„Integration ist doch kalter Kaffee“

Stoppenberg/Essener Norden.   Wenn sich Mohinder Singh an den 16. April 2016 zurückerinnert, dann schaudert er immer noch. An diesem Tag warfen zwei Jugendliche eine Bombe in das Gebetshaus der Sikh-Gemeinde Gurdwara Nanaskar in Altenessen. „Wir können immer noch nicht verstehen, wo so viel Hass hergekommen ist“, sagt der Priester. Seit dem Verbrechen ist er als Botschafter seiner Gemeinde unterwegs. Am morgigen Samstag sind er und zahlreiche weitere Vertreter von Glaubensgemeinschaften mit dabei beim Fest „Taste of Religion“ des Initiativkreises Religionen, des Projektes Arche Noah, der Stiftung Zollverein und des Ruhrmuseums auf dem Gelände der Zeche Zollverein.

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Wenn sich Mohinder Singh an den 16. April 2016 zurückerinnert, dann schaudert er immer noch. An diesem Tag warfen zwei Jugendliche eine Bombe in das Gebetshaus der Sikh-Gemeinde Gurdwara Nanaskar in Altenessen. „Wir können immer noch nicht verstehen, wo so viel Hass hergekommen ist“, sagt der Priester. Seit dem Verbrechen ist er als Botschafter seiner Gemeinde unterwegs. Am morgigen Samstag sind er und zahlreiche weitere Vertreter von Glaubensgemeinschaften mit dabei beim Fest „Taste of Religion“ des Initiativkreises Religionen, des Projektes Arche Noah, der Stiftung Zollverein und des Ruhrmuseums auf dem Gelände der Zeche Zollverein.

In der Halle 5 werden sich ab 14 Uhr verschiedene Gemeinden und Gemeinschaften im „Haus der Religionen auf Zeit“ wie auf einer Messe präsentieren. Ab 15 Uhr gibt es ein Symposium mit Podiumsdiskussion in Halle 12. Ziel ist ein gemeinsamer Text, der Regeln des toleranten Miteinander festlegen und als Blaupause für die ganze Stadt dienen soll. Den Abschluss des Tages bildet ein Konzert des interreligiösen Ensembles „Avram“ in Halle 12.

„Es gibt keinen besseren Platz als den großen Industriestandort im Essener Norden, Zollverein, um die vielen verschiedenen Religionen zusammenzubringen“, verweist Theodor Grütter, Direktor des Ruhrmuseums, auf den Zusammenhang von Arbeitsmigration und religiöser und ethnischer Vielfalt. Besucher der Ausstellung „Der geteilte Himmel“ in seinem Hause können sich davon noch bis Ende Oktober ein Bild machen.

Doch eine Ausstellung ist eben auch nur eine Ausstellung. Im Alltag bleibt Verständnis häufig auf der Strecke. „Ich glaube, in Katernberg sind wir mit dem Dialog schon weit gekommen“, verweist Jens Kölsch-Ricken, evangelischer Pfarrer in Katernberg, auf den interreligiösen und interkulturellen Dialog im Stadtteil, der vom Städtenetz „Soziale Stadt NRW“ angestoßen wurde und bundesweit Beachtung findet. Er sieht dies als mögliches Modell für ganz Essen. Seine zahlreichen Kontakte über die Jahre haben bei ihm zu der Meinung geführt: „Es geht längst nicht mehr um Integration, das ist kalter Kaffee. Wir haben es doch oft mit Deutschen zu tun, die in der zweiten oder dritten Generation hier sind – da geht es jetzt um gesellschaftliche Teilhabe.“

Bezirksbürgermeister Michael Zühlke (SPD) macht auch mit bei der Dialogveranstaltung und sieht die Probleme fast täglich. „Die jungen Menschen sitzen herum, kriegen keinen Ausbildungsplatz oder Job – sie sind einfach abgehängt“, führt er aus. Willi Overbeck, evangelischer Pfarrer im Ruhestand und Projektleiter bei Arche Noah, hat sich in seinem Berufsleben u.a. viel um Beschäftigungsprojekte gekümmert. „Ich habe deutlich gemerkt, dass es die ,ausländischen’ Jugendlichen erheblich schwerer hatten. Sie fühlen sich oft nicht anerkannt und verlieren häufig die Loyalität zu dem Land, in dem sie geboren sind – und das ist oft Deutschland“, sagt er.

Dass mit einer öffentlichen interreligiösen Dialogveranstaltung nicht alle sozialen Probleme gelöst werden können, wissen die Beteiligten. Um die Jugend stärker einzubinden, werden sich schon am heutigen Freitag 500 Schüler aus dem Norden in verschiedenen Workshops mit den Themen „Religion“ und „Zusammenleben“ künstlerisch befassen.

Doch Unverständnis und Intoleranz gibt es in allen Generationen. Willie Overbeck erklärt: „Es ist enorm wichtig, Begegnungen zu organisieren. Denn erst so wird man sensibel für die Lage der anderen.“ Unter anderem Sunniten und Schiiten, Aleviten, Sikh, Griechisch-Orthodoxe und Bahaá´i werden sich neben den katholischen und evangelischen Teilnehmern im Haus der Religionen vorstellen. Öffentlichkeit ist wichtig, das haben die Teilnehmer erkannt.

Die Gemeinde der Sikh auf besonders schmerzliche Weise. Nach dem Anschlag sucht sie verstärkt die Öffentlichkeit. Mohinder Singh: „Die Eltern müssen ihren Kindern beibringen, dass dies ein tolerantes Land ist.“ Und da kann man auch bei den Eltern ansetzen.

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