Zeitgeschichte

Josef Königsberg suchte ein Leben lang nach seinem Retter

Josef Königsberg (93) und seine Ehefrau Brigitte in ihrem Haus im Essener Moltkeviertel. Viele Jahre suchte Königsberg den Mann, der ihn 1941 vor der Deportation bewahrte. Dann meldete sich die Tochter seines Retters.

Foto: K. Kokoska

Josef Königsberg (93) und seine Ehefrau Brigitte in ihrem Haus im Essener Moltkeviertel. Viele Jahre suchte Königsberg den Mann, der ihn 1941 vor der Deportation bewahrte. Dann meldete sich die Tochter seines Retters. Foto: K. Kokoska

Essen.  Ein Leben lang suchte Josef Königsberg (93) aus Essen, den Mann der ihn vor der Deportation nach Auschwitz bewahrte. Spät traf er dessen Tochter.

Jahrzehntelang hat Josef Königsberg den Mann gesucht, der ihn 1941 vor der Deportation nach Auschwitz bewahrte. Dann fand der heute 93-Jährige unverhofft die Tochter seines Retters, lud sie nach Essen ein. Nach der ersten, für beide Seiten sehr berührenden Begegnung, werden sie sich im Januar wiedersehen.

Josef Königsberg wuchs behütet in Kattowitz auf, heute Polen, damals Oberschlesien. Bis 1939 ging es der Familie gut, doch mit Ausbruch des Krieges musste die Mutter mit dem 15 Jahre alten Josef und seiner neunjährigen Schwester ins jüdische Ghetto von Chrzanów ziehen; der Vater floh nach Russland, wo er den Krieg überleben sollte.

Über Elend, Hunger und Angst im Ghetto sagt Königsberg nicht viel. „Die Umstände waren eben wie in jedem Ghetto.“ Ein Umstand aber war anders: Der Kreisbaumeister von Charznów, Helmut Kleinicke, NSDAP-Mitglied und Leiter von Arbeitseinsätzen, „war bekannt dafür, dass er Menschen menschlich behandelte“. Von allen Deutschen, sagt Königsberg, „hatte er den besten Ruf“. Der Jugendliche arbeitete für Kleinicke erst im Steinbruch, dann in einer Ziegelei, zuletzt in dessen Villa.

„Ich dachte er zieht seine Pistole und erschießt mich“

Eines Tages setzt er sich an Kleinickes Schreibtisch, blättert neugierig in dessen Briefmarkenalbum. „Da spürte ich plötzlich, dass jemand hinter mir steht. Mir stockte das Herz, ich dachte: ,Jetzt zieht er seine Pistole und erschießt Dich.’“ Doch Kleinicke erkundigt sich freundlich, ob der Junge auch Marken sammle. Josef bejaht und sagt, er wisse nicht, wie er seine eigene Sammlung retten solle. Da bietet Kleinicke an, Josefs Album für ihn aufzubewahren: „Wenn Du überlebst, bekommst Du es zurück.“

Es sollte nicht lange dauern, da ging es nicht um Briefmarken, sondern um Josefs Leben: Der Jugendliche wird Ende 1941 bei einer Razzia festgenommen, soll deportiert werden. Seine Mutter alarmiert Kleinicke, der sich selbstbewusst an die SS-Leute wendet: „Dieser Mann gehört zu meinen besten Arbeitern. Ich kann ihn noch nicht entbehren. Lassen Sie ihn gehen.“

„Ich wurde befreit von Wanzen, Flöhen und den Nazis“

Josef Königsberg darf gehen und wird diese Szene und seinen Lebensretter nie vergessen: „Alle anderen kamen nach Auschwitz und wurden sofort vergast.“ Monate später wird auch er deportiert, ins KZ Groß-Rosen. Es ist der 18. Februar 1942, der Tag. an dem er seine Mutter und seine Schwester zum letzten Mal sieht. „Der Schmerz ist noch genauso qualvoll wie an jenem verhängnisvollen Tag“, hat Josef Königsberg in seinen Aufzeichnungen Jahrzehnte später notiert.

Im Gespräch kleidet Königsberg das Unsagbare in einen leichteren Ton; so wenn er von der Befreiung 1944 erzählt und der Frage eines Reporters, was ihn am meisten freue: „Dass ich befreit wurde von Wanzen, Flöhen und den Nazis.“

Der junge Mann geht nach Breslau, trifft seinen Vater wieder und arbeitet für den Rundfunk. Er liebt den Journalistenberuf, bekommt aber bald Ärger mit der Zensur, verliert seine Arbeit und flieht 1962 nach Deutschland. Hier gelingt es ihm nicht, als Journalist Fuß zu fassen, den Radioleuten gefällt sein schlesischer Akzent nicht, eine Zeitung bietet ihm bloß einen Hilfsjob an. Königsberg zieht nach Essen, wo ein Bekannter ihm einen Einstieg ins Immobiliengeschäft ermöglicht. Er hat seine zweite Berufung gefunden, lernt hier 1963 auch seine Frau Brigitte kennen.

Nach Kriegsende sei es nur um das Weiterleben gegangen, nun ist er angekommen und beginnt, nach Helmut Kleinicke zu suchen. Königsberg schaltet Anzeigen in überregionalen Medien: „Holocaust-Überlebender sucht seinen Retter“. Eine Antwort bekommt er nicht. Königsberg ahnt nicht, dass Kleinicke nach dem Krieg völlig zurückgezogen lebt, dass er öffentlichem Lob für sein Handeln aus dem Weg geht. Dabei hat er, wie inzwischen bekannt ist, noch weiteren Juden geholfen, sie gerettet. 70 Jahre nach Kriegsende wird Kleinickes Tochter Jutta Scheffzek deren Dankesbriefe mit nach Essen bringen.

Die Tochter löst das Versprechen des Vaters ein

Die heute 70-Jährige aus Heidelberg hatte im vergangenen Jahr bei Spiegel Online einen Bericht über Königsbergs lange Suche nach seinem Retter gelesen und sich gemeldet: Ihr Vater sei 1979 gestorben, aber sie komme gern nach Essen, sagt Jutta Scheffzek und reist mit Sohn und Schwiegertochter an. „Es hat sie sehr gefreut, dass sie jemanden gefunden hat, dem ihr Vater geholfen hatte“, erzählt Brigitte Königsberg. Ihr Mann nennt das Treffen mit der Tochter seines Retters „eine der schönsten Episoden in einem langen Leben“.

Seither schreiben die beiden Familien einander, halten sich über Kinder und Enkel auf dem Laufenden. Auch über das vermeintlich verschollene Briefmarkenalbum von Josef Königsberg haben sie gesprochen. Jutta Scheffzek hatte nie davon gehört, sah aber mal auf dem Dachboden in einer Kiste des Vaters nach: Da lag das Album. So löste die Tochter das Versprechen des Vaters ein und gab Josef Königsberg nach einem Dreivierteljahrhundert seine Briefmarkensammlung zurück.

>>> JOSEF KÖNIGSBERG WAR OFT ALS ZEITZEUGE AN SCHULEN

Jutta Scheffzek hat in einem Interview einmal erzählt, dass ihr Vater sich nach dem Krieg Vorwürfe gemacht habe: „Er hat mir immer gesagt: ‘Ich hätte noch viel mehr machen müssen’.“ Helmut Kleinicke sei nach dem Krieg ein gebrochener Mann gewesen, der zurückgezogen lebte. Er habe über seinen Einsatz auch weiter geschwiegen, als ihn Dankesbriefe von Geretteten erreichten.

Josef Königsberg erinnert sich, dass der so menschliche Kleinicke eine Frau hatte, die „100 Prozent Nazi“ gewesen sei und die Taten ihres Mannes missbilligt habe.

Königsberg hat seine Lebensgeschichte für seine Kinder aufgeschrieben. Er war außerdem regelmäßig als Zeitzeuge in Schulen zu Gast. Am heutigen Donnerstag besucht ihn ein Fernsehteam in seinem Haus im Moltkeviertel: Er soll für eine Kinder-Sendung befragt werden.


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