Gesundheit

Immer mehr Medikamente in Essens Abwasser

Immer mehr Probleme mit Medikamenten im Abwasser: Die Kläranlage in  der Welheimer Mark in Bottrop.

Foto: Oliver Mengedoht

Immer mehr Probleme mit Medikamenten im Abwasser: Die Kläranlage in der Welheimer Mark in Bottrop. Foto: Oliver Mengedoht

Essen.   Die Emschergenossenschaft warnt vor den Folgen für Mensch und Umwelt und versucht, mit der Initiative „Essen machts’s klar“ gegenzusteuern.

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Issa Nafo ist zurzeit ein gefragter Mann. Am Dienstag berichtete er in Berlin den Umweltexperten der SPD-Bundestagsfraktion, am Mittwoch wird er im Umweltausschuss des Parlaments gehört. Sein Thema: Analysen in den Städten zeigen immer deutlicher, dass die Konzentration von Medikamenten und Drogen im Abwasser steigt – Wirkstoffe, die sich in den Klärwerken kaum noch herausfiltern lassen und deshalb nahezu ungehemmt in die Flüsse gespült werden. Die Prognosen sehen trübe aus: um 40 Prozent dürften die Werte in den nächsten 30 Jahren steigen.

Kokain- und Ecstasy-Rückstände im Abwasser

Für Schlagzeilen sorgen natürlich vor allem Kokain- oder Ecstasy-Rückstände, die auf einen steigenden Drogenkonsum der Bevölkerung schließen lassen. Doch es sind längst nicht nur die Rauschmittel, die die Umweltexperten beunruhigen: „Es sind vor allem die Rückstände von Medikamenten, die wir immer deutlicher nachweisen können“, sagt Nafo, der bei der Emschergenossenschaft an der Kronprinzenstraße die Förderprojekte verantwortet, die sich aktuell diesem Thema zuwenden.

So setzt sich in Essen die Initiative „Essen macht’s klar“ für weniger Medikamente im Abwasser ein. Bei Ärzten, Pflegern, Apothekern und natürlich bei den Menschen, die immer noch ihre Medikamente über die Toilette entsorgen, will die Emschergenossenschaft für ein Umdenken werben.

Sportsalben gehen zu 90 Prozent ins Abwasser

Issa Nafo nennt als Negativ-Beispiel das Thema Sportsalben: Hier gilt Diclofenac, das in vielen rezeptfreien Cremes angeboten wird und als effektives Mittel zur lokalen Schmerzbehandlung gilt, als zunehmend problematische Standardarznei. Denn laut einer Studie im Auftrag des Umweltbundesamts ist Diclofenac in 50 Ländern in auffallend hohen Konzentrationen in Oberflächengewässern nachweisbar. Die Arznei kann Fische und Pflanzen schädigen, urteilen die Experten. „Wer eine Salbe aufträgt, spült 90 Prozent davon beim Duschen oder Waschen ins Abwasser, selbst bei der Tablettenform sind es noch 30 Prozent.“ Dabei lässt sich das Problem bereits mit einem Verband lösen, der die Salbenreste aufnimmt und später über den Hausmüll entsorgt werden kann.

Eher noch größere Sorgen bereiten Nafo und seine Kollegen die Antibiotika-Rückstände: „Wir haben bereits 2009 auf die Gefahren multiresistenter Keime hingewiesen, weil wir die Rückstände in den Abwässern gesehen haben.“ Es werden nach wie vor viel zu schnell und zu leichtfertig Antibiotika eingesetzt. „Das merken wir bereits bei Tierzüchtern, die in den Ställen oft schon prophylaktisch mit Antibiotika behandeln“, sagt Issa Nafo.

Grenzwerte für Medikamente

Er fordert deshalb Grenzwerte für Medikamente in Abwässern, „die es bis heute nicht gibt“, dazu eine Kennzeichnungspflicht zur Umweltverträglichkeit. Und: Das Essener Aufklärungsprogramm müsse bundesweit umgesetzt werden. „Wir haben hier in Essen alle 134 Apotheken dabei. Wir brauchen dringend eine breite Sensibilisierung für das Thema“.

Über einen Ausbau der Klärwerke, beispielsweise mit einer 4. Reinigungsstufe, lasse sich das Problem allein nicht lösen: „Das werden wir so nicht schaffen. Da gibt es auch technische Grenzen.“ Bei den mehreren hundert Stoffen im Abwasser stoße man in den Klärwerken immer wieder auf neue Probleme: „Zum Beispiel erkennen wir verstärkt Rückstände von Dämmmaterialien im Abwasser, die über den Regen ausgespült werden.“ Die Folgen für die Umwelt? „Wir stehen noch am Anfang.“

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