Geschichte

Spuren jüdischen Lebens in Essen-Werden

Das Betriebsgelände der Firma Döllken im Jahr 1927.Unter der Nazi-Herrschaft wurde das Holzbearbeitungswerk 1938 arisiert.

Foto: DaHe

Das Betriebsgelände der Firma Döllken im Jahr 1927.Unter der Nazi-Herrschaft wurde das Holzbearbeitungswerk 1938 arisiert. Foto: DaHe

Essen-Werden.   Sie waren patriotische Werdener wie ihre christlichen Nachbarn. Was blieb von den jüdischen Familien? Ein Rundgang durch den Stadtteil.

Der mit großem Interesse aufgenommene Besuch der CDU auf dem Jüdischen Friedhof in Werden soll an dieser Stelle vertieft werden. Denn die jüdischen Mitbürger fühlten sich im Städtchen an der Ruhr ebenso daheim wie ihre christlichen Nachbarn: Doch ist das in Werden noch sichtbar? Wo hinterließen sie ihre Spuren?

Metzger und Viehhändler

Die deutschen Fürsten beschlossen im Februar 1803 auf dem Reichstag zu Regensburg, diejenigen Fürsten durch Säkularisierung von geistlichem Besitz zu entschädigen, die ihren Besitz links des Rheins an Frankreich verloren hatten. Dies traf auch die Fürstabtei Werden, für die Juden änderte sich hier Grundlegendes. Denn erst jetzt durften sie sich im Schatten der Abtei niederlassen. 1808 gründete Joseph Herz die jüdische Gemeinde, eine Straße in Heidhausen ist ihm gewidmet. Urgroßenkel Nachmann Isaac war ebenfalls Metzger und Viehhändler, sein Haus ist heute noch Ecke Ruhrtalstraße und Von-Schirp-Straße zu sehen.

Anfänglich besuchte man noch die Synagoge in Kettwig Vor der Brücke, hier wurden bis 1830 auch die Toten bestattet. Dann wurde Land am Pastoratsberg gekauft, um einen Friedhof anzulegen. Es gab verschiedene bescheidene Versammlungsorte, zuletzt einen Betsaal im Erdgeschoss einer ehemaligen Tuchfabrik an der Marktstraße. In der heutigen Heckstraße erinnert eine Plakette an das 1970 abgerissene Gebäude.

Leopold Simon war der erste jüdische Stadtverordnete

Mit einer Manufakturwarenhandlung ließ sich Herz Simon nieder in der Bornstraße, heute Klemensborn. Sein Sohn Leopold gründete 1887 mit Wilhelm Döllken ein Holzbearbeitungswerk. Leopold Simon war Vorsteher der jüdischen Gemeinde, der erste jüdische Stadtverordnete in Werden. Er war Patriot, Mitbegründer des Verschönerungsvereins, heute Bürger- und Heimatverein, ihm wurde 2009 eine Straße gewidmet.

Unter seinen Söhnen Ernst und Otto avancierte das Unternehmen zum größten Kunstleistenproduzenten Europas. Mit 600 Beschäftigten, Werksfeuerwehr, der überkonfessionellen Leopold-Simon-Stiftung zur Säuglingsfürsorge, sogar einem eigenen Fußballverein SV Werden 08 Döllken. 1938 wurde das Werk arisiert. Während Ernst und seine sozial sehr engagierte Frau Else noch vor den Nazis fliehen konnten, wurde Otto in Bergen-Belsen ermordet. Ernst starb 1945, Else 1956 in Los Angeles. Ein Jahr später wurde nach ihr die Straße Simonaue benannt.

Vom „Judenhaus“ ins KZ

Das Leben der Bewohner des Altenheims Haus Rosenau auf dem Pastoratsberg nahm 1938 eine tragische Wende. Nazi-Schergen zerrten die betagten Leute aus ihren Zimmern und trieben sie in ein „Judenhaus“ in der Bungertstraße. Von dort ging es in die Vernichtungslager. Das Haus wurde ein Frauenerholungsheim der Partei, nach dem Krieg wieder ein jüdisches Altersheim. Heute befindet sich Haus Rosenau in Privatbesitz.

Die Familie Hirschland bewohnte die Villa Franzenshöhe. Im großzügigen Park fanden Sommerfeste der jüdischen Gemeinde statt. 1933 musste die Familie in die USA emigrieren, fünf Jahre später wurde die traditionsreiche Privatbank Simon Hirschland zwangsliquidiert.

Die Villa wurde von Gauleiter Josef Terboven als Gästehaus der NSDAP genutzt, während des Krieges wurden dort Schwestern des Heiligen Kreuzes nach der Bombardierung ihres Altersheims einquartiert. Die Familie Hirschland bekam nach dem Krieg ihr Eigentum zurück. Das Grundstück wurde an das Bistum Essen verkauft, dort das Kardinal-Hengsbach-Haus erbaut. Die Villa wurde abgerissen, erhalten ist noch der denkmalgeschützte Kutschenhof an der Ruhrtalstraße.

Stolpersteine erinnern an Opfer der NS-Zeit

An drei Stellen sind in Werden „Stolpersteine“ in das Pflaster eingelassen. Sie halten das Gedenken an die Opfer der NS-Zeit aufrecht. An der Bungertstraße 32 wird an die Familie Baum erinnert. Philip Baum war Inhaber der Werdener Fischhalle, seine Witwe Sophie und Tochter Ruth wurden gezwungen, in ein „Judenhaus“ zu ziehen. Sie wurden nach Polen deportiert und kamen dort um.

Albert und Helene Levi hatten mehrere Schuhhäuser, eines davon Ecke Wigstraße und Dudenstraße. Dort sind ihre Stolpersteine zu finden. Sie flüchteten vor den Nazis nach Holland, wurden dort gefangen genommen und im September 1943 in Auschwitz ermordet. Weitere Stolpersteine für Jacob Herz, Hans Simon und Felix Steeg befinden sich auf dem Schulhof an der Grafenstraße. Felix Steeg besaß zusammen mit Vater Sally und Bruder Kurt die zwei großen Geschäfte Rosenbaum an der Ruhrstraße, heute Brückstraße. Er beging in bedrängter Situation im Juni 1939 Selbstmord und war der letzte Jude, der mit einem Grabstein am Pastoratsberg beigesetzt wurde.

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