Flüchtlinge

Keine Ghettos: Allbau vermietet kaum noch an Flüchtlinge

Beim Amt für Soziales und Wohnen an der Steubenstraße in Essen: Im Refugee Center werden wohnungssuchende Flüchtlinge beraten.

Foto: Dirk Bauer

Beim Amt für Soziales und Wohnen an der Steubenstraße in Essen: Im Refugee Center werden wohnungssuchende Flüchtlinge beraten. Foto: Dirk Bauer

Essen.  Die Allbau AG galt als der Vermieter für Flüchtlinge in Essen – doch nun haben diese bei der städtischen Gesellschaft kaum noch Chancen.

Die Allbau AG hat offenbar einen faktischen Vermietungs-Stopp für Flüchtlinge verhängt. Die städtische Wohnungsgesellschaft will mit der strikten Mieterauswahl verhindern, dass sich an einzelnen Standorten Ghettos bilden. Bei Ehrenamtlichen, die Flüchtlinge betreuen, sorgt das Vorgehen für Irritationen.

Gisela Borrmann-Heimannsberg vom Runden Tisch Holsterhausen etwa sucht derzeit eine Wohnung für eine junge Afrikanerin und ihren vier Monate alten Sohn, der unter einer Stoffwechselkrankheit leidet. Die beiden leben noch im Flüchtlingsheim an der Papestraße, wo Ruhe und Rückzugsmöglichkeiten fehlen. „Doch bei der Suche auf dem privaten Wohnungsmarkt habe ich für sie nur Absagen bekommen.“

2000 Flüchtlinge leben schon in Allbau-Wohnungen

Mehr Erfolg erhoffte sie sich von der Allbau AG – und wurde enttäuscht. Ein Mitarbeiter habe ihr mitgeteilt, dass nur noch Wohnungen an Migranten vergeben werden, die bereits mindestens fünf Jahre in Essen leben. „Das richtet sich doch klar gegen Flüchtlinge. Da wird heimlich ein Riegel vorgeschoben“, so Borrmann-Heimannsberg. Als sie bei einem Vorgesetzten nachhakte, habe der ihr erklärt, der Allbau wolle so verhindern, dass der Migrantenanteil in bestimmten Siedlungen zu hoch werde. „Dass man da gegensteuern möchte, verstehe ich. Aber der Allbau hat überall in Essen Häuser, da sollte es doch Kapazitäten geben“, meint die Ehrenamtliche.

Richtig sei, dass man 18 000 Wohnungen im ganzen Stadtgebiet habe, bestätigt Allbau-Prokurist Samuel Serifi. Doch a) gebe es kaum Leerstände, b) seien nur 15 bis 20 Prozent der Wohnungen für Flüchtlinge, die meist von Sozialleistungen leben, bezahlbar. Und: „Bei uns wohnen bereits über 2000 Flüchtlinge, die erstmal integriert werden müssen. Da tragen wir eine soziale Verantwortung.“ Und zwar nicht nur für die Zuzügler, sondern auch für die bisherigen Mieter: „Wir müssen eine ausgewogene Nachbarschaft und stabile Quartiere anbieten.“ Es gebe zwar keine generellen Probleme im Zusammenleben, aber viele Flüchtlinge täten sich mit Themen wie Mülltrennung anfangs schwer.

„Da wird heimlich ein Riegel vorgeschoben“

Einen offiziellen Aufnahmestopp für Flüchtlinge gebe es beim Allbau nicht, betont Serifi. „Aber sie haben geringe Chancen, bei uns eine Wohnung zu bekommen.“ Den Mitarbeitern habe man folgende Ausnahmen genannt: „Studierende, Selbstzahler und Menschen, die mehr als fünf Jahre hier leben.“ Alle drei Prädikate dürften nur in den seltensten Fällen auf Flüchtlinge zutreffen. Doch Gisela Borrmann-Heimannsberg hat erlebt, dass der Allbau Milde walten lässt: Für die junge Afrikanerin hat sie jetzt einen Besichtigungstermin bekommen. Trotzdem ist sie besorgt: „Ich höre, dass andere Wohnungsgesellschaften jetzt ähnlich vorgehen. Dann finden Flüchtlinge bald gar nichts mehr.“

Hartmut Peltz, der das Amt für Soziales und Wohnen leitet, bestätigt, „dass es in Essen eine Verknappung von günstigem Wohnraum gibt“. Andererseits weist er darauf hin, dass seit April 2016 fast 6000 Flüchtlinge in Wohnungen gezogen seien, derzeit lebten nur noch 1300 in Unterkünften. Die Wohnungsgesellschaften hätten erheblich zu diesem Vermittlungserfolg beigetragen, doch nun träten viele von ihnen auf die Bremse, „um funktionierende Hausgemeinschaften und den sozialen Frieden zu bewahren“.

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