Essener Stadtteile (13)

Karnap, das hübsche Dorf hinterm Rhein-Herne-Kanal

Alles so schön Grün hier: Die Matthias-Stinnes Siedlung ist mittlerweile zum Wohnen sehr beliebt.

Alles so schön Grün hier: Die Matthias-Stinnes Siedlung ist mittlerweile zum Wohnen sehr beliebt.

Foto: Jochen Tack

Essen.   Längst wissen nicht nur Einheimische, wie angenehm man in den alten Bergarbeitersiedlungen von Essen-Karnap leben kann.

Es gab Zeiten, da konnte man in der Matthias-Stinnes-Siedlung für kleines Geld ein altes Bergmannshaus kaufen. Das ist lange vorbei, wer hier heute heimisch werden will, der muss deutlich tiefer in die Tasche greifen. Karnap ist zwar der nördlichste Essener Stadtteil, und Norden ist in Essen eine Himmelsrichtung, die mancher prekär findet. Aber es hat sich herumgesprochen, dass man in Karnap gut leben kann.

Einer, der aus Karnap nicht mehr weg will, ist Turgay Tahtabas. Vor neun Jahren zog der gebürtige Türke mit seiner Frau und drei Kindern in eines der Zechenhäuser und baute es nach und nach mit viel Eigeninitiative und der Hilfe von Nachbarn zu einem Schmuckstück um. „Das ist typisch für unsere Siedlung“, sagt sein Freund Michael Schwamborn, der ebenfalls hier lebt. „Wir halten zusammen und sind eine richtig gute Gemeinschaft“, ergänzt Tahtabas. Bei mindestens acht Nationen ist das durchaus beachtlich: Polen, Spanier, Italiener, Russen, Türken, Araber und Deutsche fallen dem 49-jährigen Tahtabas ein, der persönlich so etwas wie ein Musterbeispiel gelungener Integration ist.

Mehr ein großes Dorf als ein Stadtteil

1989 kam der Sohn eines Lehrers aus der Türkei nach Essen – übrigens der Liebe wegen, seine Frau lebte bereits hier. Einen Job fand er beim Stadtamt 70, der Müllabfuhr, die später in den Entsorgungsbetrieben aufging. Tahtabas war und ist einfacher Müllwerker, arbeitete viele Jahre auch in den schweren Kellerrevieren. Für einen gewandten, ausgebildeten Hotelfachmann nicht gerade ein Traumjob. Doch Tahtabas ist zufrieden, lebte seinen Bildungshunger privat aus und ist schon lange ehrenamtlich engagiert in Elternvereinen, die sich um den Bildungserfolg benachteiligter Kinder und Jugendlicher kümmern. Nicht zuletzt verwirklichte Tahtabas den klassischen Einwanderertraum: Den Kindern soll es dank Bildung einmal besser gehen. So kam es. Alle drei machten Abitur, studieren und sind dabei, sich beruflich zu etablieren. Zum großen Stolz der Eltern.

Natürlich hätte das auch anderswo als in Karnap so kommen können. Aber das spezielle Klima in diesem bodenständigen, sozialdemokratisch geprägten und dabei bürgerlichen Stadtteil hat das vermutlich befördert. Wenn man mit Tahtabas und Schwamborn durch Karnap läuft, wird das Miteinander spürbar. Karnap ist mehr ein großes Dorf als ein Stadtteil: Man kennt sich, man schätzt sich, man hat Zeit für ein Schwätzchen, und Turgay Tahtabas gehört ganz selbstverständlich dazu.

31 verschiedene historische Haustypen

Mehrere Straßenzüge umfasst die Siedlung Matthias Stinnes, einige so original erhalten, dass man ohne weiteres einen Bergarbeiterfilm um 1900 drehen könnte – nur die Autos müssten weg, und den Asphalt müsste man mit Lehm verdecken. Von Monotonie übrigens keine Spur: 31 verschiedene historische Haustypen hat Michael Schwamborn gezählt. Er ist Vorsitzender der 800 Mitglieder starken Mieter- und Eigentümer-Initiative ist und sitzt für das Essener Bürgerbündnis (EBB) im Rat der Stadt.

Typisch sind die großen, langgezogenen Gärten, mit deren Hilfe Bergmannsfamilien früher die schmale Kost aufbesserten und die heute hinter den modernen Reihenhäusern so selten, weil fast unbezahlbar geworden sind. Natürlich dienen die alten Gärten inzwischen überwiegend der Erholung, aber Familie Tahtabas baut nach alter Art Gemüse und Obst an, darunter Exotisches wie Feigen und Maulbeeren, die hier erstaunlich gut gedeihen.