Gastkommentar

„Ich bin traurig und wütend über die Misere in Altenessen“

Das Haus am Ellernplatz in Altenessen, in dem die Polizei am Samstag ein totes Kleinkind fand. Sein Vater hat den zweijährigen Luis nach Erkenntnissen der Polizei verdursten lassen. Der Ellernplatz gilt als sozialer Brennpunkt.

Das Haus am Ellernplatz in Altenessen, in dem die Polizei am Samstag ein totes Kleinkind fand. Sein Vater hat den zweijährigen Luis nach Erkenntnissen der Polizei verdursten lassen. Der Ellernplatz gilt als sozialer Brennpunkt.

Foto: Socrates Tassos / FUNKE Foto Services

Der Fall des verdursteten Kleinkinds Luis erschüttert die Stadt und wirft ein Schlaglicht auf die Zustände in Altenessen-Süd. Ein Gastkommentar.

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Schon wieder steht Altenessen-Süd aufgrund eines schrecklichen Ereignisses im Fokus der Öffentlichkeit. Ein kleiner Mensch ist an den Folgen einer Dehydrierung gestorben. Der Vater steht unter Mordverdacht. Nein, man kann solche Tragödien nicht immer verhindern, jedoch sollte eine zivilisierte Stadtgesellschaft dort genauer hinschauen, wo immer wieder Fürchterliches passiert. Zum Beispiel in das Viertel, in dem ich wohne.

Langjährige Anwohner und Ortskundige beklagen es immer wieder: Politik und Stadtverwaltung haben dieses Viertel viel zu lange sich selbst überlassen. Man hat weggeschaut, als mit einer einst funktionierenden Infrastruktur auch die soziale Kontrolle in Nachbarschaften schrumpfte. Wer passt auf den anderen auf? Wer soll wen integrieren? Wer reagiert hier eigentlich auf Armut, Krankheit, Kriminalität und Gewalt? Das sind dringende Fragen, die für mein Viertel beantwortet werden müssen, Essener Politiker müssen hier Antworten geben.

Von Überfällen, Randale-Mietern und sexuellen Angriffen

Im Jahr 2017 schrieb ich einen Beitrag mit dem Titel „Wenn Gewalt, Terrorismus und Kriminalität neben Dir leben, willst Du Hilfe und mehr Polizei“. Ich berichtete unter anderem von einem Mann, der hinterrücks am Westerdorfplatz von einem Räuber mit einer Waffe niedergestreckt wurde, von einem brutalen Raubüberfall von zwei bewaffneten Männern auf eine Tankstelle, von einem Schusswaffenüberfall auf ein italienisches Restaurant, von Schüssen auf einen Mann an der Ellernstraße, von einer Brandstiftung an der Gladbecker Straße, von einem sexuell motivierten Angriff auf eine Frau, von einer Frau, die in ihrer Wohnung erstochen wurde, von einem Randale-Mieter, der mit einer Waffe auf Polizisten zielte, von einem schweren Raubüberfall auf zwei Frauen, von einem Mann, der in seiner Wohnung auf der Gladbecker Straße von einem Polizisten erschossen wurde und von einem Mann, der seine Eltern in der Wohnung am Berthold-Beitz-Boulevard tötete.

Heute, zwei Jahre später, laufe ich durch die Straßen, in denen immer noch die gleichen Zeitungen als Gardinenersatz in den Fenstern bewohnter Wohnungen hängen, in denen Tag für Tag kleine Päckchen aus Fenstern fliegen, nachdem ein Pfiff vom Bürgersteig aus ertönt, wo sich die gleichen Süchtigen auf dem Trottoir übergeben und die gleichen Männer ihre Frauen auf offener Straße prügeln.

Wir brauchen hier eine Polizeiwache und mehr Sozialarbeit

Fakt ist: Was hier an Sozialarbeit geleistet wird, ist viel zu wenig und die engagierten Bürger sind völlig überlastet. „Wir brauchen hier eine Polizeiwache“ ist eine Forderung, die mir hier immer wieder begegnet, genauso wie die Forderung nach mehr Sozialarbeit.

Man liest in WAZ und NRZ etwas von einem „sozial schwachen“ Viertel. Ich mag das Wort nicht. Viele hier sind sozial stark, aber „ökonomisch schwach“ aufgestellt. Umso mehr ziehe ich den Hut davor, wie die meisten den Alltag bewältigen. Dass einige Menschen ihr Leben nicht mehr meistern können, alles aus dem Ruder läuft und entsetzliche Taten passieren, hat immer eine lange Vorgeschichte.

Aus Altenessen-Süd schreien jeden Tag Hilferufe in die Gesamtstadt. Der grauenvolle Tod des kleinen Altenesseners sollte wie eine schallende Ohrfeige als Weckruf bei den Verantwortlichen aus Verwaltung und Politik ankommen. Ich bin traurig und wütend zugleich.

Susanne Demmer, 50, lebt in Altenessen, mag ihr Viertel trotz vieler Probleme und ist hier vielfach engagiert. Sie schrieb diesen Kommentar am Montag auf ihrer Facebook-Seite, wir veröffentlichen ihn hier mit ihrem Einverständnis gekürzt als Gastkommentar.

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