Essener Stadtteile (18)

Horst – ein Dorf samt Naherholungsgebiet an der Ruhr

Wer nach Horst kommt, will die Ruhr genießen: Gäste kehren gerne im Haus Großjung ein, das gleich neben der 1982 eröffneten Schwimmbrücke Holtey liegt.

Wer nach Horst kommt, will die Ruhr genießen: Gäste kehren gerne im Haus Großjung ein, das gleich neben der 1982 eröffneten Schwimmbrücke Holtey liegt.

Foto: WAZ FotoPool

Essen.   Horst war lange ein unauffälliger Stadtteil. Mit der Hochhaussiedlung Hörsterfeld verdreifachte sich die Einwohnerzahl. Folge 18 der Stadtteil-Serie „60 Minuten in ...“.

Klaus Hermsen will vom Falterweg auf den Sachsenring abbiegen, muss aber einen Moment warten. Von rechts kommen drei Autos angeschlichen und tuckern gelassen vorbei. „Mensch“, regt sich der rüstige Senior auf. „Was für ein Betrieb heute. Hier ist sonst nicht so viel los.“ Im Essener Stadtteil Horst ist eigentlich die Ruhe Zuhause. Bei drei Autos am Stück fühlt sich der Einheimische schnell an die hektische A40 erinnert.

Klaus Hermsen lebt in Horst, seit er denken kann. „Und das sind inzwischen immerhin 73 Jahre.“ Er ist engagierter Katholik in der Kolpingsfamilie und mag den Karneval. Er ist der Dorfchronist und kennt jede Ecke in seinem Horst. „In den ganzen Jahrzehnten hat sich hier schon einiges getan. Aber mein Horst ist immer ein Dorf geblieben. Bei uns kann jeder nach seiner Fasson leben und glücklich werden.“

Panoramablicke auf die Ruhr

Wer mit Klaus Hermsen den Stadtteil erkundet, landet am Platz der ehemaligen Vryburg und dem früheren Rittersitz Haus Horst. Ein Stück weiter bieten sich Panoramablicke auf die geduldig vorbeifließende Ruhr samt ihrer schönen Auen. „Wir sind ein Naherholungsgebiet“, sagt Fremdenführer Hermsen. Wege laden zum Spaziergang ein: Entlang der Ruhr nach Steele oder ins benachbarte Dahlhausen.

Nächster Halt ist die Dorfbild prägende katholische St. Josef-Kirche an der Dahlhauser Straße, die dort seit 1887 steht. „Das Obere Horst, unsere Innenstadt“, erklärt Klaus Hermsen. Bäcker, Metzger, Friseur, Wäscherei, Bank. Und der „Kleine Baumarkt“, der mit seinen 25 Quadratmetern wohl der kleinste Baumarkt der Region ist.

Hochhaussiedlung Hörsterfeld

Einige hundert Meter weiter von „Downtown-Horst“ entfernt ermöglicht der Klosterberghof Blicke auf grüne Wiesen. Auf dem Biohof des Franz Sales Haus lebt die Historie des Stadtteils weiter. „In Horst gab es früher vor allem Bauernhöfe. Hier lebten einfache Menschen, die in der Landwirtschaft, im Stahlwerk oder im Bergbau hart arbeiteten. Man kannte sich, man half sich“, erklärt Klaus Hermsen.

Der beschauliche Alltag wurde Anfang der 1970er-Jahre durchgerüttelt. Wo vorher Weizen auf den Feldern gewachsen war, schoss die Hochhaussiedlung Hörsterfeld aus dem Boden. 6000 neue Horster verdreifachten auf einen Schlag die Einwohnerzahl des Dorfes. Spätestens ab da wussten alle Essener, dass Horst nicht nur ein Stadtteil des benachbarten Gelsenkirchen ist.

Gute Nachbarschaften und lebhaftes Vereinswesen

Klaus Hermsen wohnte damals selbst einige Jahre im Hörsterfeld, einer Siedlung mit zu vielen Menschen auf zu wenig Fläche. „Anfangs war das nicht immer einfach“, erinnert er sich. Er schmunzelt aber auch, wenn er sich an eine Anekdote erinnert: „Die Leute, die kamen, hatten bis dahin mit Kohle geheizt. Im Hörsterfeld gab es moderne Stromheizungen. Wenn es zu warm wurde, haben sie die Fenster aufgerissen. Bis die ersten Stromrechnungen kamen...“

Inzwischen hat sich die Situation in dem Hochhauskomplex erheblich entspannt. Viele Mietwohnungen sind heute Eigentumswohnungen. Gute Nachbarschaften und ein lebhaftes Vereinswesen haben sich entwickelt. Der MTG Horst ist nach Rot-Weiss Essen der mitgliederstärkste Verein der Stadt. Man achtet auf den anderen. So wie man es in Horst schon immer gemacht hat.

Horst wächst weiter

Gerade wächst das Dorf wieder ein wenig: An zwei Ecken und auf ganz unterschiedliche Weise. Im Pläßweidenweg bezogen 400 Asylbewerber ein Flüchtlingszeltdorf. Und die Horster wollen sich, wie die benachbarten Steelenser, mit einer Welle der Hilfsbereitschaft einbringen.

Die Neubau-Siedlung am Breloher Steig, auf dem ehemaligen Gelände der Recyclingfirma Altwert, ist auf Dauer angelegt. 350 Neu-Horster beziehen hier Häuser und Wohnungen. „Um Horster zu sein, musst du aber erst mal lange hier wohnen“, sagt Klaus Hermsen. Und lächelt: „So nach 40 Jahren dürfen die mal ‘nen Antrag stellen.“

Alle bisher veröffentlichten Folgen finden Sie auf unserem Spezial zur Serie / Folge 28: Südostviertel / Folge 27: Margarethenhöhe / Folge 26: Heidhausen / Folge 25: Haarzopf / Folge 24: Altendorf / Folge 23: Stoppenberg / Folge 22: Werden / Folge 21: Holsterhausen / Folge 20: Dellwig / Folge 19: Rellinghausen / Folge 18: Horst / Folge 17: Südviertel / Folge 16: Rüttenscheid / Folge 15: Byfang / Folge 14: Schuir / Folge 13: Karnap / Folge 12: Bredeney / Folge 11: Fischlaken / Folge 10: Kray / Folge 9: Leithe / 8: Nordviertel / 7: Kettwig / 6: Frohnhausen / 5: Altenessen / 4: Kupferdreh / 3: Vogelheim / 2: Schönebeck / 1: Heisingen / zur Galerie mit allen Essener Stadtteil-Wappen

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