Bildung

Junge Essenerin baut in Indonesien eine Schule auf

Besuch an ihrer alten Schule: Am Essener Grashof-Gymnasium hat Jana Diestelhorst vor zehn Jahren ihr Abitur gemacht. Heute lebt sie in Indonesien – und hilft dort Kindern, eine Schule zu besuchen.

Besuch an ihrer alten Schule: Am Essener Grashof-Gymnasium hat Jana Diestelhorst vor zehn Jahren ihr Abitur gemacht. Heute lebt sie in Indonesien – und hilft dort Kindern, eine Schule zu besuchen.

Foto: André Hirtz / FUNKE Foto Services

Essen.  Jana Diestelhorst hat 2009 in Essen Abi gemacht. Heute lebt sie in Indonesien, betreibt dort ein Hotel und kümmert sich um die Bildung der Kinder

Früher war sie Schulsprecherin, hat Unterstufen-Partys am Essener Grashof-Gymnasium organisiert, heute veranstaltet sie Filmnächte für die Kinder auf Gili Asahan. Das ist eine winzige indonesische Insel, 12.000 Kilometer von Essen entfernt und der neue Wohnort Jana Diestelhorst (30).

Auf ihrer Abi-Feier gab’s ein Mickie-Krause-Konzert und einen Eklat

Ihre Abi-Feier im Jahr 2009 dürfte auch anderen Essenern noch in Erinnerung sein: Der Jahrgang engagierte den Mallorca-Barden Mickie Krause für ein Konzert am Grashof-Gymnasium und sorgte damit für einen Eklat, der sich auch medial niederschlug. Die Schulleitung hielt Hits wie „Zehn nackte Friseusen“ für unpassend und zweifelte an der geistigen Reife der Abiturienten. „Ich fand’s cool, dass wir damals etwas Besonderes organisiert haben“, sagt Jana Diestelhorst. „Auch wenn man für das Geld vielleicht etwas Besseres hätte machen können.“

Zehn Jahre und ein Architekturstudium später tut sie etwas Besseres. Schon 2011 hatte sie ein Auslandssemester in Bali gemacht und dort ihren späteren Freund kennengelernt. 2013 zog sie nach Indonesien, arbeitete mit ihm in einer Baufirma und baute nebenbei ein Hotel auf Gili Asahan auf. Jahrelang fuhr sie am Wochenende mit der Fähre auf die kleine Insel, vor knapp zwei Jahren ließ sie sich ganz dort nieder. Seither ist Jana Diestelhorst hauptberuflich Hotelmanagerin – und kümmert sich nebenberuflich um die Kinder auf der Insel.

Die Lehrerin kam oft nicht zur Schule – die Kinder waren trotzdem immer da

Denn als sie nach Gili Asahan kam, war das Schulhaus verwaist. Der alte Lehrer, bei dem all ihre Mitarbeiter gelernt haben, war nicht mehr da, die neue Lehrerin kam nur sporadisch: Von den 25 Euro Monatsgehalt konnte sie nicht leben. „Aber die Kinder zogen trotzdem täglich ihre Schuluniformen an und kamen zum Schulhaus.“ Das habe sie so berührt, dass sie davon träumte, den Kindern wieder einen verlässlichen Unterricht zu schenken.

Also sammelte sie Spenden, bat auch ihre Hotelgäste um Hilfe: Wenn Sie eine Buchung per Mail bestätigte, schrieb sie gleich dazu, dass sich die Schulkinder auf der Insel über Stifte freuen oder über einen Workshop. Eine weniger zufällige Basis bekam das Projekt durch den Verein „Kids of Asahan“, den ihre Mutter und zwei weitere Essenerinnen gründeten. Seither bekommt Gili Asahan regelmäßig Unterstützung aus Essen, etwa vom Beginenhof. Hilfe kommt außerdem aus Bad Berleburg, wo Jana Diestelhorst ihre Kindheit verbracht hat. Seit April 2018 hat die Schule auf Gili Asahan nun wieder zwei Lehrerinnen, und die Kinder kommen gern zur Schule, teils mit den kleinen Geschwistern im Schlepptau.

Die Schulgebühr ist eine Tüte voll Müll

Schulbildung ist hier ein Privileg, Kinderarbeit ist Alltag. Auch jetzt noch müssen einige Kinder nach Schulschluss oder am Wochenende mitanpacken, etwa Material für ein neues Hotel schleppen, das gerade auf der Insel gebaut wird. „Am Anfang war ich total entsetzt“, erzählt Jana Diestelhorst. Nun konzentriert sie sich darauf, den Kindern Zukunftschancen zu eröffnen: Da die Schule auf Gili Asahan nach sechs Jahren endet, unterstützt der Verein drei ältere Schüler, die auf Lombok eine weiterführende Schule besuchen. Nächstes Jahr will Jana Diestelhorst weiteren Kindern diesen Weg ebnen. Auch möchte sie Freiwillige gewinnen, die den Schülern Englischunterricht geben.

Ganz kostenlos ist der Schulbesuch übrigens nicht: Jede Familie muss pro Monat einen Müllsack mit Abfall abliefern. Jana Diestelhorst möchte damit nebenbei auch das Umweltbewusstsein schärfen, das nicht besonders ausgeprägt sei. „In der Regenzeit wird hier so viel Plastik angespült, dass vom Strand nicht viel zu sehen ist.“ Die Einheimischen kümmerte das bislang wenig, auch sie selbst entsorgten Plastik sorglos in der Landschaft oder zündeten es an: „Die sitzen ungerührt im schwarzen Rauch, der in alle Häuser zieht.“

Also hat sie angefangen, einmal in der Woche mit Hotelgästen den Strand aufzuräumen, hat den Leuten aus dem Dorf erklärt, wie schädlich Plastikmüll ist. „Es ist ihre Umwelt – und sie leben vom Tourismus.“ Sie verteilt nicht nur die Müllbeutel an die Familien, die Hotelmitarbeiter bringen den eingesammelten Müll auch zur fachgerechten Entsorgung aufs Festland. In ihrem Hotel werde Plastik möglichst vermieden.

Für die Kinder gibt’s ein Freilichtkino mit Disney-Filmen

Für Jana Diestelhorst ist Gili Asahan mit seinen 36 Familien Zuhause, sie spricht schon gut Indonesisch, ringt aber noch mit der Sprache, die auf der kleinen Insel gesprochen wird. „Das Dorf ist meine Familie.“ Weil niemand aus dieser Familie einen Stromanschluss hat, kümmerte sie sich um eine Beleuchtung für die Dorfstraße und um eine Handy-Ladestation. Die Kinder lädt sie einmal wöchentlich zur Movie-Night mit Disney- oder Pixar-Filmen – ein Freilichtkino, das vom Hotel-Generator gespeist wird.

Im September und Oktober ist sie seit zwei Jahren zum ersten Mal wieder in Deutschland gewesen, hat Freunde und Verwandte besucht und für ihre Projekte geworben, zum Beispiel bei Hochtief, wo sie früher mal als Werkstudentin gearbeitet hat. Auf Gili Asahan wurde derweil eifrig Müll gesammelt, keine Familie will die Schulgebühr schuldig bleiben. Und so bekam Jana Diestelhorst schließlich eine besorgte Nachricht von der Lehrerin: „Die Eltern sind verzweifelt, es ist nicht mehr genug Müll da.“

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