Hotelgeschichte

Im Traditionshotel „Essener Hof“ endet eine Familienära

Emre Sinanoglu (neuer Hoteldirektor), Egon Galinnis (Stiftungs-Vorstand) und Maximilian Bosse, von links, stehen  vor dem Hotel „Essener Hof“ neben dem Haus der Technik.

Emre Sinanoglu (neuer Hoteldirektor), Egon Galinnis (Stiftungs-Vorstand) und Maximilian Bosse, von links, stehen vor dem Hotel „Essener Hof“ neben dem Haus der Technik.

Foto: Kerstin Kokoska

Essen.   Die Familie Bosse führte das Hotel in der Innenstadt über vier Generationen. Nun hat nach 135 Jahren ein Neuer die Leitung übernommen.

Maximilian Bosse ist zur Zeit noch damit beschäftigt, zu packen. Dabei fällt ihm auch manches Familienerbstück in die Hände – Fotos, Briefe, Bilder. Was sich eben in über 130 Jahren Hotelgeschichte so alles ansammelt. Mit Bosses Weggang endet gerade eine Ära im „Essener Hof“, einem der ältesten und traditionsreichsten Hotels in der Stadt. Der 62-Jährige hat zum Jahreswechsel die Führung des Hauses abgegeben. „Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, das bewegt mich nicht“, sagt Bosse.

Er ist in dem Haus an der Teichstraße aufgewachsen, hatte dort zeitlebens auch eine Wohnung. Schon seine Eltern, Großeltern und Urgroßeltern leiteten das Hotel. Und Maximilian Bosse übernahm es der Familientradition folgend 1987 mit seiner Frau Susanne nach dem plötzlichen Tod des Vaters Friedhelm. Eigentlich sah es auch ganz gut aus, dass mit Tochter Viktoria die fünfte Generation der Bosses ins Haus einzieht. Doch die gelernte Hotelfachfrau hat sich für ein Fünf-Sterne-Hotel in München entschieden. „Eine Entscheidung, die wir akzeptieren“, so Maximilian Bosse. Damit war aber auch für ihn klar, dass er bald gehen würde.

Bau des Hotels „Essener Hof“ wurde 1883 beschlossen

135 Jahre zurück: Im September, hatte der Kirchenkreis Essen-Mitte den Bau einer „Herberge zur Heimat“ beschlossen und eine gleichnamige Stiftung gegründet. Sie ist bis heute der Eigentümer des Hotels. Am 13. Oktober 1891 war August Bosse mit seiner Frau Wilhelmine als Hausvater in die damalige „Herberge zur Heimat“ eingezogen. Erst sieben Tage zuvor hatten die beiden geheiratet. Bosse war Diakon und im Sinne der christlichen Werte sorgte er fortan für „Zucht und Ordnung“ in der Herberge, die für Geschäftsreisende, Handwerker auf der Walz und allein reisende Damen gedacht war. Die überlieferte Hausordnung zeugt von strengen Regeln. So waren unanständige Reden, der Gesang schlechter Lieder, Kartenspielen und das Trinken von Branntwein streng verboten. Jeder Gast musste spätestens 22 Uhr im Hotel sein. Und morgens wurde zum Gebet gerufen.

Ein solch strenges Regime freilich wäre heute nicht mehr möglich. Was sich aber in all den Generationen, die die Bosses das Haus führten, nicht geändert hat: Sie mussten es immer wieder „neu erfinden“, um es in die Zukunft zu führen. Dabei gilt bis heute, dass die Stiftung alles Geld, das das Hotel abwirft, wieder investiert, betont Stiftungsvorsitzender Egon Galinnis. Das unterscheide das Haus von der Ketten-Hotelerie.

Konkurrenz unter Hotels in Essen wächst

Auch Maximilian Bosse hat bis zuletzt immer wieder an der Zukunft gearbeitet, hat Zimmer sanieren lassen, aus den früher üblichen Einbettzimmern, Zwei-Bett-Zimmer gemacht, das Restaurant modernisiert. „Wichtig war mir, dass die Individualität, die dieses Haus lebt, überlebt. Denn das schätzen die Gäste.“ Häufig haderte er aber mit dem Bahnhof-Umfeld, mit der Trinkerszene vor der Tür, Lärm und der fehlenden Sauberkeit, die den Betrieb eines Vier-Sterne-Hotels nicht gerade leicht machen.

Auch Galinnis weiß, dass der Druck auf dem Essener Hotelmarkt selten so groß war, wie derzeit. In den vergangenen vier Jahren sind 3000 Betten dazugekommen. Schon fast zu viele, meint er.

Als Nachfolger für Bosse hat sich die Stiftung für Emre Sinanoglu entschieden. Der 41-jährige Kölner führte zuletzt das Dorint in Düsseldorf/Neuss und bezeichnet es nun als eine „respektvolle Aufgabe“, dem traditionsreichen „Essener Hof“ seine Handschrift zu geben. Dass er dabei mehr Freiheiten als bei einer Ketten-Hotelerie haben wird, machte ihm den Schritt nach Essen leicht.

„Essener Hof“ strebt in die Vier-Sterne-plus-Kategorie

Der weitere Kurs ist bereits gesteckt. Ende dieses Jahres strebt das Hotel die Bewertung „Vier Sterne plus“ an. Dafür werden in den kommenden Monaten ein Fitnessraum und eine Sauna eingebaut. Kriterien, die für Geschäftsleute wichtig sind, die aus Gründen neuer Unternehmensphilosophie nicht mehr in den Fünf-Sterne-Herbergen absteigen, aber dennoch auf eine gute Ausstattung achten.

Auch beim Vertrieb will Sinanoglu zulegen und vor allem an den Wochenenden die Auslastung verbessern. Das heißt: Der „Essener Hof“ wird im Preiskampf am Wochenende mehr mitmischen.

Maximilian Bosse wird ihm noch bis Jahresende beratend zur Seite stehen, bis er sich dann ganz ins Oberbergische in sein Haus zurück ziehe. Auch seine 90-jährige Mutter Dorothea lebt dort in der Nähe und „ich fühle mich verpflichtet, ihr etwas zurückzugeben.“ Ein Zimmer im „Essener Hof“ sei für Bosse aber immer frei, betonte Galinnis.

>>>Die Geschichte des Hotels<<<

  • 1883 wurde die evangelische Lutherstiftung gegründet. Sie wollte all denen, die in Essen einer Arbeit nachgehen, eine Herberge bieten. Stifter waren wohlhabende Essener Bürger, vor allem die Familie Krupp. Das Unternehmen hat bis heute einen Sitz im Aufsichtsrat der Stiftung, der ehrenamtlich arbeitet.
  • 1888 wurde die Herberge zur Heimat eröffnet, die später zum Hotel „Vereinshaus“ umbenannt wurde. Mehrere Umbauten und Neubauten folgten. 1975 bekam das Hotel den heutigen Namen „Essener Hof“. Es übernahm ihn vom Kruppschen Privathotel am Limbecker Platz, das abgerissen wurde.

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