Brauchtum

KAB: Essens ältester Verein löst sich nach 159 Jahren auf

Werner Wiegand, hier vor dem Friedrich-Uerlichs-Haus an der Gertrudiskirche, gehört zum Vorstand des KAB-Vereins „St. Barbara an St. Gertrud“. Der Verein löst sich zum Jahresende auf.

Werner Wiegand, hier vor dem Friedrich-Uerlichs-Haus an der Gertrudiskirche, gehört zum Vorstand des KAB-Vereins „St. Barbara an St. Gertrud“. Der Verein löst sich zum Jahresende auf.

Foto: Klaus Micke / FUNKE Foto Services

Essen-Nordviertel.  Der älteste Verein der Katholischen Arbeitnehmerbewegung (KAB) in Essen, „St. Barbara an St. Gertrud“, löst sich nach 159 Jahren auf.

Der stadtweit älteste Verein der Katholischen Arbeitnehmerbewegung (KAB), die „KAB St. Barbara an St. Gertrud“, steht nach 159 Jahren vor der Auflösung. Ende des Jahres ist Schluss. Derzeit gibt es noch 22 Mitglieder, die im Schnitt 78 Jahre alt sind. Werner Wiegand vom Vorstand räumt ein: „Wir haben uns leider überlebt und sind ein bisschen aus der Zeit gefallen.“

Zuletzt gab es noch den monatlichen Frühschoppen, jeden ersten Sonntag, immer nach der Zehn-Uhr-Messe in der Gertrudiskirche. Dann traf man sich im Friedrich-Uerlichs-Haus, das direkt vor der Kirche steht, und spendete dabei für die „Weltnothilfe“. „In knapp 40 Jahren Stammtisch sind mehr als 18.000 Euro zusammen gekommen“, sagt Wiegand. Das Ende des Vereins habe man nach „langen Diskussionen“ beschlossen, „denn irgendwann lohnt die Vereinsarbeit nicht mehr. Die bleibt ja dieselbe, egal, ob fünf Leute kommen oder 500.“

Im Jahr 1860 hatte Essen rund 60 Zechen

1860 gründen Bergleute der Zechen Graf Beust, Herkules, Ernestine und Viktoria Matthias den Knappenverein „St. Barbara“, der später in der KAB aufgeht. Essen hat damals rund 60 Zechen und 12.000 Bergleute. In Knappenvereinen geht es seinerzeit um gegenseitige Hilfe, eine neue, geistige Heimat für die vielen katholischen Zuwanderer aus Polen, und es geht um bessere Arbeitsbedingungen. Schichtlohn von vier Mark und geregelte Acht-Stunden-Schichten fordern Essener Bergleute im Jahr 1872, auf 40 Zechen wird kurz gestreikt - aber ohne Erfolg.

Und um Weltanschauung geht es den katholischen Arbeitern auch: „Es galt, sich religiös und sozialpolitisch weiterzubilden, um dem antireligiösen Sozialismus am Arbeitsplatz entgegenstehen zu können“, heißt es in einer Festschrift der „KAB St. Barbara an St. Gertrud“ zum 140. Bestehen des Vereins.

„Da fragt man sich, ob sich das noch lohnt“

Damals, als die Festschrift erscheint, im Jahr 2000, hat der Verein noch knapp 100 Mitglieder, die Hälfte ist jünger als 65, und obwohl der Bergbau längst tot ist, besteht damals noch das unverrückbare Selbstverständnis: „Bildung und Hilfe“, sagt Werner Wiegand, „das waren die großen Themen.“ Mit den Familien besichtigt man das Wittener Muttental oder das Druckhaus der Zeitung, Exkursionen führen in die Stauder-Brauerei, und als Wiegand mal Südafrika bereist, kommt er mit einem Lichtbild-Vortrag zurück, den er im Friedrich-Uerlichs-Haus abhält.

Das war vor wenigen Jahren. „Da kamen nur fünf Leute, und wir haben uns lange gefragt, ob sich das alles überhaupt noch lohnt.“ So gesehen: Das Ende von Essens ältestem KAB-Verein bezeichnet Wiegand als „langes Sterben, die Leute kamen einfach nicht mehr.“ Die Zweifel an der Existenzberechtigung wuchsen. „Die Alten können nicht mehr kommen, und die Jungen brauchen uns nicht mehr.“

17 KAB-Vereine im Bistum machten im Jahr 2018 Schluss

Andere, äußere Umstände trugen zum Schwund bei: Spätestens in den Neunziger Jahren fingen die Kirchen an, Gemeinden zusammenzulegen, die Katholische Kirche gründete Großpfarreien, plötzlich fehlten Veranstaltungsräume und Treffpunkte vor Ort. „Im gesamten Bistum haben wir allein im Jahr 2018 17 KAB-Vereine verloren“, berichtet Andreas Schellhase, der Diözesansekretär der KAB im Bistum Essen. Er führt das maßgeblich auf die Fusion von Gemeinden zurück und betont aber, dass es weiterhin rege Tätigkeiten der KAB im Bistum gibt, das sei von Gemeinde zu Gemeinde sehr unterschiedlich.

Rund um St. Gertrud an der Rottstraße in der nördlichen Innenstadt sprechen viele Leute kein Deutsch mehr. Der wuchtige Sakralbau hat sich längst zu einer Anlaufstelle für Arme und Flüchtlinge entwickelt, es gibt Suppenküche und Deutschkurse, und die meisten Bergmannsfamilien sind längst weggezogen. Und in den Haushalten fehlt das Geld: „In diesem Jahr wurde der Monatsbeitrag pro Person von fünf auf sechs Euro angehoben“, sagt Werner Wiegand. „Da haben direkt welche gekündigt.“

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