Wohnungsmarkt

Jugendgefängnis in Werden wird zum Wohnraum für Studenten

Das Gebäudeensemble der ehemaligen Jugendarrestanstalt in Essen-Werden steht seit 2004 unter Denkmalschutz. Jetzt wird die Immobilie über ein Bieterverfahren verkauft.

Das Gebäudeensemble der ehemaligen Jugendarrestanstalt in Essen-Werden steht seit 2004 unter Denkmalschutz. Jetzt wird die Immobilie über ein Bieterverfahren verkauft.

Foto: Socrates Tassos / FUNKE Foto Services

Essen-Werden.  Das Land NRW verkauft den Jugendknast im Bieterverfahren. Studenten sollen dort einziehen. Der Werdener Friedhelm Neubauer hat eine andere Idee.

In Essen fehlt es an günstigem Wohnraum – vor allem für Studierende. Warum dann nicht mal ein ungewöhnliches Objekt auf dem Wohnungsmarkt anbieten? Der Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW veräußert die ehemalige Jugendarrestanstalt im Stadtteil Werden. Die erste Runde eines Bieterverfahrens läuft noch bis Ende Juli; 370.000 Euro beträgt das Mindestgebot. Wer letztlich den Zuschlag erhält, ist verpflichtet, in dem denkmalgeschützten Ensemble studentisches Wohnen zu realisieren. Aber es gibt auch noch eine andere Nutzungsidee.

Die in gelber Farbe gestrichenen und teilweise verschieferten Gebäude mit ihren Krüppelwalmdächern sind von einer zweieinhalb Meter hohen Backsteinmauer umgeben. Am Tor prangt das Schild „Jugendarrestanstalt Essen-Werden“. Es ist schon etwas verwittert. Kein Wunder: Mit dem Jahresende 2016 wurde die zum Landgerichtsbezirk Essen gehörende Einrichtung außer Dienst gestellt. Damit ging eine mehr als hundertjährige Geschichte in der Straße Wesselswerth zu Ende.

Komplex wurde 1912 für den modernen Strafvollzug gebaut

Das Gebäude mit der Hausnummer 10 grenzt unmittelbar an das heutige Jugend- und Bürgerbegegnungszentrum (JuBB). Hier befand sich, als Werden noch eine selbstständige Stadt war, das Amtsgericht. Bei dessen Umbau im Jahr 1912 wurde die Neuerrichtung eines „Gewahrsams“, sprich ein Gefängnis, notwendig.

Damals wurden Reformen im Strafrecht, wie etwa der Wechsel von Massenunterbringung zu Einzelhaft und eine Orientierung der Unterbringung an der Schwere der Strafe, bei der Architektur berücksichtigt. Statt einer Festung, die die Strenge des Strafvollzugs repräsentierte, wurde nun eine Wohnhausarchitektur gewählt, die das erzieherische Moment berücksichtigte.

Wohl auch deshalb fungierten die Gebäude nach dem Weltkrieg und der Neuordnung der Landgerichte weiterhin als Gefängnis – und zwar explizit für jugendliche Straftäter. Getrennt vom Jugendstrafvollzug und vom Regelvollzug für Erwachsene erlebten sie in Werden unter besonderer pädagogischer Betreuung den normalerweise erstmaligen Freiheitsentzug.

Es gibt 36 Zimmer – ideal für einen Hotelbetrieb

„Die Jugendlichen waren zumeist übers Wochenende oder nur für ein paar Wochen dort untergebracht“, erinnert sich Friedhelm Neubauer. Der 70-Jährige Werdener beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit dem seit 2004 unter den Denkmalschutz stehenden Jugendknast – und hat ganz eigene Vorstellungen, wo dessen künftiges Potenzial liegen könnte. „Ich habe das Gebäude besichtigt, die Zellen sind noch original erhalten. Und da ist mir die Idee gekommen, dass man daraus gut ein Hotel für Touristen machen könnte, die die Region auf dem Ruhrtalradweg erkunden.“

Unter dem Motto „Rast im Knast“ biete beispielsweise die Stadt Petershagen Unterbringungsmöglichkeiten für Radtouristen in einem ehemaligen Jugendgefängnis an. Ebenso kenne er weitere Beispiele aus Berlin, Dresden und den Niederlanden, wo die Skurrilität des Ortes Anziehungspunkt für Touristen ist, die das Außergewöhnliche suchen. „Die Grundrisse der 36 Zimmer, davon sind 20 Zellen, geben das auch in Werden her“, sagt Neubauer. „Für den Stadtteil und überhaupt für Essen wäre das eine tolle Attraktion.“

Zweckbindung mit 100 Prozent gefördertem Wohnen

Doch seine Bemühungen bei der Essener Touristikzentrale, beim Denkmalamt sowie auch bei Wohlfahrtsverbänden und dem Deutschen Jugendherbergswerk Partner für ein solches Nutzungskonzept zu gewinnen, verliefen negativ. Nicht zuletzt verwies der Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW als Eigentümer auf das Bieterverfahren und die Entscheidungshoheit der Ministerien, was mit der Liegenschaft passiert.

Im sogenannten Interessenbekundungsverfahren kamen Finanz- und Heimatministerium nämlich überein: Das Areal soll zur Entlastung der angespannten Wohnungsmarktsituation in Essen beitragen und der Verkauf in einem Bieterverfahren mit der Zweckbindung, 100 Prozent gefördertes Wohnen (in dem Fall studentisches Wohnen) zu realisieren, erfolgen.

„Das ist ein Alleinstellungsmerkmal für den Stadtteil“

Friedhelm Neubauer, auch im Werdener Bürgerfunk sowie im Werdener Geschichts- und Kulturverein aktiv, kann sich mit dieser Lösung durchaus anfreunden. Schließlich liege ja die Folkwang Universität der Künste fußläufig. Wenngleich er immer noch hofft, dass ein künftiger Investor eine Wohnheim-Hotel-Kombination in Betracht zieht. „Der Jugendknast mit dieser außergewöhnlichen Architektur ist auf jeden Fall ein Alleinstellungsmerkmal für den Stadtteil, und der Ruhrtalradweg bringt die Leute ins Abteistädtchen.“

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