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Ja zur „GroKo“? Essens SPD-Chef sucht noch nach Gründen

Mit seiner unmissverständlich ablehnenden Haltung gegenüber einer Neuauflage der „GroKo“ traf Parteichef Thomas Kutschaty bislang den Nerv der Basis. Unklar ist, ob sich bei den knapp 3900 Genossen der Wind gedreht hat.

Mit seiner unmissverständlich ablehnenden Haltung gegenüber einer Neuauflage der „GroKo“ traf Parteichef Thomas Kutschaty bislang den Nerv der Basis. Unklar ist, ob sich bei den knapp 3900 Genossen der Wind gedreht hat.

Foto: Vahlensieck

Essen.   Thomas Kutschaty ist immer noch nicht überzeugt, und wenn ihn überhaupt was begeistert, dann 221 Essener Neu-Eintritte seit dem Parteitag.

Es ist offenbar nie zu spät, Sozi zu werden. Jedenfalls haben Essens Sozialdemokraten seit ein paar Tagen einen Neuen in ihren Reihen, der den Altersschnitt fast im Alleingang nach oben drückt: Der Mann ist 93 Jahre alt – und das begeistert Thomas Kutschaty genauso wie der Zulauf eines 17-Jährigen und all der 219 anderen, die da seit dem Parteitag vor zweieinhalb Wochen eingetreten sind.

Das ist aber auch schon alles an Begeisterung, die sich der 49-Jährige Essener SPD-Vorsitzende am Tag des „GroKo“-Durchbruchs abringen kann. Ob er in dem 177-Seiten-Papier gute Gründe gefunden hat, seine ablehnende Haltung zu einer Neuauflage der Großen Koalition zu korrigieren? „Ich suche noch“, sagt Kutschaty da.

Den Koalitionsvertrag lesen und lesen lassen

Nicht dass er im Koalitionsvertrag keine positiven Überraschungen fände. Jahrelang hat er etwa als NRW-Justizminister vergeblich für ein Unternehmens-Strafrecht geworben, das findet er jetzt auf Seite 126 wieder, „Respekt für unsere Verhandler“. Bei anderen Punkten, die er aber für viel zentraler hält, die sachgrundlose Befristung von Arbeitsverträgen etwa, findet er den Kompromiss eher mau. Besser: ziemlich enttäuschend.

Aber weil Kutschaty sich ein bisschen Wohlwollen für die Verhandler abverlangt („Das gehört zur Fairness dazu“) will er sich und den jetzt knapp 3900 Genossen „ein paar Tage Zeit geben“. Lesen und lesen lassen. Es wird Veranstaltungen in den Ortsvereinen geben und, wenn’s terminlich hinhaut, auch einen Abend mit dem Europa-Abgeordneten Jens Geier, dem einzigen Essener in der Verhandlungsriege.

„Ich halte immer noch nix davon“

Spätestens beim traditionellen Politischen Aschermittwoch in der Altenessener Stauder-Brauerei werde wohl zentrales Thema die Frage sein, ob es einen gehörigen Kater gibt, wenn die Genossen den „GroKo“-Vertrag schlucken.

Jens-Peter Gröne, stellvertretender Chef im Gremium der Ortsvereine, der noch im November mit der Formel „Zum Teufel mit der GroKo“ die Stimmung in der Partei auf den Punkt brachte, neigt zur Annahme, an der Haltung hätte sich nicht allzu viel geändert. Aber noch ist es nur seine persönliche Meinung, wenn er formuliert: „Ich halte immer noch nix davon.“ Vielleicht findet sich ja bei der Lektüre noch die Passage, die ihn umstimmt.

Eine Mail aus Berlin reicht nicht

Fest steht für Essens Parteichef jedenfalls, dass die jüngste kolportierte Volte von Martin Schulz – er gibt den Partei-Chefposten an Andrea Nahles ab und wird selber Außenminister – „nicht nur mit einer Mail aus dem Willy-Brandt-Haus zu machen sein wird“. Kutschaty geht davon aus, dass jetzt „eine spannende Zeit“ bevorsteht.

Klingt wie: Es gibt Ärger.

>> SECHS PROZENT MEHR MITGLIEDER IN ZWEIEINHALB WOCHEN

Die anstehende „GroKo“-Abstimmung beschert der SPD in Essen einen wahren Mitglieder-Boom. Seit dem Parteitag vor gerade mal zweieinhalb Wochen sind 221 Neu-Eintritte zu verzeichnen, mehr als im gesamten vergangenen Jahr (213).

Ein Drittel der neuen Genossen ist 35 Jahre alt und jünger, gut die Hälfte zwischen 35 und 60, der Rest über 60 Jahre.
Ein Blick auf die Beiträge zeige: Es geht wohl „nicht darum, nur mitzustimmen und tschüss“.

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