Gewalt in Familien

Kinder sind in der Stadt Essen immer häufiger gefährdet

Das Jugendamt der Stadt muss immer häufiger in Familien das Kindeswohl überprüfen

Das Jugendamt der Stadt muss immer häufiger in Familien das Kindeswohl überprüfen

Foto: imago

essen.   Prüfungs-Verfahren und Fälle von Kindeswohlgefährdung haben in Essen stark zugenommen. Notaufnahmen sind ausgelastet und müssen Anfragen ablehnen

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Das Jugendamt der Stadt muss immer häufiger in Familien das Kindeswohl überprüfen. Von 2015 bis 2016 ist die Zahl dieser Verfahren in Essen von 1572 auf 2309 gestiegen.

Die Zunahme von 47 Prozent liegt deutlich über dem NRW-Landesdurchschnitt von neun Prozent. Nur Köln, das erheblich mehr Einwohner als Essen hat, kommt auf mehr Fälle (2718).

Düsseldorf (970) und Dortmund (1066), die eine vergleichbare Einwohnerzahl haben, vermelden deutlich weniger Verfahren als Essen. „Die Zahlen des Statistischen Landesamts sind erschreckend. Die Kinderschützer unserer Stadt sollten sich kritisch hinterfragen, wie es zu solch einem Anstieg der Zahlen kommen kann“, fordert Rainer Rettinger, Geschäftsführer des Deutschen Kindervereins in Essen.

Fälle von Kindeswohlgefährdung nehmen deutlich zu

Wie schon 2015 hat die Zahl der Verfahren deutlich zugenommen. Von den 2309 Prüfungen ergaben 346 eine akute Kindeswohlgefährdung. Das ist eine Zunahme um über 48 Prozent. 415 Mal lag latente Kindeswohlgefährdung vor (plus 32 Prozent), 1008 gab es keine Gefährdung, aber Hilfebedarf (plus 62 Prozent). Bei 540 Fällen wurde weder eine Gefährdung noch Hilfsbedarf festgestellt (plus 34 Prozent).

465 Fälle wurden von Verwandten oder Bekannten angezeigt, 463 Fälle von der Polizei, 422 Fälle von Schulen und Kitas, 959 Fälle stehen in der Rubrik „Sonstige“.

Bei den Fällen der akuten Kindeswohlgefährdung ist besonders der Anstieg bei unter dreijährigen Kindern von 58 auf 86 Fälle und bei den Sechs- bis Neunjährigen von 33 auf 80 Fälle alarmierend. „Wir sprechen da vom sogenannten Hellfeld und müssen daneben von einer hohen Dunkelziffer ausgehen“, warnt Rainer Rettinger vom Deutschen Kinderverein.

Zunahme hat verschiedene Ursachen

Bei der Stadt sieht man für den „erheblichen Anstieg“ der Meldungen als auch der Kindeswohlgefährdungen „verschiedene Ursachen, die zusammen betrachtet“ die Zunahme begründen. Die Zahl der Einwohner zwischen 0 und 18 Jahren sei im erfassten Zeitraum von 89 734 auf 92 558 angestiegen – und damit um drei Prozent.

Die Sensibilisierung für das Thema Kinderschutz, Kindeswohl sowie psychisch kranke Eltern und Kinder sei gestiegen und führe auch zu mehr Meldungen. Zu dem Anstieg sollen auch Verstöße gegen den Kinderschutz beitragen, die medial in die Öffentlichkeit kommen.

Qualitätsstandard angepasst

Die Stadt sagt außerdem: „Auch Zuwanderung hat zu vermehrten Meldungen geführt, weil sich Erziehungsvorstellungen in Herkunftsländern teilweise von hier üblichen Normen unterscheiden.“ So habe es viele Meldungen aus Einrichtungen für Geflüchtete gegeben, die dann überprüft wurden. „Die Meldungen standen häufig im Zusammenhang mit der beengten Lebenssituation“, so das Rathaus.

Zudem seien 2016 „Qualitätsstandards zur Bewertung und zum Umgang mit Kindeswohlgefährdungen überprüft und angepasst“ worden. So wurde beispielsweise entschieden, Hinweise auf häusliche Gewalt immer als Gefahrenlage für Kinder zu bewerten. Nicht nur Rainer Rettinger staunt, dass das bislang nicht so war.

Folgen für Kindernotaufnahmen

Die starke Zunahme der Kindeswohlgefährdungen mit Gewalt und Misshandlunge hat erhebliche Folgen für die Kindernotaufnahmen des Kinderschutzbundes. ,,Wir haben im letzten Jahr drei Mal so viele Kinder aufgenommen wie zuvor‘‘, sagt der Vorstandsvorsitzende des Ortsverbands Essen, Prof. Ulrich Spie.

Die Zahl der Anfragen zur Aufnahme in die Notaufnahme ,,Spatzennest‘ sei um 70 Prozent von 157 auf 267 gestiegen. Die Einrichtungen seien durchgehend voll, die Hälfte der Kinder jünger als sechs Jahre. Fast 200 Anfragen mussten abgelehnt werden.

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