Telefonseelsorge

Junge Menschen rufen Telefonseelsorge Essen kaum noch an

Der Theologie Peter Heun beendet nach bald 40 Jahren seinen Dienst bei der Katholischen Telefonseelsorge und zieht Bilanz.

Der Theologie Peter Heun beendet nach bald 40 Jahren seinen Dienst bei der Katholischen Telefonseelsorge und zieht Bilanz.

Foto: Carsten Klein / FUNKE Foto Services

Essen.  Fast 40 Jahre hat Peter Heun hauptberuflich für die Kath. Telefonseelsorge Essen gearbeitet, zuletzt als Leiter. Nun geht er in den Ruhestand.

Fast vier Jahrzehnte stand Peter Heun hauptberuflich in Diensten der katholischen Telefonseelsorge. In dieser langen Zeit war er für Zigtausende Anrufer stets eine Art Phantom: ein Mann ohne Gesicht, ohne Namen, ohne Adresse. Jemand, den viele leidende Menschen tief in ihre wunden Seelen schauen ließen. Jetzt, mit Eintritt ins Rentnerleben, darf der 65 Jahre alte Theologe und Psychologe seine strenge Anonymität ablegen. Zufrieden und mit sich im Reinen schaut er auf ein intensives Berufsleben zurück. „Telefonseelsorge ist immer ein Seismograph für gesellschaftliche Entwicklungen, denn es kommt etwas ungeschminkt herein“, sagt Peter Heun.

Pro Jahr melden sich 15.000 Anrufer bei der Telefonseelsorge

Die Zahl der Anrufer habe sich spürbar erhöht – von anfänglich 10.000 auf mittlerweile 15.000 im Jahr: Menschen in akuten Krisensituationen, aber auch Leute, die einfach nur anhänglich und bedürftig seien. Die einen wirken aufgeregt und überschlagen sich beim Sprechen, dabei könne ihr Anliegen ziemlich banal sein. Andere sprechen monoton und schilderten doch Dramatisches. Sie alle treffen bei Peter Heun auf jemanden, der allein schon durch seine Stimme beruhigend wirkt: Sie ist warm und stabil.

So manches habe sich in vierzig Jahren kolossal verändert. „Heutzutage wird ganz anders telefoniert als früher“, findet Heun. Damals, in den Pionierzeiten der Telefonseelsorge, hätten sich Anrufer nachts gemeldet und meistens noch entschuldigt. Heute hingegen stoße er auf eine deutlich gestiegene Anspruchshaltung. So müsse er sich morgens um vier Uhr in seinem zentral gelegenen Büro in Essen schon mal vorwurfsvolle Sprüche anhören wie: „Oh, Sie klingen ja nicht gerade frisch.“

„Die Hunger nach Aufmerksamkeit nimmt zu“

Telefonseelsorge sei in ihren Anfängen kein selbstverständliches Angebot gewesen, dementsprechend groß war die Scheu, den Hörer zu heben und die Wählscheibe zu drehen. Heute seien Handys Spielkonsolen und der Hunger nach Aufmerksamkeit nehme zu.

Der größte Unterschied: Junge Leute – Zwanzig- und Dreißigjährige – rufen gar nicht mehr an. Die Unlust zu telefonieren – ein Phänomen, das nicht neu ist. Viele Jugendliche empfinden es als stressig, wenn sie angerufen werden. Beseelt vom narzisstischen Drang, unabhängig und unverbindlich zu bleiben, verschicken sie lieber Sprachnachrichten – auch weil sie eine Unterhaltung von Angesicht zu Angesicht als anstrengend und herausfordernd empfinden.

So stellen Erwachsene in der Altersgruppe 40 bis 65 Jahre mittlerweile das Gros der Anrufer. Vereinsamung, psychische Erkrankungen, Beziehungskonflikte in Partnerschaft und Job sind ihre größten Probleme. „Arbeitsverdichtung und Arbeitsdruck haben in allen Bereichen zugenommen“, weiß Heun. Alkohol und Drogen – das seien früher große Themen für die Telefonseelsorge gewesen. Heute kümmerten sich Suchtberater, der Suchtnotruf und andere Dienste darum. Sexualität? „Spielt nur noch eine geringe Rolle“, erwidert Heun. Aber er spüre, dass Beziehungen mit hohen Erwartungen aufgeladen seien, aber umschlügen in Unzufriedenheit und Sprachlosigkeit, um am Ende ausgelaugte, enttäuschte Menschen zurückzulassen.

Dienst in der Kirche ohne „kirchlich ritualisierte Sprechgewohnheiten“

Das Besondere an Telefonseelsorge sei zu erleben, „wieviel an Tapferkeit und Ausdauer unter den Mitmenschen ist, die Schweres zu tragen und ertragen haben“. Der Ursprung der Telefonseelsorge sei vorrangig gewesen, Menschen in Krisensituationen davor zu bewahren, freiwillig aus dem Leben zu scheiden. Längst gehe es um die Bewältigung von Alltagskrisen, um die großen Krisen im Kleinen. Darum, Verzweifelten und Ratlosen zu helfen, mit den mannigfachen Belastungen des Lebens fertig zu werden.

Peter Heuns Bilanz fällt positiv aus. Er sei im richtigen Beruf und im richtigen Berufsleben gelandet. Katholische Telefonseelsorge – das sei Kirche in Krisensituationen, ohne an „kirchlich ritualisierte Sprechgewohnheiten“ gebunden zu sein. Wichtig sei für ihn gewesen: empathisch sein und erreichbar, ansprechbar und hilfreich. Heuns Formel lautet: „Dabei sein ohne zu bevormunden.“ Das längste Gespräch habe zwei Stunden gedauert, aber oft habe an beiden Enden der Telefonleitung Stille geherrscht. „Man muss Schweigen aushalten können, das ist ein kostbarer Moment im Dialog.“

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