Musiktheater

„Hans Heiling“ am Aalto-Theater – „eine  Oper fürs  Revier“

Zurück in die 1960er-Jahre: Regisseur Andreas Baesler macht aus  „Hans Heiling“ eine Oper fürs Revier, inklusive Bergarbeiter-Wohnung. Foto:Socrates Tassos

Zurück in die 1960er-Jahre: Regisseur Andreas Baesler macht aus „Hans Heiling“ eine Oper fürs Revier, inklusive Bergarbeiter-Wohnung. Foto:Socrates Tassos

Essen.   Aalto-Oper zeigt  Produktion zum Ende des Bergbaus. Andreas Baesler inszeniert das romantische Werk zwischen Bergwerkstollen und Krupp-Geschichte

Der tiefschwarze Stollen steht schon auf der Probebühne. Die Bergmanns-Kostüme aus dem Fundus der Ruhrkohle AG liegen bereit. Und auch das Bergmannsorchester wird zur Stelle sein, wenn „Hans Heiling“ am 24. Februar im Aalto-Theater seine Premiere feiert. Heinrich Marschners romantische Oper gilt als Schlüsselwerk der Musikgeschichte. Auf den Bühnen des Reviers aber hat man die Geschichte von Heiling, dem König der Metallschätze schürfenden Erdgeister, noch nicht gesehen. Er bricht in die Welt der Menschen auf, um Anna zu heiraten, und muss für seinen Wunsch, ein gewöhnliches irdisches Leben zu führen, am Ende teuer bezahlen.

Dabei hat Regisseur Andreas Baesler das Werk schon lange als Thema für die Zeit des Strukturwandels entdeckt. 2018, im Jahr des Abschieds vom Bergbau, schlägt nun endlich die große Stunde von Heiling im Revier. Baesler, der mit dem Konzept schon lange beschäftig ist, hat nichts weniger im Sinn, als eine Oper fürs Ruhrgebiet. Ein Musikwerk, das sich bewusst auf die Geschichte und die Menschen des Reviers bezieht. Und nicht nur den Kumpeln von einst soll es wie Musik in den Ohren klingen, wenn der Chor der Erdgeister in der Kluft der Kumpel nach unterirdischen Schätzen schürft. „Hans Heiling“ sei auch für Leute, die sonst nie ins Aalto gehen, eine Chance, sich mit dem Medium Oper zu beschäftigen, findet Baesler.

Geisterkönige und Ruhrbarone

Drei Produktionen hat der gebürtige Berliner, Absolvent der Folkwang-Hochschule und eingetragenes Mitglied bei Schalke 04, schon am Aalto inszeniert. Mit „Hans Heiling“ widmet der Regisseur seiner zeitweiligen Wahl-Heimat Ruhrgebiet (daneben verbringt er einen Teil des Jahres auf Kuba) nun eine besondere Produktion.

Im Spannungsfeld zwischen Geisterkönigen und Ruhrbaronen, zwischen Erdgeistern und Kumpeln hat Baesler viele Parallelen gefunden, die diese Oper als echtes Ruhrgebiets-Epos erscheinen lassen. Dass die Entstehungszeit der Oper 1833 mit der Industrialisierung zusammenfällt, ist da nur eine Verbindung. Vor allem die biografischen Berührungspunkte, die dieser Hans Heiling zu Alfried Krupp aufweist, haben den Musiktheater-Mann bei der Recherche fasziniert. Der Bezug zur Familie Krupp erlaube es, die manchem heute als unspielbar geltende Marschner-Oper als psychologischen Konflikt zu erzählen. So wie der tragische Opernheld Heiling habe schließlich auch Alfried Krupp eine komplizierte Mutterbeziehung gehabt. Und auch dessen Liebes-Ehe mit einer „Bürgerlichen“, der Kaufmannstochter Anneliese Bahr, sei von der Mutter abgelehnt worden. Spannender lokaler Dreh: Während die Erdgeister-Königin die unerwünschte Braut in Marschners Oper auf einer romantischen Waldlichtung vom Eheweg abbringt, wird die Szene auf der Aalto-Bühne im Grugapark spielen.

Auf der Bühne wird jetzt das Barbarafest gefeiert

An Lokalkolorit wird es ohnehin nicht mangeln. Zwischen Bergwerkstollen, Waschkaue und stilecht eingerichteter Arbeiterwohnung wird das Bühnenbild beispielsweise auch Architektur-Zitate der Villa Hügel aufgreifen. Gleichwohl will Baesler aus „Hans Heiling“ keine Krupp-Oper machen, sondern ein Stück, das die Traditionen und Konflikte einer auslaufenden Ära abbildet. Und wenn die Dorfbewohner bei Marschner noch das St. Florianfest feiern, dann wird es im Aalto nun das St. Barbarafest sein.

Szenisch geht es in die 1960er Jahre. Zeit der ersten Montankrise, Zechenschließung und Gewerkschafterproteste, die als historische Tondokumente eingespielt werden. „Wir verabschieden uns ein stückweit aus der romantischen Welt, wobei die Bergarbeiterwelt inzwischen ja auch romantisiert wird“, sagt Baesler. Sogar ein bisschen Ruhrpott-Dialekt ist erlaubt in den Dialogen, die für die Essener Produktion zum Teil umgeschrieben wurden. Und ein wenig Sentimentalität darf im Jahr des Kohleabschieds auch aufkommen: „Theater ist ja immer auch ein Ort der Gefühle, da darf auch mal eine Träne rollen“, so Baesler. „Aber es muss auch zeigen, wo wir heute stehen. Und dass wir noch lange nicht da sind, wo man schon zu sein glaubten.“

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