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Wie die Kulturmeile an die Ruhrtalstraße in Essen-Werden kam

Die Werdener Tore sind ein Gewerbegebiet der besonderen Art. Gewerbe und Ateliers sind in der „Kulturmeile an der Ruhrtalstraße“ nebeneinander zu finden.

Die Werdener Tore sind ein Gewerbegebiet der besonderen Art. Gewerbe und Ateliers sind in der „Kulturmeile an der Ruhrtalstraße“ nebeneinander zu finden.

Foto: Dirk Bauer

Essen-Werden.   Die Werdener Tore sind ein Gewerbegebiet der besonderen Art. Wir stellen die bunte Mischung der unterschiedlichsten Berufe vor.

Das gesamte Gelände umfasst gigantische 19 600 Quadratmeter ist damit ungefähr genauso groß wie zweieinhalb Fußballfelder. Die Rede ist von den Werdener Toren – ein Gewerbegebiet der ganz besonderen Art. Hier findet man zum einen eine bunte Mischung der unterschiedlichsten Berufe von A wie Automechaniker bis Z wie Zahnärztin, doch zum größten Teil sind es Künstler, die das Potential des Gebietes für sich entdeckt haben. Nicht umsonst steht auf einem großen, bunten Schild „Kulturmeile an der Ruhrtalstraße“ geschrieben. Namensgeber dafür war Alfred Hartig.

Kurzer Blick zurück: Genau genommen hat die ganze Geschichte eigentlich 1922 an der Heckstraße 4 angefangen. Hier hatte die Firma Ruhrtal Elektrizitätsgesellschaft Hartig GmbH & Co. einst ihren ersten Sitz. 1954 kaufte Alfred Hartigs Onkel, Friedrich Hartig, das Gelände an der Ruhrtalstraße und zog mit dem Familienunternehmen hier hin. Bis in das Jahr 2000 produzierte die Elektrizitätsgesellschaft dann an diesem Ort Hochspannungs-Schaltanlagen und ab 1947 Hochspannungs-Schaltgeräte. 400 Mitarbeiter gingen damals ein und aus, Auftraggeber waren Stromversorger aus der ganzen Welt. Im November 1999 musste Alfred Hartig Insolvenz anmelden. Das Unternehmen wurde von der Firma Siemens übernommen und wechselte den Standort nach Bochum-Wattenscheid.

Ruhr-Atolle im Kulturhauptstadtjahr

Ja, man hätte das Areal damals vielleicht abreißen oder verkaufen oder aber für große Summen renovieren können. Alfred Hartig aber hatte andere Pläne. Auf die Frage, wie man die große Fläche und die leeren Räumlichkeiten nutzen könnte, hatte er jedenfalls schnell eine Antwort. Für den Ingenieur für Elektrotechnik stand fest: Er möchte Künstlern ein Zuhause geben. Verwunderlich war das nicht, denn Kunst spielte für Hartig schon immer eine bedeutende Rolle in seinem Privatleben. So schlüpfte er also, eher ungeplant aber voller Tatendrang, in die Rolle des Kunstförderers, die der 85-Jährige bis heute mit viel Enthusiasmus ausübt.

2001 nahm die kulturelle Geschichte ihren Lauf, die „Kulturmeile an der Ruhrtalstraße“ war geboren. Thomas Volkmann, einer der Macher der C.A.R Medienkunstmesse, zog als erster Mieter ein. Der Maler gab damit den Startschuss für viele, weitere bekannte und auch nicht bekannte Künstler. Es folgte etwa die Abteilung Schauspiel der Folkwang Hochschule, die im Tor 3 eine Reihe von sehenswerten Schauspiel-Inszenierungen auf das Gelände brachte. Wenig später, 2003 und 2004, zog es auch Kulturmanager Joachim Goldschmidt an die Ruhrtalstraße, der hier für die Produktion und Uraufführung des Musicals „Swing Time“ zuständig war. 2004 ermöglichte Hartig Absolventen der Düsseldorfer Kunstakademie eine große Ausstellung in der einstigen Maschinenhalle. Hartigs Sponsorenmittel kamen der Dokumentation der Ausstellungskunstwerke zugute.

Nach einer Idee von Glaskünstler Udo Karkuschke wurde ein gutes Jahr später der Verein „Kunst Werden“ in Tor 2 gegründet. Hier finden bis heute regelmäßige Ausstellungen von bildenden und experimentellen Kunstformen aber auch Konzerte oder Lesungen statt. Mehr und mehr sprach es sich herum, dass an der Ruhrtalstraße eine Menge im Kunstbereich passiert. Waren es 2005 fünf Künstler, die hier ein Atelier suchten, waren es 2008 schon 28.

Zum Kulturhauptstadtjahr 2010 stellte Konzeptkünstler Norbert Bauer seine bekannten Ruhr-Atolle in Tor 2 aus. Die Familienfirma Dr. Hartig Vermögensverwaltung GmbH & Co. Hausverwaltung KG war Sponsor der Ruhr-Atolle GmbH.

Dienstleistungsbetriebe haben sich angesiedelt

Manchmal sind es eben nur vorübergehende Veranstaltungen und Projekte, für die es die Künstler an die Kulturmeile zieht, viele andere Kreative haben aber auch ihr festes Zuhause an der Ruhrtalstraße gefunden. Zahlreiche Bands haben hier heute ihre Probenräume, Künstler ihre Ateliers und Werkstätten. Wie etwa der Klavierbauer Miklos Doleviczenyi, der in seinem angemieteten Keller in Tor 1 um die hundert Klaviere, darunter auch einige Flügel, stehen hat. „Wir planen in Zukunft ein Klaviermuseum zu eröffnen“, verrät Hausherr Hartig über eine Zusammenarbeit mit Doleviczenyi.

Es sind aber schon länger nicht nur die Künstler und Kreativen, die den Standort für sich entdeckt haben. Wie anfangs erwähnt, haben sich im Laufe der Zeit auch zahlreiche Firmen und Dienstleistungsbetriebe hier angesiedelt. Gartenwerkzeuge können zum Beispiel genauso gekauft werden wie Natursteine.

Kochschule und Boxclub

Zudem ist hier unter anderem die bekannte Ernährungsberaterin Silke Kayadelen ansässig, wie auch der Boxclub „Unschlagbar Werden“ oder die Kochschule „Lecker Werden“. Außerdem grüßen sich hier tagtäglich der Dachdecker, die Modedesignerin, der Heizungsbauer, der Architekt, die Zahnärztin oder die Ergotherapeutin. Insgesamt sind es derzeit rund 60 Mieter, die sich hier einquartiert haben.

Laut Hartig sei es die bunte Mischung, die diesem Standort so viel Leben einhauchen würde. Hinzu kommen sicherlich auch die gute Infrastruktur sowie der Charme der alten Gebäude und Hallen im groben Industriestil. Im Sommer 2008 wurde die Kulturmeile an der Ruhrtalstraße sogar mit der begehrten „Banane“ von Künstler Thomas Baumgärtel versehen. Ein weltweites Qualitätssiegel und inoffizielles Logo für besondere Orte der Kunstszene.

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