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Haus in Heisingen: Ladenhüter soll moderne Seevilla werden

Hinter diesem Angebot im Internetportal Immobilienscout verbirgt sich der alte Backsteinbau an der Lanfermannfähre in Heisingen, der Neubau wird als Projektidee vorgeschlagen.

Hinter diesem Angebot im Internetportal Immobilienscout verbirgt sich der alte Backsteinbau an der Lanfermannfähre in Heisingen, der Neubau wird als Projektidee vorgeschlagen.

Foto: Kerstin Kokoska

Essen-Heisingen.   Die Stadt Essen hat einen maroden Bau für 220.000 Euro angeboten. Nur ein Jahr später bietet der neue Eigentümer es an: jetzt für 700.000 Euro.

Es sieht aus wie eine Traumvilla in bester Lage: das schmucke Haus am Baldeneysee, das gerade für knapp 700.000 Euro bei Immobilienscout angeboten wird. Doch viele Heisinger wundern sich, denn an der Stelle des vermeintlichen Traumhauses befindet sich ein heruntergekommener Backsteinbau, der seit Jahren leer steht. Und: Die einstige Gaststätte genießt Bestandsschutz. Sprich: Wer sie abreißt, erhält keine Genehmigung für einen Neubau. Die Stadt als Voreigentümerin hatte den Wert daher lediglich mit 220.000 Euro beziffert und lange nach einem Käufer gesucht.

Das in Heisingen bekannte Gebäude galt daher schon als Ladenhüter. Laut früherem Exposé der Stadt wurde die Immobilie vor 1899 auf rund 1200 Quadratmetern Grundstück gebaut, das bis an den Baldeneysee grenzt. Hinter den alten Mauern verbergen sich 185 Quadratmeter Wohnfläche und Kohleofen sowie ein hoher Modernisierungs- und Instandhaltungsrückstand, lautete die Formulierung. Auch beschrieb die Stadt, dass das Gebäude nicht ans Kanalnetz angeschlossen sei, so dass Schmutzwasser bislang in der Fäkaliengrube lande.

Bauliche Veränderung oder Anbauten ausgeschlossen

2015 befasste sich der Ausschuss für Stadtentwicklung und Stadtplanung mit dem Thema. Relativ schnell stand fest, dass die Politik sich mit ihrem Wunsch nach einer Gastronomie nicht durchsetzen wird. Das schloss die Untere Landschaftsbehörde aus, da rund 400 Quadratmeter Fläche etwa für Stellplätze nötig gewesen wäre: Dieser erhebliche Eingriff in die Landschaft könne auf dem Gelände nicht ausgeglichen werden, hieß es – das Haus verfiel weiterhin, wurde erst im Vorjahr verkauft.

Dabei kennen zahlreiche Heisinger das Haus noch aus seinen guten Zeiten, als es die Gaststätte Zum Ruhrtal gewesen ist. Haus Witte wurde es nach dem Wirt genannt. Zuletzt wurde es als Wohnraum genutzt, seit 2013 steht es leer. Was den Verkauf für die Stadt erschwerte, war nicht zuletzt der Bestandsschutz. Jahrelang blieben Ausschreibungen erfolglos, da das Gebäude zwar nicht unter Denkmalschutz steht, aber Bestandsschutz genießt. Weil das Haus in einem geschützten Gebiet liegt, sind Abriss und Neubau ausgeschlossen. Eine Baugenehmigung würde es nicht mehr geben, bauliche Veränderungen oder Anbauten seien ausgeschlossen, erklärte die Stadt vergangenen Sommer. Und heute sagt Stadtsprecherin Silke Lenz: „An den Rahmenbedingungen in Bezug auf den Bestandsschutz hat sich nichts geändert.“

„Grundmauern müssen erhalten bleiben“

Die Bedingungen erklärt auch der Anbieter auf dem Immobilienportal

ausführlich. Dazu zählt, dass die Grundmauern erhalten bleiben müssen. Gleichzeitig wird für das aktuelle Wohngebäude der Umbau-Plan des Eigentümers aus dem Vorjahr vorgestellt. Dieser Plan könne so vom Käufer ausgeführt werden: Gezeigt wird eine Villa, die bisher lediglich als Projektidee angeboten wird. Welche Planung in dieser Toplage tatsächlich realisiert werden könne, ob Satteldach oder Flachdach, müsse der Käufer vorab mit seinem Architekten und dem Bauamt besprechen.

Die Preisvorstellung des Eigentümers für Grundstück mit dem Altbestand liege bei 600 Euro pro Quadratmeter, „ein für Heisingen und vor allem für diese einzigartige Lage sehr realistischer Wert“, beschreibt der Anbieter. Der Eigentümer selbst war für die Redaktion nicht zu erreichen.

Einige Heisinger, die durchaus die Preisentwicklung in ihrem Stadtteil kennen, äußern sich hingegen, sind überrascht vom Angebot, das auch auf der Facebook-Seite „Kaiserreich Heisingen“ rege diskutiert wird. Manchen fehle schlichtweg die Fantasie, wie der marode Bau zur Villa werden solle. Utopisch finden andere den Preis, da zu den 700.000 Euro noch die Baukosten kämen. Bleibt die Frage, die ein Nutzer stellt: „Wer will denn so viel Geld investieren?“

>>DAMM NAHM DER GASTSTÄTTE DEN SEEBLICK

Das Haus an der Lanfermannfähre, dessen Baujahr die Stadt auf vor 1899 datiert, wurde bis 1938 als Gaststätte genutzt. Der Bau des Baldeneysees 1932 leitete das Aus ein.

Nachzulesen in historischen Bänden ist, dass der neue Damm (der bis heute als Hügel vorhanden ist) die Sicht aufs Wasser nahm und die Gaststätte die Attraktivität verlor.

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