönheit, und mit verschwenderischen Raum“.

Vor zehn Jahren nur von oben verfügt

Sich auf bestimmte Gotteshäuser zu fokussieren, dafür plädiert auch Markus Potthoff, der einräumt, als 54-Jähriger mitunter der Jüngste im Sonntagsgottesdienst zu sein. Und weil nicht mal jeder zehnte Gläubige sonntags den Weg ins Gotteshaus findet, ist es für ihn eine simple Rechenaufgabe zu erkennen, wie lange es dauert, bis mit einer Bau-Unterhaltung per Gießkanne die Substanz nachhaltig schwindet und am Ende nirgends wirkliche Schönheit bewahrt werden kann, sondern an jeder Ecke der Zahn der Zeit nagt.

Das sieht auch Johannes Brinkmann vom Verein „Wir sind Kirche“ ein, der manche Kritik aus dem Publikum – von Heimlichtuerei bei Kirchenfinanzen bis zu fehlender Streitkultur – nicht teilen mag. Brinkmann ist vielmehr froh, dass Laien diesmal über die Zukunft ihrer Kirche(n) mitentscheiden können. Anders als vor zehn Jahren, als die erste Sparwelle ausschließlich von oben verfügt war.

Auch Denkmäler könnten notfalls abgerissen werden

Allerdings scheint auch Brinkmann ein mulmiges Gefühl zu beschleichen: dass nämlich die Frage, wie viel Kirche wohl im Dorf bleibt, vielerorts noch allzu verzagt angegangen wird. „Wenn aber die Lust auf Veränderung nicht größer ist als die Angst, dann kann es nicht klappen“, glaubt er.

Es geht dann nicht mehr nur um Gebäude, aber a u c h um sie. Und um die Frage, was aus den oft weihevollen verschwenderischen Räumen werden kann, wo doch naheliegende Nutzungen wie die als Galerie oder Konzertsaal, Künstleratelier oder Museum schon so vielen aufgegebenen Industriedenkmälern neues Leben einhauchen. Dieser „Markt“ ist abgegrast.

Und so bleibt mancherorts womöglich nur der Abriss. Das geht notfalls auch bei Denkmälern, betont Denkmalschützerin Petra Beckers, der die Debatte am Herzen liegt: Sie hat ihren Geburtstagsabend für die Diskussion geopfert und appelliert, die Christen sollten doch „bereit zum Aufbruch, zu einer Reise“ sein. Ohne Reise keine Ankunft, oder auf Latein: Advent.

ZAHL DER CHRISTEN NÄHERT SICH 50%-MARKE

Von den 589 471 Menschen, die mit ihrem Hauptwohnsitz in Essen gemeldet sind, gehören nur noch rund 58 Prozent einer der beiden großen christlichen Kirchen an.

Nach Angaben des städtischen Amtes für Statistik zählte Essen zum 30. September insgesamt 202 732 Katholiken (34,4%) und 139 096 Protestanten (23,6%).

Nur zwei Jahre zuvor lag der Anteil der jeweiligen Konfession noch um 1,3 bis 1,5 %-Punkte höher. Beide Kirchen verlieren kontinuierlich Mitglieder.



Aus Spargründen hat das Bistum einen Prozess in Gang gesetzt, bei dem die Pfarreien sich bis 2030 auf deutlich schrumpfende Finanzmittel einstellen sollen. Folge ist das Aus für Kirchen.



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