Krankenhausneubau

Keine Annäherung im Streit um Kirchenabriss in Altenessen

Bis auf den letzten (Steh-)Platz besetzt war der Saal des Kolpinghauses, als über die Zukunft der Kirche St. Johann Baptist in Altenessen diskutiert wurde.

Bis auf den letzten (Steh-)Platz besetzt war der Saal des Kolpinghauses, als über die Zukunft der Kirche St. Johann Baptist in Altenessen diskutiert wurde.

Foto: Vladimir Wegener

Essen-Altenessen.   Mit Spannung wurde die Diskussion über den Marienhospital-Neubau und gleichzeitigen St. Johann-Abriss erwartet. Ein Kompromiss ist nicht in Sicht.

Nach Monaten mit Streit, Wut und Anfeindungen kamen am Dienstagabend vor rund 300 Zuhörern alle Beteiligten zu einer Podiumsdiskussion über den geplanten Krankenhausneubau im Kolpinghaus zusammen. Fazit nach zwei Stunden: Das moderne Hospital im Stadtteil möchten alle. Knackpunkt bleibt die Kirche. Wo sie steht, wünscht sich die Contilia GmbH als Bauherrin eine so genannte Liegendanfahrt für Rettungsfahrzeuge. Viele Katholiken der Gemeinde hingegen möchten das lieb gewonnene Gotteshaus an der Johanniskirchstraße unter allen Umständen erhalten und an den Neubau anbinden. Allen voran kämpft der Verein „Rettet St. Johann“ mit derzeit 143 Mitgliedern.

Kirchenvorstand hatte mehrheitlich für den Verkauf des Grundstücks gestimmt

Bis auf den letzten Holzstuhl besetzt war der Saal an der Kolpingstraße 16, und auch die Stehplätze im hinteren Bereich waren begehrt. Kein Zweifel, die Altenessener wollen die Zukunft ihres Stadtteils mitbestimmen, sich nicht vor vollendete Tatsachen stellen lassen. Solch ein Vorgehen hatten viele Bürger vermutet, als sie im Herbst 2018 von dem Neubau-Konzept erfuhren. Zu diesem Zeitpunkt glaubten die wie alle Pfarreien im Bistum Essen von strengen Sparauflagen betroffenen Gläubigen, nach langem Ringen ein gutes Konzept für die kirchliche Zukunft gefunden zu haben. St. Johann Baptist wurde im Votum zum Pfarreientwicklungsprozess, kurz „PEP“, zur Pfarrkirche bestimmt und sollte damit über 2030 hinaus vom Abriss verschont bleiben. Trennen wollte man sich von anderen Gebäuden. Das Schriftstück wurde dem Bischof überreicht, der es bestätigte. Erst dann legte die Contilia die Pläne auf den Tisch.

Der Kirchenvorstand stimmte mit zwölf zu drei Stimmen für den Verkauf des 4700 Quadratmeter großen Grundstücks samt Kirche und Pfarrheim für 1,1 Mio. Euro. „Viele Gemeindemitglieder fühlen sich schlecht oder zu spät informiert“, räumte Dompropst Thomas Zander jetzt auf der Veranstaltung ein. Er ist seit Oktober 2018 Pfarradministrator und Vorsitzender des Kirchenvorstands St. Johann Baptist. Doch der Geistliche betonte, dass man auch nach einem Abriss als katholische Kirche im Stadtteil präsent sei: „Es soll ja etwas Neues entstehen!“ Doch mit der kleinen Kirche im Krankenhaus und Räumen für Gruppen und Verbände können sich viele nicht anfreunden.

Architekt Heinrich Böll schlägt Abriss des Altenwohnheims vor

Als Architekt aus dem Quartier saß Heinrich Böll neben Kirchenvertretern, Verein und Krankenhaus-Geschäftsführung auf der Bühne. Er riet zum Querdenken. So könne man das Gotteshaus in seiner jetzigen Form bewahren und zugleich ein neues Hospital realisieren. Sein Vorschlag: Das katholische Altenwohnheim „St. Monika“ an der Johanniskirchstraße sowie die bald nicht mehr benötigte Zweigstelle des Leibniz-Gymnasiums an der Mallinckrodtstraße 11 sollten anstelle von St. Johann abgerissen werden, um freie Fläche zu schaffen.

Dirk Albrecht, Vorsitzender der Contilia-Geschäftsführung betonte, dass man für den Neubau 28.500 Quadratmeter brauche. 4700 gewinnt man durch die Aufgabe von St. Johann. Man habe in der Nachfolge der Elisabethschwestern einen gesellschaftlichen Auftrag und zudem eine medizinischen Versorgungsvertrag zu erfüllen: „Die Medizin entwickelt sich rasant!“

„Rettet St. Johann“ wirft Contilia Kompromisslosigkeit vor

Um den Anforderungen gerecht zu werden, wolle man nach 2025 alle vier Nordessener „Gesundheitsquartiere“ weiterentwickeln: Philippusstift, Haus Berge, St. Vincenz und St. Marien, die seit Mai 2018 alle zur katholischen Krankenhaus-Gruppe gehören. Mit dem Neubau des Marienhospitals möchte man Mitte bis Ende 2020 beginnen. Mit dem Abriss eines Altenheims habe er ein Problem, konterte Dirk Albrecht. „Es gehört uns zudem nicht“, so der Mediziner. „Die bebaubare Fläche ist begrenzt“.

Gerd Urban vom Verein „Rettet St. Johann“ warf der Contilia Kompromisslosigkeit vor. „Alle, die sich hier engagieren, haben nichts gegen ein neues, modernes Krankenhaus. Wir reden über ein Leuchtturm-Projekt“. Dennoch suche man nach einer Möglichkeit, das ganze Projekt zu stoppen. „Wir sind gesprächsbereit. Mein größter Wunsch ist es, zu wissen, dass über die ein oder andere Alternative nachgedacht wird.“

Grundschullehrerin Christina Sieweke, ebenfalls für den Verein auf dem Podium: „Viele haben Angst, hier entfremdet zu werden! 400 Meter weiter wird die nächste Moschee gebaut. Sie reißen uns das Herz heraus, wenn Sie die Kirche abreißen!“

Moderatorin lobt den respektvollen Umgang

Klaus Pfeffer, Generalvikar beim Bistum, zeigt Verständnis für die Gefühlslage der Gläubigen. „Auch ein katholisches Krankenhaus ist ein Ort von Kirche. Keiner von uns hat Interesse, das kirchliche Leben in Altenessen zu zerstören.“

Moderatorin Sylvia Czapiewski lobte die sechs Gesprächspartner für den respektvollen Umgang.

Derzeit wird die Bauvoranfrage bei der Stadt geprüft, und ein Verkehrsgutachten wurde in Auftrag gegeben. Einige Anwohner befürchten ein deutlich höheres Fahrzeugaufkommen im Stadtteil.

Verein will weiterhin „mit allen Mitteln“ um die Kirche kämpfen – Generalvikar betont den Kirchenneubau

In einer ausführlichen Stellungnahme nach der Podiumsdiskussion im Kolpinghaus schreibt der Verein „Rettet St. Johann“: „Wir kündigten sehr deutlich an, weiterhin mit allen Mitteln um unsere Kirche zu kämpfen und erneuerten das Angebot, jederzeit für Gespräche im ernsthaften und ergebnisoffenen Rahmen zur Verfügung zu stehen.“

Generalvikar Klaus Pfeffer warb dafür, Gemeinde und Krankenhaus nicht gegeneinander auszuspielen: „Ein Krankenhaus ist für unsere Kirche ein genauso wichtiger Ort wie eine Gemeinde.“ Ihn überzeuge, „dass es nicht einfach darum geht, eine Kirche zu schließen, sondern eine neue Kirche zu schaffen – wo haben wir das in unserem Bistum sonst noch?“

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